Bücherliebhaber:innen kennen und lieben diesen Moment: Man betritt einen Raum, und ein warmer, fast nostalgischer Duft alter Bücher liegt in der Luft. Doch woher stammt dieses unverwechselbare Aroma, und warum fehlt es bei neuen Büchern meist? Die Antwort liegt in einer Vielzahl chemischer Strukturen, die gemeinsam ein komplexes, wohliges Bouquet aus Düften entstehen lassen.
Bücher, egal ob alt oder neu, geben hunderte sogenannte flüchtige organische Verbindungen ab. Diese Verbindungen entstehen entweder durch den natürlichen Abbau von Papierbestandteilen oder stammen aus Materialien, die bei der Herstellung verwendet werden, etwa Papier, Klebstoffe und Druckfarben. Entscheidend ist dabei: Alter, Papierart und Produktionsweise.
Das Aroma alter Bücher – Chemie mit Nostalgie
Der charakteristische Geruch alter Bücher entsteht vor allem durch den langsamen Zerfall von Cellulose und Lignin, zwei zentrale Bestandteile von Papier. Ältere Bücher enthalten deutlich mehr Lignin als moderne Druckwerke, was ihre Duftsignatur maßgeblich beeinflusst.
Typische flüchtige Verbindungen alter Bücher sind:

- Toluol: süßlich, leicht stechend
- Vanillin: deutlich vanilleartig, warm
- 2-Ethylhexanol: leicht blumig
- Ethylbenzol: süßlich
- Benzaldehyd: mandelartig
- Furfural: mandelartig, karamellähnlich
Diese Stoffe entstehen schrittweise über Jahre bis Jahrzehnte. Mit zunehmendem Alter des Papiers kommt es jedoch zu Oxidationsreaktionen. Das Lignin wird dabei in saure Abbauprodukte zerlegt, die nicht nur für die typische Vergilbung alter Buchseiten verantwortlich sind, sondern auch den weiteren Abbau der Cellulose fördern. Genau diese chemischen Prozesse tragen wesentlich zur Entstehung des charakteristischen Aromas alter Bücher bei.
Besonders Furfural gilt dabei, neben Benzaldehyd, als chemischer Marker: Seine Konzentration kann Hinweise auf Alter und Erhaltungszustand eines Buches liefern. Ein kleines chemisches Zeitdokument also.
Neue Bücher – frisch, klar, technisch
Der Geruch neuer Bücher hat eine völlig andere Herkunft. Hier dominieren produktionsbedingte Chemikalien, die nicht aus Abbauprozessen stammen, sondern direkt aus der Herstellung.
Die wichtigsten Quellen sind:

- Klebstoffe: etwa auf Basis von Vinylacetat-Ethylen-Copolymeren
- Papierbehandlung: zum Beispiel Alkylketendimere zur Verbesserung der Wasserbeständigkeit
- Bleichmittel: etwa Wasserstoffperoxid
- Druckfarben und Lösungsmittel: meist petrochemischen Ursprungs
Viele dieser Stoffe sind für sich genommen geruchlos. Sie können jedoch miteinander reagieren oder sich zersetzen und dabei flüchtige Verbindungen freisetzen, die den typischen, oft als „technisch“ oder „frisch“ beschriebenen Geruch neuer Bücher erzeugen.
Ein chemisches Bouquet aus Düften
Es gibt also nicht „den“ einen Buchgeruch: Denn sowohl bei alten als auch bei neuen Büchern handelt es sich immer um ein komplexes Gemisch zahlreicher flüchtiger organischer Verbindungen. Dieses Gemisch wird durch die Papierzusammensetzung, das Alter des Buches, die Lagerbedingungen und den Herstellungsprozess beeinflusst. Gerade diese Vielschichtigkeit macht den Geruch alter Bücher für viele Menschen so angenehm und emotional aufgeladen.
