800.000 Aufrufe für ein Apotheken-Reel. Mehr als 4.000 Follower auf Facebook, starke Reichweiten auf Instagram und Reels. Und das alles ohne Studio, ohne Drehbuch, ohne Hochglanzproduktion. Die Apotheke Oberalm zeigt, wie Social Media in der Offizin funktionieren kann: nicht als Werbefläche, sondern als Blick hinter die Tara.
Dabei war der Start alles andere als selbstverständlich. „Ich habe am Anfang gesagt: Nein, wir sind eine Apotheke, wir brauchen das nicht“, erzählt Inhaber Mag. Holger Höfler. Den Anstoß gaben schließlich Familie und Team. Vor knapp zehn Jahren begann die Apotheke mit Facebook, später kam Instagram dazu. Zunächst ließ sich Höfler von einer Agentur beraten, lernte Grundlagen zu Storytelling und Bildsprache. Die ersten Beiträge seien dennoch eher „relativ unbelebt“ gewesen: schöne Fotos, Produktinformationen, klassische Posts.
Der erste größere Reichweitensprung kam mit einem Weihnachtsgewinnspiel auf Facebook. Viele Follower blieben. Instagram lief zunächst eher mit, wurde später aber zur wichtigeren Bühne für kurze Videos und jüngere Zielgruppe. Doch Reichweite allein war nicht der Punkt. Entscheidend wurde die Frage, wen die Apotheke erreichen will. Während Facebook eher die ältere Zielgruppe anspricht, sieht Höfler auf Instagram vor allem junge Erwachsene, junge Eltern und jene Menschen, die künftig Kundinnen und Kunden werden könnten.
Als die Apotheke Gesichter zeigte
Der eigentliche Wendepunkt kam, als die Apotheke nicht mehr nur Produkte zeigte, sondern die Menschen dahinter. Zuerst stand Höfler selbst vor der Kamera, später folgte das Team. Heute entstehen viele Videos spontan im Apothekenalltag. „Wir machen das höchst unprofessionell mit dem Handy“, sagt Höfler. Wenn gerade kein Kunde in der Apotheke ist, wird gedreht. Oft reichen wenige Minuten.
Genau diese Einfachheit ist Teil des Erfolgs. Ideen landen in einer WhatsApp-Gruppe, Trends werden aufgegriffen, angepasst oder verworfen. Einen strengen Plan gibt es nicht. Ziel sei etwa ein Beitrag pro Woche, aber nicht um jeden Preis. Lieber weniger posten, als Inhalte zu erzwingen.

Höflers Stärke liegt in seiner nahbaren Art: humorvoll, selbstironisch und bewusst inszeniert, ohne gestellt zu wirken. Genau das macht die Reels charmant.
Der „Plus-Moment“ als roter Faden
Was dabei nach außen sichtbar werden soll beschreibt Höfler mit dem „Plus-Moment“. Das orange Plus im Logo sei nach dem Umbau der Apotheke zu einer Art Leitbild geworden. Es stehe für das, was in jeder Begegnung spürbar sein soll: im Kundengespräch, am Telefon, im Team und eben auch online. Klassische Werbung könne dieses Gefühl kaum transportieren. Kurze Videos schon.
Ein Beispiel dafür findet sich auf dem Instagram-Kanal der Apotheke Oberalm. In einem Reel isst Höfler einen Salatbowl, blickt in die Kamera und wird gefragt: „Was ist denn das orange da?“ Nach langem Kauen antwortet er: „Keine Ahnung, aber was ich weiß ist, dass Aspirin nicht das optimale Schmerzmittel für Allergiker ist.“ Aus einem scheinbar beliebigen Moment wird so ein fachlicher Hinweis, niederschwellig, pointiert und mit Wiedererkennungswert.
Wenn Reels in der Offizin ankommen
Die Wirkung bleibt nicht digital. Kundinnen und Kunden sprechen die Reels in der Apotheke an, zitieren Inhalte oder erkennen Mitarbeitende wieder. „Jeden Tag mehrmals“, sagt Höfler. Social Media senkt damit offenbar eine Schwelle, die in Apotheken oft hoch ist. Neue Kundinnen und Kunden kämen häufiger direkter ins Gespräch, manche duzen das Team sofort. Die Kommunikation werde dadurch näher und verbindlicher. Am besten funktionieren laut Höfler Humor und Alltagssituationen. Gesundheitstipps erreichen Menschen vor allem dann, wenn sie nicht trocken erklärt, sondern alltagsnah verpackt sind. Nicht das Aktionsfoto mit Rabattsticker bleibt hängen, sondern ein Inhalt, der unterhält, informiert oder ein bekanntes Problem aufgreift.
„Wie zeige ich das jemandem, der uns noch nicht kennt?“ beschreibt Höfler die Grundfrage hinter dem Auftritt. Klassische Werbung könne diese Stimmung schwer transportieren. Kurze Videos auf Instagram und Facebook schon: Sie zeigen nicht nur Produkte oder Aktionen, sondern Menschen, Haltung und den Ton einer Apotheke. Vielleicht liegt genau darin der Grund, warum aus einem Handyvideo plötzlich Hunderttausende Aufrufe werden können.
