Kann die Farbe des Tellers tatsächlich beeinflussen, wie viel wir essen? Besonders rote Teller werden immer wieder als einfaches Mittel zur Appetithemmung ins Spiel gebracht. Ein Blick auf die wissenschaftliche Literatur zeigt jedoch: Die Effekte sind deutlich komplexer und längst nicht so eindeutig, wie es manche Medienberichte nahelegen.
Tellerfarbe und Essverhalten – eine alte Idee
Dass Farben unser Essverhalten beeinflussen können, beschäftigt die Wissenschaft seit Jahrzehnten. Bereits in den 1990er-Jahren wurde untersucht, wie Farben von Lebensmitteln, Verpackungen oder dem Essumfeld Wahrnehmung, Geschmack und Auswahl beeinflussen. Die Farbe Rot gilt dabei häufig als Warn- oder Stoppsignal, was zur Hypothese führte, dass rotes Geschirr den Appetit bremsen könnte. Diese Annahme klingt plausibel, wissenschaftlich belegt ist sie jedoch nur eingeschränkt.
Weniger Snacks von roten Tellern?
Einige psychologische Experimente aus den frühen 2010er-Jahren stützten zunächst diese Hypothese. In Laborstudien von Genschow et al. und Bruno et al. griffen Probandinnen und Probanden bei Snacks wie Brezeln, Popcorn oder Schokolade weniger zu, wenn diese auf roten Tellern oder aus roten Bechern serviert wurden als auf weißen oder blauen. Die Autoren interpretierten den Effekt als eine Art unbewusstes Stoppsignal, das vor allem bei energiedichten, „ungesunden“ Snacks greift.
Auffällig ist jedoch, dass diese Studien unter stark kontrollierten Bedingungen stattfanden, relativ kleine Stichproben umfassten und ausschließlich kurzfristige Effekte untersuchten. Aussagen über langfristige Essgewohnheiten oder gar Gewichtsreduktion lassen sich daraus nicht ableiten.
Mehr Snacks von roten Tellern!
Spätere Untersuchungen zeichnen ein deutlich widersprüchlicheres Bild. So zeigte eine Buffet-Studie in 2018 von Akyol et al., dass Frauen bei einer vollständigen Mahlzeit sogar mehr Kalorien von roten und schwarzen Tellern aufnahmen als von weißen. Zwischen den roten und den schwarzen Tellern gab es jedoch keine Unterschiede in der Kalorienaufnahme.
Aufschlussreich ist eine Replikationsstudie aus dem Jahr 2021 von Steele und Rash. Die Forschenden kombinierten die Versuchsdesigns früherer Arbeiten und verdreifachten die Gruppengröße. Die Teilnehmenden erhielten Salzbrezeln auf roten, weißen oder blauen Tellern im Rahmen einer vorgetäuschten sensorischen Analyse. Das Ergebnis widersprach den ursprünglichen Befunden deutlich: Von roten Tellern wurden mehr Brezeln gegessen als von den anderen. Unterschiede im Hungergefühl oder in der Vorliebe für das Lebensmittel konnten diesen Effekt nicht erklären. Die Autorinnen und Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass ein hemmender Effekt der Farbe Rot auf den Snackkonsum nicht verlässlich reproduzierbar ist.
Eine Studie mit Vorschulkindern aus dem Jahr 2020 zeigte hingegen, dass die Farbe des Tellers keinen messbaren Einfluss auf die Aufnahme energiearmer oder energiereicher Snacks hatte. Unterschiedlich gefärbte Teller (rot, grün) führten zu keiner veränderten Essmenge.
Kontrast und Kontext als Schlüsselfaktoren
Übersichtsarbeiten zeigen inzwischen: Nicht die Farbe Rot allein scheint entscheidend zu sein, sondern der visuelle Kontrast und der Kontext. Ein hoher Farbkontrast zwischen Teller und Lebensmittel kann dazu führen, dass Portionen größer wahrgenommen werden, was in manchen Situationen mit einer geringeren Aufnahme einhergeht, unabhängig von der konkreten Tellerfarbe. Zudem macht es einen Unterschied, ob es sich um Snacks oder Hauptmahlzeiten handelt, ob bewusst oder nebenbei gegessen wird und welche Erwartungen mit Farbe und Lebensmittel verbunden sind. Auch individuelle Assoziationen spielen eine Rolle, sodass dieselbe Farbe bei unterschiedlichen Personen unterschiedliche Effekte auslösen kann.
Keine einfache Regel für den Alltag
Die aktuelle Studienlage spricht gegen eine einfache Botschaft wie „Rote Teller hemmen den Appetit“. Zwar gibt es Hinweise auf kurzfristige Effekte bei bestimmten Snacks, diese sind jedoch klein, kontextabhängig und nicht stabil reproduzierbar. Für die Praxis bedeutet das: Tellerfarben allein sind kein verlässliches Instrument zur Appetitkontrolle oder Gewichtsreduktion. Deutlich wichtiger sind Portionsgrößen, Essumgebung, Lebensmittelwahl und das eigene Essverhalten.
