In Österreich gilt eine Stillempfehlung für „rund sechs Monate“. Die Anfangsrate der Stillenden ist sehr hoch, dennoch bekommen gut die Hälfte der Kinder schon in den ersten Lebenstagen Fertignahrung verabreicht. Erstmals gibt es in Deutschland eine S3-Leitlinie zur optimalen Stilldauer. Sie empfiehlt, reifgeborene Kinder bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich oder überwiegend zu stillen.
Österreich: Stillen für rund sechs Monate
Laut Empfehlungen der österreichischen Nationalen Ernährungskommission „ist Stillen ist die natürliche, optimale Ernährung für Säuglinge.“ In der Informationsbroschüre „Stillen – ein guter Beginn“ (Stand 01/21) des Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) heißt es zur Stilldauer: „Die optimale Ernährung für Neugeborene und Säuglinge ist ausschließliches Stillen für rund sechs Monate. Auch wenn das Baby bereits Beikost bekommt, ist es gut, weiter zu stillen, solange Mutter und Kind es wollen.“
Hohe Anfangsrate, früher Einsatz von Fertignahrung
Neuere Einblicke liefert die Nationale Ernährungskommission hat in ihren aktuellen „Handlungsempfehlungen für ein stillfreundliches Österreich“. Hier wurde die Datenlage zum Stillverhalten neu bewertet. Die Empfehlungen wurden von der Arbeitsgruppe „Kleinkinder, Schwangere und Stillende“ erarbeitet (Stand 10/2023).
Darin heißt es: „Es gibt es sowohl bei der Gesamtstilldauer als auch beim ausschließlichen Stillen einen Verbesserungsbedarf in Österreich. Die Stillprävalenz liegt in Österreich zu Beginn bei 97,5 Prozent und die ausschließliche Stillrate in der ersten Lebenswoche bei 55,5 Prozent. Die Studienergebnisse zeigen, dass die Hälfte der Kinder bereits in den ersten drei Tagen Milchfertignahrung erhält. Studien und systematische Übersichtsarbeiten zeigen, dass Stillen mit kurz- und langfristigen gesundheitlichen Vorteilen für Mutter und Kind assoziiert ist und auch wirtschaftliche und ökologische Vorteile bietet.“
Neue Leitlinie aus Deutschland
Bislang lautete die Empfehlung in Deutschland, Säuglinge in den ersten vier bis sechs Monaten ausschließlich zu stillen. Die neue AWMF-Leitlinie formuliert nun klar: Reifgeborene Kinder sollen bis zum Ende des sechsten Lebensmonats ausschließlich oder überwiegend gestillt werden. Als reifgeboren gelten Kinder, die nicht vorzeitig zur Welt kommen. Damit wird die bisherige nationale Empfehlung angepasst und an die Linie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angeglichen.
Ausschließliches Stillen bedeutet, dass weder zusätzliche Flüssigkeiten noch Flaschennahrung oder Beikost gegeben werden. Beim überwiegenden Stillen sind Flüssigkeiten wie Wasser oder Tee erlaubt. Die Anpassung erfolgte laut Leitlinie im Sinne einer international konsistenten Praxis und unter Berücksichtigung neuer Daten.
Mindeststilldauer von zwölf Monaten
Neben der Empfehlung für die ersten sechs Monate legt die Leitlinie auch eine Gesamtstilldauer fest: Diese soll mindestens zwölf Monate betragen. Die Nationale Stillkommission begründet die Fokussierung auf diesen Zeitraum unter anderem mit der günstigeren Studienlage. Die Frage möglicher Effekte einer Stilldauer von 24 Monaten sei im Rahmen der Leitlinie nicht untersucht worden.
Gesundheitlicher Nutzen
Die Empfehlungen beruhen auf einer großen Zahl von Beobachtungsstudien zu gesundheitlichen Effekten bei Kind und Mutter. Diese Studien zeigen statistische Zusammenhänge, jedoch keine ursächlichen Beweise. Entsprechend zurückhaltend formuliert die Leitlinie die möglichen positiven Effekte.
Für Säuglinge gibt es demnach Hinweise darauf, dass ausschließliches Stillen über im empfohlenen Ausmaß das Risiko für folgende Erkrankungen vermindern kann:
- Mittelohrentzündungen
- Darminfektionen
- Asthma
Auch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa werden mögliche Schutzeffekte beschrieben. Als uneinheitlich wird die Studienlage bei Übergewicht und Adipositas bewertet. Hier spielen laut Leitlinie weitere Faktoren, etwa die Ernährung im späteren Kindesalter, eine Rolle.
Zudem gibt es Anhaltspunkte, dass eine kürzere Stilldauer oder Nicht-Stillen das Risiko für Zahn- und Kieferfehlstellungen erhöhen kann. Auch im Zusammenhang mit ADHS und Autismusspektrum-Störungen werden statistische Zusammenhänge beschrieben.
Neben den Effekten für das Kind nennt die Leitlinie auch potenzielle Vorteile für die mütterliche Gesundheit. Dazu zählen eine Unterstützung bei der Gewichtsreduktion nach der Schwangerschaft, ein geringeres Risiko für Bluthochdruck und für Diabetes Typ 2.
