Gibt es künftig eine Impfung gegen Fentanyl-Überdosierungen?


Viktoria Anderle

Symbolbild: Eine Person zieht mit einer Spritze einen Impfstoff aus einer Ampulle auf.
In Nagetiermodellen verhinderte das Vakzin, dass etwa 90 bis 100 Prozent des Fentanyls das Gehirn erreichten, und unterband die daraus folgenden Verhaltenseffekte, die zu einer Abhängigkeit beitragen können.Foto:stock.adobe.com/Tan

Eine Impfung, die eine Fentanyl-Überdosierung verhindert? Mit dem Impfstoffkandidaten ARMR-100 wurde dieser neuartige Ansatz erstmals am Menschen getestet. Laut Entwickler ARMR Sciences bildeten sich bereits bei der niedrigsten untersuchten Dosis Antikörper gegen Fentanyl. In der nächsten Studienphase soll nun geprüft werden, ob die gebildeten Antikörper vor den Nebenwirkungen von Fentanyl schützen.

Fentanyl wird medizinisch als stark wirksames Schmerzmittel eingesetzt. Das Opioid spielt aber auch auf dem illegalen Drogenmarkt eine Rolle. Eine Überdosierung kann zu einer lebensgefährlichen Atemdepression führen. Schätzungen zufolge sterben in den USA täglich rund 100 oder mehr Menschen durch Fentanyl. Der Impfstoffkandidat der Entwickler ARMR Sciences soll den Wirkstoff deshalb abfangen, bevor er das Gehirn überhaupt erreicht.

In der Pressemitteilung der Firma berichtet Seth Toback, der medizinischer Leiter: „Die Antikörperantwort, die wir bei der niedrigsten getesteten Dosis beobachtet haben, war stark, wobei die IgG-Titer gegen Fentanyl deutlich über den Ausgangswerten vor der Impfung lagen. Diese frühen Daten zur Immunogenität sind ermutigend, während wir zu Kohorten mit höheren Dosierungen und schließlich zur Fentanyl-Expositionsphase der Studie am Menschen übergehen.“

In einem Hintergrundbericht auf Medscape vom September erläutern die Forschenden Kim Janda, Colin Haile und Marco Pravetoni, wie dieser Ansatz funktionieren könnte und welche Fragen noch offen sind. Ihnen zufolge wurde die Idee bereits seit Jahrzehnten verfolgt. Frühere Impfstoffprogramme gegen Kokain und Nikotin scheiterten jedoch in späten klinischen Entwicklungsphasen.

Fentanyl abfangen, bevor es ins Gehirn gelangt

ARMR-100 enthält laut Medscape eine synthetische, fentanylähnliche Molekülstruktur ohne Opioidwirkung, ein sogenanntes Hapten. Dieses ist an das Trägerprotein CRM197 gekoppelt, das auch in bestimmten Pneumokokken- und Meningokokken-Impfstoffen verwendet wird. Der Zusatz dmLT (Double mutant heat-labile toxin) wirkt als Adjuvans verstärkt die Immunantwort.

Die Kombination soll den Körper dazu bringen, Antikörper gegen Fentanyl zu bilden. Diese binden den Wirkstoff im Blut. Die so entstehenden Komplexe sind zu groß, um die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden. Der Wirkstoff könnte somit aus dem Körper ausgeschieden werden, ohne die Opioidrezeptoren überhaupt zu erreichen. Eine Person mit Antikörpern gegen Fentanyl werde daher „die euphorisierenden Wirkungen [von Fentanyl] nicht spüren und ganz sicher keine Überdosierung erleiden“, erklärt Haile. Dadurch soll die gefährliche Atemdepression verhindert werden.

Keine Behandlung gegen Abhängigkeit

Eine Behandlung der Abhängigkeit ist das allerdings nicht, wie der Forscher Janda im Medscape-Bericht betont. Die Impfung soll gezielt vor Fentanyl schützen, nicht vor sämtlichen Opioiden oder anderen Substanzen.

