Lärm ist allgegenwärtig im Straßenverkehr, durch Flugzeuge oder im städtischen Alltag. Was viele als bloße Begleiterscheinung moderner Lebenswelten wahrnehmen, könnte für das Herz-Kreislauf-System jedoch deutlich relevanter sein als bislang angenommen. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt: Schon vergleichsweise geringe Lärmbelastungen stehen mit messbaren gesundheitlichen Risiken in Zusammenhang.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen weltweit zu den häufigsten Ursachen für Krankheit und Tod. Klassische Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen sind gut belegt. Zunehmend rückt jedoch auch Umweltlärm in den Fokus der Forschung. Ein aktueller sogenannter Umbrella-Review hat nun untersucht, wie stark der Zusammenhang zwischen Lärmbelastung und verschiedenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen tatsächlich ist.
20 Metaanalysen
Für die Analyse wurden bestehende Metaanalysen systematisch ausgewertet. Die Literaturrecherche erfolgte gemäß den PRISMA-Richtlinien in den Datenbanken PubMed, Scopus und Web of Science und umfasste Studien bis zum Mai 2025. Insgesamt flossen 20 Metaanalysen in die Bewertung ein. Ziel war es, ein möglichst umfassendes Bild der bisherigen Evidenz zu erhalten.
Welche Erkrankungen stehen mit Lärm in Zusammenhang?
Die Ergebnisse zeigen konsistente Zusammenhänge zwischen Lärmbelastung und mehreren kardiovaskulären Erkrankungen. Pro Anstieg um 10 Dezibel war Lärm verbunden mit einem erhöhten Risiko für:
- Bluthochdruck
- Vorhofflimmern
- koronare Herzkrankheit
- ischämische Herzkrankheit
Auffällig ist, dass erste gesundheitliche Effekte bereits bei Belastungen ab etwa 50 Dezibel beobachtet wurden. Hierbei handelt es sich um Lautstärken, die im Alltag keineswegs ungewöhnlich sind.
Wo zeigte sich kein klarer Zusammenhang?
Für einige Endpunkte ergab sich hingegen kein statistisch signifikanter Zusammenhang. Dazu zählen:
- Herzinfarkte
- die Gesamtsterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- die Sterblichkeit an ischämischer Herzkrankheit
Diese Differenzierung ist den Studienautoren zufolge wichtig, da sie zeigt, dass Lärm nicht alle kardiovaskulären Risiken gleichermaßen beeinflusst.
Blutdruckstörungen doppelt so häufig
Besonders deutlich fiel der Zusammenhang bei funktionellen Veränderungen aus. Menschen unter chronischer Lärmbelastung wiesen ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle und Schlaganfall-bedingte Todesfälle auf. Weiters waren mehr als doppelt so häufig Blutdruckstörungen und deutlich häufiger EKG-Auffälligkeiten zu beobachten. Diese Parameter gelten als frühe Marker für eine gestörte Herz-Kreislauf-Gesundheit.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Lärm als eigenständiger Risikofaktor ernst genommen werden sollte. In Zeiten zunehmender Verstädterung, wachsender Mobilität und industrieller Verdichtung gewinnt dieser Aspekt weiter an Bedeutung. Die Autorinnen und Autoren des Reviews betonen, dass Umweltlärm künftig stärker in Prävention, Gesundheitsberatung und gesundheitspolitische Maßnahmen einbezogen werden sollte.
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