Angststörungen betreffen viele Menschen, doch die biologischen Ursachen sind nicht vollständig geklärt. Forschende berichten nun, dass nicht Nervenzellen, sondern spezialisierte Immunzellen im Gehirn entscheidend beteiligt sein könnten. Zwei unterschiedliche Gruppen von Mikroglia wirken dabei wie Gaspedal und Bremse für Angstverhalten. Die Ergebnisse stammen bislang aus Mausmodellen.
Angststörungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Dennoch ist weiterhin unklar, welche zellulären Mechanismen die Regulation von Angst im Gehirn steuern.
Ein Forschungsteam der University of Utah Health untersuchte in Mäusen die Rolle von Mikroglia. Diese Zellen gehören zum Immunsystem des Gehirns und wurden lange primär als unterstützende oder schützende Zellen betrachtet. Neuere Hinweise deuteten jedoch darauf hin, dass sie auch Verhalten beeinflussen könnten.
Mikroglia-Populationen mit gegensätzlicher Wirkung
Frühere Experimente hatten gezeigt, dass eine bestimmte Untergruppe, sogenannte Hoxb8-Mikroglia, Einfluss auf angstähnliches Verhalten hat. Wurde diese Untergruppe gestört, zeigten Mäuse verstärkt Anzeichen von Angst. Wurden hingegen alle Mikroglia gleichzeitig blockiert, normalisierte sich das Verhalten überraschenderweise.
Diese Beobachtung führte zur Hypothese, dass zwei unterschiedliche Mikroglia-Populationen entgegengesetzt wirken könnten:
- Hoxb8-Mikroglia als „Bremse“, sie helfen Ängsten vorzubeugen
- Nicht-Hoxb8-Mikroglia als „Gaspedal“, fördern Ängste vermeintlich
Um dies zu überprüfen, transplantierten die Forschenden gezielt einzelne Mikroglia-Typen in Mäuse, denen diese Zellen zuvor vollständig fehlten.
Gleichgewicht durch beide Typen
Mäuse, die ausschließlich Nicht-Hoxb8-Mikroglia erhielten, zeigten ausgeprägtes angstähnliches Verhalten. Sie mieden offene Flächen und putzten sich übermäßig – typische Verhaltensmarker für erhöhte Angst bei Nagetieren.
Tiere, die nur Hoxb8-Mikroglia erhielten, zeigten dagegen kein auffälliges Angstverhalten. Wurden beide Zelltypen gemeinsam transplantiert, blieb das Verhalten ebenfalls unauffällig. Die Hoxb8-Zellen konnten die angstverstärkende Wirkung der anderen Population offenbar ausgleichen.
Die Forschenden schließen daraus, dass beide Mikroglia-Gruppen gemeinsam ein Gleichgewicht herstellen, das die angemessene Angstreaktion auf Umweltreize reguliert.
Immunzellen als künftiges Target
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Mikroglia eine aktivere Rolle bei der Entstehung neuropsychiatrischer Erkrankungen spielen könnten als bislang angenommen. Derzeit richten sich die meisten psychiatrischen Therapien primär gegen neuronale Signalwege.
Ob sich diese Erkenntnisse auf den Menschen übertragen lassen, muss jedoch noch geprüft werden. Zwar existieren auch beim Menschen unterschiedliche Mikroglia-Populationen, therapeutische Ansätze befinden sich jedoch noch in einem sehr frühen Stadium. Die Forschenden betonen daher, dass weitere Studien notwendig sind, bevor klinische Anwendungen denkbar sind.
Die Studie erschien unter dem Titel „Defective Hoxb8 microglia are causative for both chronic anxiety and pathological overgrooming in mice“ im Journal Molecular Psychiatry.
