Kieselgur, auch als Kieselerde bekannt, gilt als vielseitig einsetzbares Sedimentgestein. In Apotheken ist sie vor allem als Nahrungsergänzungsmittel für Haut, Haare und Nägel bekannt. Darüber hinaus findet sie Anwendung bei Verdauungsbeschwerden sowie in der Tierhaltung und Schädlingsbekämpfung. Die wissenschaftliche Evidenz für viele gesundheitsbezogene Wirkversprechen sind jedoch begrenzt.
Abgestorbene Kieselalgen
Kieselgur ist ein weiches Sedimentgestein, das aus fossilen Kieselalgen, sogenannten Diatomeen, entstanden ist. Diese mikroskopisch kleinen, einzelligen Algen leben im Süß- oder Salzwasser und sinken nach ihrem Absterben auf den Gewässerboden ab. Über lange geologische Zeiträume entstehen daraus mächtige Ablagerungen.
Struktur und Eigenschaften
Chemisch besteht Kieselgur überwiegend aus Siliciumdioxid mit der Summenformel SiO₂. In geringeren Mengen sind Aluminium- und Eisenoxide enthalten. Das Material liegt als weißes, feines und stark poröses Pulver vor, ist in Wasser praktisch unlöslich, nicht entzündlich und besitzt einen hohen Schmelzpunkt von 1730 Grad. Entdeckt wurde Kieselgur im 19. Jahrhundert in der Lüneburger Heide in Norddeutschland. Heute existieren weltweit große Vorkommen.
Synonyme für Kieselgur sind Kieselerde, Terra silicea, Bergmehl, Diatomeenerde und Diatomit. Die ältere Bezeichnung „Kieselsäure“ wird teilweise noch verwendet, ist chemisch jedoch nicht korrekt, da es sich um Siliciumdioxid handelt.
Die besondere Eigenschaft des Kieselgur liegt in ihrer porösen Struktur. Er kann große Mengen an Feuchtigkeit aufnehmen und besitzt absorptive sowie austrocknende Eigenschaften. Diese physikalischen Eigenschaften erklären viele ihrer technischen und landwirtschaftlichen Anwendungen.
Knochenaufbau und elastische Haut?
Im humanmedizinischen Bereich wird Kieselgur vor allem als Nahrungsergänzungsmittel (NEM) eingesetzt. Beworben wird sie bei schwachem Bindegewebe, brüchigen Nägeln, Haarausfall oder für den Knochenaufbau. Ebenso wird sie bei Magenbrennen, Durchfall und allgemeinen Verdauungsstörungen verwendet. Äußerlich kommt sie bei Hautreizungen oder bestimmten Hauterkrankungen zum Einsatz.
Für viele gesundheitsbezogene Aussagen fehlen jedoch belastbare klinische Studien. Die Verbraucherzentrale verweist in einem Informationsschreiben (Stand 01/2025) darauf, dass „die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) die Versprechen zur Wirkung als ‘nicht hinreichend gesichert’ bewertet. Daher dürfen Hersteller von NEM für diese angeblichen Wirkungen ihrer Produkte nicht werben.“ Als traditionelles Arzneimittel darf die Kieselerde jedoch mit dem Text „Traditionell angewendet zur Vorbeugung von brüchigen Fingernägeln und Haaren, zur Kräftigung des Bindegewebes. Diese Angaben beruhen ausschließlich auf Überlieferung und langjähriger Erfahrung“, beworben werden.
Eine physiologische Wirkung zum Knochenaufbau, gegen Haarbrüchigkeit oder im Zusammenhang mit der Elastizität des Bindegewebes werden zwar in Erwägung gezogen, konnten bisher aber nicht nachgewiesen werden.
Tagesmaximalmenge
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) gibt maximale Tagesmengen für die Einnahme von Silizium-Verbindungen in NEM vor:
- Siliziumdioxid höchstens 350 mg pro Tag
- Kieselsäure (Silicagel) 100 mg pro Tag
- Cholin-stabilisierter Orthokieselsäure 10 mg pro Tag
- organischem Silizium (Monomethylsilantriol) 10 mg pro Tag
Im Handel ist Kieselgur als Pulver, in Tabletten- oder Kapselform erhältlich. Teilweise wird sie mit Vitaminen oder Mineralstoffen kombiniert. Die Einnahme erfolgt gemäß Packungsbeilage. Häufig wird empfohlen, dreimal täglich einen Teelöffel nach den Mahlzeiten einzunehmen. Das Pulver kann in Wasser, Fruchtsaft, Tee oder Milch eingerührt oder mit Joghurt gemischt werden. Die Anwendung ist in der Regel für Erwachsene und Jugendliche ab zwölf Jahren vorgesehen.
Abstand beachten
Wechselwirkungen mit Arzneimitteln sind nicht auszuschließen. Siliciumdioxid kann Wirkstoffe binden und deren Resorption beeinträchtigen. Deshalb sollten andere Medikamente nicht gleichzeitig, sondern mit einem zeitlichen Abstand von zwei bis drei Stunden eingenommen werden. Bei hoher Dosierung und längerer Anwendung können selten Nierensteine auftreten.
Von Schädlingsbekämpfung bis Dynamit
Darüber hinaus existieren zahlreiche weitere Anwendungsgebiete. Kieselgur dient als Filtermaterial, Bestandteil von Zahnpasten sowie zur Bindung von Feuchtigkeit. Aufgrund ihrer austrocknenden Wirkung wird sie gegen Gliederfüßer wie Insekten und Spinnentiere eingesetzt. In der Tierhaltung wird sie beispielsweise im Stall zur Reduktion von Feuchtigkeit, Geruch, Kotbelastung und Insektenbefall verwendet. Historisch bedeutsam ist zudem ihre Verwendung zur Stabilisierung des erschütterungssensiblen Nitroglycerin bei der Herstellung von Dynamit.
Wichtig ist, dass der feine Staub nicht eingeatmet wird, da er langfristig eine Silikose verursachen kann. Beim Ausbringen größerer Mengen, etwa in der Landwirtschaft oder Tierhaltung, wird das Tragen einer geeigneten Atemschutzmaske empfohlen. Im Vergleich zu synthetischen Pestiziden gilt Kieselgur in der Schädlingsbekämpfung als besser verträglich und umweltfreundlicher, da sie physikalisch und nicht chemisch wirkt.
