Mega-Studie: Einsprachige altern schneller


Katharina Brand

Symbolbild: Ein junger Mann und eine junge Frau sprechen in verschiedenen Sprachen. Sie tragen beide Kopfhörer und vor ihnen sind viele Flaggen verschiedenerer Länder.
Eine Studie über 15 Jahre und mit 86.000 Proband:innen untersuchte die Auswirkung der Sprachanzahl auf die Alterung.pathdoc/AdobeStock_221477713

Wer mehrere Sprachen spricht, bleibt biologisch deutlich länger jung und schützt sich effektiv vor beschleunigter Alterung. Eine neue europäische Langzeitstudie belegt anhand von über 86.000 Datensätzen, dass Monolinguale ein doppelt so hohes Risiko für einen vorzeitigen körperlichen Abbau tragen.

Die Alterung des menschlichen Körpers verläuft nicht bei allen Menschen gleich schnell. Neben genetischen und Lebensstilfaktoren können auch kognitive Aktivitäten eine Rolle spielen. 

Proband:innen aus 27 Ländern 

Vor diesem Hintergrund untersuchten Forschende in 27 unterschiedlichen europäischen Ländern, ob das Sprechen mehrerer Sprachen mit einer langsameren biologischen Alterung verbunden ist: 

  • Zentraleuropa: Deutschland, Österreich, Schweiz, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn. 
  • Westeuropa: Frankreich, Belgien, Luxemburg, Niederlande, Irland.
  • Nordeuropa: Dänemark, Schweden, Finnland, Estland, Lettland, Litauen.
  • Südeuropa: Italien, Spanien, Portugal, Griechenland, Slowenien, Kroatien, Malta, Zypern. 
  • Südosteuropa: Bulgarien, Rumänien. 

Vorangegangene Untersuchungen lieferten bislang widersprüchliche Ergebnisse, oft aufgrund kleiner Stichproben oder fehlender Kontrolle zentraler Einflussfaktoren, betonen die Wissenschaftler:innen. Das Ziel der aktuellen Studie war daher, systematisch zu überprüfen, ob Mehrsprachler:innen biologisch langsamer altern als Monolinguale.

Mithilfe von Künstlicher Intelligenz berechneten die Forschenden hierfür die sogenannte „bio-behaviorale Alterslücke“ (BBAG) – eine Kennzahl, die den Unterschied zwischen dem chronologischen Alter und dem tatsächlichen biologischen Zustand misst.

Daten von über 86.000 Menschen ausgewertet

Für die Untersuchung wurden Daten von über 86.000 Erwachsenen im Alter von 51 bis 90 Jahren ausgewertet. Dabei handelt es sich nicht um eine bloße Momentaufnahme: Die Forschenden nutzten Daten der Share-Studie, die über einen Zeitraum von 15 Jahren (2004 bis 2019) erhoben wurden. Dieser langfristige Rahmen macht die Ergebnisse besonders belastbar und belegt, dass Mehrsprachige tatsächlich über die Zeit hinweg gesünder altern. 

Berücksichtigt wurden dabei Faktoren wie:

  • Körperliche Gesundheit und chronische Erkrankungen, 
  • Geistige Leistungsfähigkeit, 
  • Sinnesfunktionen und soziale Beziehungen.

Die Analyse konnte aufzeigen, dass Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, seltener Anzeichen beschleunigter Alterung aufweisen. Konkret zeigt die Studie, dass einsprachige Personen ein doppelt so hohes Risiko für beschleunigtes Altern tragen wie Mehrsprachige.

Schutzeffekt steigt mit Sprachenzahl

Je mehr Sprachen eine Person sprach, desto stärker war dieser Schutzeffekt. Über mehrere Jahre hinweg zeigte sich, dass Mehrsprachige im Durchschnitt gesünder altern als Monolinguale. Dieser Effekt blieb auch dann bestehen, wenn Unterschiede in Lebensstil und sozioökonomischem Status berücksichtigt wurden.

Schutzeffekt bei Migrant:innen geringer

Allerdings gibt es Nuancen: Bei Migrant:innen war der Schutzeffekt teils geringer, was auf den Stress beim Spracherwerb unter Druck hindeuten könnte. Zudem profitierten Frauen in Regionen mit hoher sozialer Ungleichheit weniger stark, da dort Bildungsressourcen oft ungleicher verteilt sind. 

Laut der Forschenden deuten die Ergebnisse darauf hin, dass regelmäßige geistige Herausforderungen durch Mehrsprachigkeit die kognitive Reserve fördern. Das Gehirn lerne durch die ständige Auswahl der richtigen Sprache, kognitive Ressourcen effizienter zu nutzen und neuronale Netzwerke zu stärken, was den biologischen Alterungsprozess messbar im Studienzeitraum verzögerte. 

Die Studie „Multilingualism protects against accelerated aging in cross-sectional and longitudinal analyses of 27 European countries“ wurde kürzlich in der Fachzeitschrift Nature Aging veröffentlicht.



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