Anders als die Impfung setzt der Opioid-Antagonist Naloxon direkt an den Opioidrezeptoren an und kann die lebensbedrohlichen Nebenwirkungen einer bereits eingetretenen Überdosierung rasch aufheben. Angesichts hochpotenter Substanzen wie Carfentanil werde Naloxon „Tatsächlich immer weniger wirksam“, berichtet Toback gegnüber Medscape. Wiederholte Gaben des Antidots und eine längere Überwachung der Menschen können daher erforderlich sein, merkt er an. Der Impfstoff sollte dagegen verbeugend wirken.

Erste Antikörper beim Menschen nachgewiesen

Der Impfstoff-Kandidat wurde in einer Phase-I/II-Studie mit gesunden erwachsenen Freiwilligen in den Niederlanden untersucht. ARMR Sciences berichtete im Juni über erste Zwischenergebnisse: Bis dahin hatten drei Gruppen mit insgesamt 24 Teilnehmenden den Impfstoffkandidaten erhalten.

Bereits bei der niedrigsten untersuchten Dosis seien erhöhte Antikörperspiegel gegen Fentanyl gemessen worden, teilte das Unternehmen mit. Schwerwiegende medizinische Ereignisse seien bislang nicht beobachtet worden.

Die berichteten unerwünschten Ereignisse seien überwiegend geringfügig und kurzzeitig gewesen, insbesondere gelegentliche Kopfschmerzen. „Damit ist ein erster Schritt gelungen. Ob die Antikörper tatsächlich vor einer Überdosierung schützen, ist bleibt es noch zu erforschen“, so die Wissenschaftler.

Atmungserhaltung entscheidend

Wie Medscape berichtet, erhalten Geimpfte in einer weiteren Testphase unter anästhesiologischer Überwachung eine kontrollierte Dosis Fentanyl. Dabei werden unter anderem die Atmung sowie Sauerstoff- und Kohlendioxidwerte überwacht. Die Forschenden wollen damit prüfen, ob die Antikörper die atemhemmende Wirkung abschwächen. Die Frage sei somit nicht, ob die Impfung den Tod verhindert, sondern ob sie dafür sorgen kann, dass die Betroffenen weiter atmen, geben die Forschenden zu bedenken.

Offen bleibt auch, ob genügend Menschen ausreichend wirksame Antikörper bilden und wie lange ein möglicher Schutz anhält. ARMR Sciences nennt sechs bis zwölf Monate als Entwicklungsziel. Nachgewiesen ist diese Schutzdauer bislang nicht.

Selektive Bindung der Antikörper wichtig

Für einen möglichen späteren Einsatz ist auch wichtig, welche anderen Wirkstoffe die Antikörper binden. Nach den im Bericht beschriebenen präklinischen Daten binden sie nicht an Morphin, Methadon, Buprenorphin, Naloxon oder Naltrexon. Eine Schmerzbehandlung, Substitutionstherapie und die Behandlung einer Überdosierung sollen dadurch weiterhin für Geimpfte möglich bleiben.

Bei Sufentanil besteht laut den Forschenden hingegen eine teilweise Bindung. Ein möglicher Impfstatus wäre deshalb auch für die Planung einer Anästhesie relevant. Gegen andere Substanzen wie die strukturell unterschiedlichen Opioide aus der Gruppe der Nitazene bietet die Fentanyl-Impfung keinen entsprechenden Schutz.

Kritische Betrachtung

Der Medscape-Bericht beleuchtet abschließend mögliche ethische Probleme eines künftigen Einsatzes der Impfung: Caleb Alexander, Co-Direktor des Zentrums für Arzneimittelsicherheit und Wirksamkeit an der Johns Hopkins University in Baltimore, warnt vor einem möglichen Druck auf Betroffene, sich impfen zu lassen, etwa im Zusammenhang mit Bewährungsauflagen oder Sorgerechtsentscheidungen. Zudem dürfe die Impfung nicht das Bild verstärken, Abhängigkeit sei persönliches Versagen statt einer Erkrankung.



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