Zwischen Zierde und Zelle: Medizin in Klimts Bildern


Viktoria Anderle

Mit seinem Bild „Die drei Lebensalter” Klimt brach mit den damaligen Schönheitsidealen und der damals üblichen, moralisch glatten Darstellung von Frauen. Seine intensiven Studien zum menschlichen Körper werden hier sichtbar.TARA24

Medizin und Kunst gehen oft eine enge Verbindung ein. So war der Maler Gustav Klimt wohl ein häufiger Besucher im Seziersaal der Anatomie in Wien und studierte dort intensiv den menschlichen Körperbau für seine Gemälde. Auch mikroskopische Abbildungen von Zellen faszinierten ihn – diese finden sich in seinen Werken wieder, oft jedoch verborgen für das ungeübte Auge.

„Es ist eine besondere Ehre für die MedUni Wien, diese außergewöhnliche Ausstellung zu präsentieren“, sagt Markus Müller, Rektor der MedUni Wien, im Rahmen der Pressekonferenz zur Ausstellung „Gustav Klimt und die Medizin“. Dabei wurde betont, dass neben der oft hervorgehobenen Verbindung zwischen Musik und Medizin auch bedeutende Künstler wie Gustav Klimt stark von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen beeinflusst wurden.

Skandalbild: nie am Bestimmungsort

Im Zentrum der Ausstellung steht das Bild „Die Medizin“, das ursprünglich für die Medizinische Fakultät in Auftrag gegeben wurde und im damaligen Festsaal der Universität hängen sollte. Klimt wich mit diesem Werk jedoch deutlich von den Erwartungen seiner Auftraggeber ab. „Die Auftraggeber, Professoren der Medizinischen Universität, konnten sich in diesem Gemälde nicht wiedererkennen“, erklärt Tobias Natter, Kurator der Ausstellung. „Zur damaligen Zeit wollte man positive, heroische Bilder über die Medizin. Stattdessen findet man in diesem Werk eine eher pessimistische Sicht Klimts auf die Welt“, beschrieb Natter.

Natter und Müller stehen von der Bild "die Medizin".
Natter (l.) und Müller erklären die einzelnen Elemente des Bildes „Die Medizin“.TARA24

Im Mittelpunkt des Gemäldes steht Hygieia, die griechische Göttin der Gesundheit und Sauberkeit, umgeben von verschiedenen Menschengestalten. „Klimt zeigt hier den ‚Fluss des Lebens‘, es befinden sich Schwangere, Sterbende und Alternde nebeneinander. Das Werk enthält zahlreiche Lebensallegorien und ist sehr radikal für seine Zeit“, erklären die Experten. Es handelte sich dabei um ein wahres „Skandalbild“, fügt Natter hinzu. „Klimts Auffassung nach gibt es wahre Schönheit ohne Vergänglichkeit nicht. Genau das möchte er in seinem Werk darstellen.“

An seinem ursprünglich vorgesehenen Platz wurde das Gemälde jedoch nie gezeigt. „Es wurde in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verbrannt. Ein wahrer Verlust“, betonte Natter.

Die drei Lebensalter

Ein weiteres zentrales Ausstellungselement ist das Bild „Die drei Lebensalter“. Auch hier setzt sich Klimt mit der Vergänglichkeit und dem Kreislauf des Lebens auseinander. „In Klimts Fokus ist hier das Werden und Vergehen. Die junge Frau, als Mutter mit ihrem Kleinkind sowie die alte Frau zeigen auch hier wieder den Lebenszyklus von Geburt bis zum Tod“, erklärt Kurator Natter.

Klimt und die Zellen

„Gustav Klimt ist nicht von der Medizin zu trennen. Unsere Sonderausstellung widmet sich erstmalig detailliert den profunden Kenntnissen über den menschlichen Körper, die Eingang in das Werk Klimts gefunden haben, und zeigt damit seine enge Verbindung mit den großen Ärzten im Wien um 1900“, so Christiane Druml, Direktorin des Josephinums.

Die Zellforschung befand sich zu dieser Zeit im Aufbruch, und auch Klimt zeigte sich davon fasziniert. Durch die Freundschaft mit Emil Zuckerkandl, Professor für Anatomie in Wien, eröffnete sich ihm durch den Blick durchs Mikroskop eine neue Welt. Auch das Studium der menschlichen Anatomie im Seziersaal der MedUni Wien prägte seine künstlerische Arbeit.

So findet sich etwa in seinem Werk „Danaë“, dem flüchtigen Auge verborgen, eine Darstellung von Zellstrukturen. „Im Mythos wird Danaë von Zeus im Goldregen geschwängert und gebärt Perseus daraus. Von Weitem sieht man schöne goldene Ornamente auf einem Schal, aber es handelt sich hierbei um Blastozysten“, erklärt Müller.

Klimt übersetzt diesen Moment in eine symbolische Bildsprache, denn bei Blastozysten handelt es sich um ein embryonales Frühstadium nach der Befruchtung. Der Künstler verfügte über ein umfassendes Wissen über die menschliche Anatomie sowie über Zellstrukturen. In weiteren Werken finden sich anatomische Darstellungen, die etwa an Spermienstrukturen oder Eizellen erinnern.

Kunst, Wissenschaft und medizinischer Fortschritt waren damals wie heute eng miteinander verbunden – genau diese Verbindung macht die Ausstellung eindrucksvoll sichtbar.

Ausstellung

Die Sonderausstellung „Gustav Klimt und die Medizin. Bilder zum Fluss des Lebens“ läuft von 26. März bis 28. Juni 2026 im Josephinum.

Im historischen Hörsaal werden rund 25 originale Klimt-Zeichnungen gezeigt. Veranschaulicht werden Klimts Arbeitsprozesse, seine intensive Auseinandersetzung mit Körperlichkeit sowie seine Beschäftigung mit den Themen Geburt, Leben und Tod. Ergänzt wird die Ausstellung durch medizinhistorische Exponate aus der Sammlung des Josephinums.



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