Walrat, auch bekannt als Cetaceum oder Spermaceti, klingt wie ein Begriff aus einem alten Zauberbuch. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine Grundsubstanz, die lange Zeit in der Pharmazie eine wichtige Rolle spielte. Chemisch handelt es sich um ein Gemisch aus Fettsäureestern. Die aus dem Pottwal gewonnene Substanz ist aus guten Gründen obsolet und wird durch synthetische Alternativen ersetzt.
Im pharmazeutischen Wörterbuch Hunnius wird Walrat als glänzende, sich fettig anfühlende, wachsartige Substanz, die in Form von Schuppen oder Stücken vorliegt beschrieben. Sie besitzt einen schwachen, eigentümlichen Geruch sowie einen faden Geschmack. Walrat ist auch unter den Begriffen Cetaceum (cetus, lateinisch für Wal), Spermaceti oder weißer Amber bekannt.
Nach dem Tod des Pottwals scheidet sich Walrat aus der Schädelhöhle, dem Rückgradknochen sowie aus dem Speckgewebe ab. Früher wurde diese Substanz irrtümlich für eine Spermaflüssigkeit gehalten, woraus sich die Bezeichnung „Spermaceti“ (von sperma = Samen) ableitet.
Tierisches Produkt mit künstlicher Alternative
Chemisch handelt es sich um Ester der Palmitinsäure und Myristinsäure mit Cetylalkohol. Außerdem sind auch Ester der Laurin- und Stearinsäure darin zu finden. Aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften wurde Walrat früher vor allem zur Konsistenzverbesserung und optischen Aufwertung halbfester Zubereitungen eingesetzt. Salben erhielten durch Beimengung einen Perlmuttglanz.
Als künstlicher Ersatz dient heute vor allem Cetylpalmitat, auch als Cetacetum artificiale bezeichnet. Es handelt sich dabei um den Hauptbestandteil des natürlichen Walrats, der mittlerweile synthetisch hergestellt wird. Cetylpalmitat, auch Walratersatz genannt, besitzt ähnliche physikalische Eigenschaften eignet sich daher als tierschutzkonforme Alternative für pharmazeutische und kosmetische Anwendungen.
Walrat im Arzneibuch
Walrat war über Jahrhunderte im pharmazeutischen Gebrauch. Es wurde insbesondere zur Herstellung halbfester Arzneiformen verwendet und war Bestandteil klassischer Rezepturen wie der Kühlsalbe (Unguentum leniens). Bei Husten, Lungenerkrankungen und Durchfällen wurde Ende des 19. Jahrhunderts Walrat auch innerlich mit Zucker (Cetaceum saccharatum) angewendet.
Das tierische Produkt war bis 1996 im Österreichischen Arzneibuch (ÖAB) enthalten. 1978 wurde es aus dem Deutschen Arzneibuch (DAB) gestrichen und durch künstlich hergestelltes Cetylpalmitat ersetzt. Aufgrund des Tierschutzes ist Walrat heute nicht mehr offizinell und sollte auch nicht mehr verwendet werden. Auch Ambra, eine wohlriechende Substanz aus dem Darm von Pottwalen, fand früher in der in der Parfümindustrie rege Verwendung.
Der Pottwal
Walrat stammt aus dem Pottwal (Physeter macrocephalus). Die Substanz findet sich im sogenannten Spermaceti-Organ sowie in der Junk-Melone des Tieres, einer großen, schwammartigen Struktur im Kopfbereich oberhalb der Kieferknochen.
Dieses Gewebe ist mit Spermaceti gesättigt. Erwärmt durch die Körpertemperatur des lebendigen Tiers ist die Substanz flüssig. Die unterschiedliche Verteilung der Bestandteile innerhalb des Organs dient vermutlich als eine Art „akustische Linse“ für die Echoortung. Frühere Annahmen, wonach Spermaceti durch temperaturabhängige Verfestigung den Auftrieb beim Tauchen reguliert, gelten heute als widerlegt. Ein ausgewachsener Pottwal kann mehrere Tonnen Walrat enthalten. Ein Tier von etwa 15 Metern Länge liefert durchschnittlich rund 3.000 Liter.
Die hohe Nachfrage nach Walrat führte insbesondere im 18. und 19. Jahrhundert zu einer massiven Bejagung der Pottwale und damit zu einer deutlichen Dezimierung der Bestände. Mit dem Aufkommen synthetischer Alternativen und wachsendem Bewusstsein für den Tierschutz verlor Walrat zunehmend an Bedeutung. Seit 1981 ist die Jagd auf Pottwale verboten.
