Augen auf bei Tropicamid


Viktoria Anderle

Symbolbild: Augentropfen Flasche liegt geöffnet da.
Bei systemischer Anwendung kann Tropicamid zu Halluzinationen führen.Kwangmoozaa/AdobeStock_95697302

Schon seit über einem Jahrzehnt tauchen vereinzelt Hinweise auf einen missbräuchlichen Einsatz von tropicamidhaltigen Augentropfen auf. Was zunächst als Randphänomen begann, bleibt bis heute ein Thema für Apotheken. Erhöhte Aufmerksamkeit ist bei Privatrezepten mit größeren Abgabemengen der Arzneispezialität gefragt.

Rückblick

Bereits ab dem Jahr 2013 wurden erste Hinweise auf eine zweckentfremdete Anwendung von Tropicamid (Mydriaticum Augentropfen) beschrieben. Ein im British Journal of Clinical Pharmacology publiziertes Paper zeigt, dass insbesondere in Osteuropa ein wachsendes Interesse an dem Wirkstoff beobachtet wurde. Suchanfragen nahmen in den Jahren nach 2013 deutlich zu, vor allem in Russland und der Ukraine.

Parallel dazu entstand der Verdacht, dass Tropicamid nicht nur lokal am Auge, sondern auch intravenös konsumiert wird, insbesondere im Umfeld von Opioidabhängigkeit. In Frankreich wurden solche Entwicklungen zunächst nicht beobachtet, die Analyse wurde jedoch als frühes Warnsignal gewertet.

Auch in Österreich wurde das Thema sichtbar: Im Jahr 2018 informierte die Apothekerkammer über gefälschte Privatrezepte für tropicamidhaltige Augentropfen und rief zu erhöhter Aufmerksamkeit auf. Die Augentropfen seien ausschließlich zur Diagnostik zugelassen und würden nur in wenigen Ausnahmefällen bei speziellen Augenentzündungen durch Fachärzt:innen verordnet.

Was ist Tropicamid?

Tropicamid gehört zur Gruppe der Anticholinergika und wird in der Augenheilkunde als Mydriatikum eingesetzt. Der Wirkstoff blockiert kompetitiv muskarinerge Acetylcholinrezeptoren.

Bei lokaler Anwendung am Auge führt dies zu einer Relaxation des Musculus ciliaris, wodurch die Akkommodation gehemmt wird. Gleichzeitig kommt es zu einer Pupillenerweiterung. Diese tritt nach etwa fünf Minuten ein, erreicht nach 20 bis 25 Minuten ihr Maximum und hält ungefähr sechs Stunden an.

Missbrauch: Enhancer bei Opiat-Abusus

Während Tropicamid als Diagnostikum etabliert ist, zeigen Berichte der Arzneimittelkommission Deutscher Apotheker (AMK), dass es auch missbräuchlich verwendet wird. Auffällig sind dabei gefälschte Verordnungen über ungewöhnlich große Mengen.

Bei systemischer Anwendung, insbesondere intravenös, entfaltet Tropicamid atropinähnliche Effekte. Dazu zählen Halluzinationen sowie stimulierende Wirkungen, die gezielt gesucht werden. In der Drogenszene wird Tropicamid zudem als sogenannter Enhancer eingesetzt, um die Wirkung von Opioiden zu verstärken.

Die möglichen Nebenwirkungen sind erheblich und reichen von Tachykardie über Verwirrtheit und Gedächtnisstörungen bis hin zu Delirium oder akuten psychotischen Zuständen. Auch bei topischer Anwendung können systemische Effekte auftreten und andere anticholinerge Substanzen in ihrer Wirkung verstärken.

Anticholinerge Wirkungen von Antihistaminika, Phenothiazinen oder trizyklischen und tetrazyklischen Antidepressiva werden verstärkt.

Selten, aber relevant

Auch wenn die berichteten Fälle insgesamt selten bleiben, zeigt der Blick auf die letzten Jahre ein wiederkehrendes Muster: vereinzelte Missbrauchsfälle, regionale Häufungen und phasenweise erhöhte Aufmerksamkeit.

Für den Apothekenalltag bedeutet das keine akute Bedrohungslage, aber eine gewisse Sensibilität im Umgang mit entsprechenden Verordnungen. Insbesondere bei ungewöhnlichen Mengen oder Privatrezepte mit unklarer Herkunft sollte im Zweifelsfall der oder die verschreibende Ärztin:in kontaktiert werden.



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