Impfen in Apotheken: „Momentum ausnutzen“ und Impfquoten steigern


Viktoria Anderle

Die drei Damen bei der Pressekonferenz des ÖVIH
Der ÖVIH möchte die Impfbereitschaft der Bevölkerung nutzen und durch zusätzliche Impfangebote in Apotheken die Durchimpfungsraten steigern. „Das Momentum sollten wir ausnutzen“, betont der ÖVIH. (v.l.n.r.: Gallo-Daniel, Zahradnicek, Haslinger)Screenshot: Impfen in Apotheken/ÖVIH

Der geplante Start für das Impfen in österreichischen Apotheken rückt näher, doch die gesetzlichen Grundlagen fehlen weiterhin. Der Österreichische Verband der Impfstoffhersteller (ÖVIH) fordert deshalb eine rasche Umsetzung und verweist auf internationale Erfolge. Besonders bei FSME und HPV sieht der Verband dringenden Handlungsbedarf.

Im Februar 2026 hat die Bundesregierung die Grundsatzentscheidung zum Impfen in öffentlichen Apotheken getroffen. Der Start ist für Jänner 2027 vorgesehen, bislang fehlt jedoch die rechtliche Grundlage. Bei einer Pressekonferenz am 13. Oktober in Wien forderten Vertreterinnen des Österreichischen Verbandes der Impfstoffhersteller (ÖVIH), die notwendigen Gesetzesänderungen rasch auf den Weg zu bringen.

Dabei sei die Bereitschaft der Bevölkerung, sich impfen zu lassen, grundsätzlich hoch. Laut ÖVIH-Generalsekretärin Renée Gallo-Daniel sind 76 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher bereit, Impfangebote wahrzunehmen. Dennoch würden bestehende Möglichkeiten nicht ausreichend genutzt. „Das Momentum sollten wir ausnutzen“, betonte Gallo-Daniel. Neben Impfungen in Ordinationen, Schulen und Betrieben könnten öffentliche Apotheken künftig eine zusätzliche Anlaufstelle bieten.

Internationale Erfahrungen zeigen Potenzial

Dass das Impfen in Apotheken funktionieren kann, zeigen laut ÖVIH bereits zahlreiche europäische Länder. Wie Vizepräsidentin Nicole Zahradnicek erklärte, dürfen Apothekerinnen und Apotheker mittlerweile in mehr als 19 europäischen Ländern Impfungen verabreichen. Welche Impfstoffe angeboten werden, unterscheidet sich dabei von Land zu Land.

Als Beispiel nannte Zahradnicek Irland, wo seit 2011 in Apotheken geimpft werden darf. Nach Einführung des Angebots sei die Influenza-Durchimpfungsrate um rund 50 Prozent gestiegen. Zudem hatte sich laut einer irischen Untersuchung eine von vier in Apotheken geimpften Personen zuvor noch nie gegen Influenza impfen lassen. Rund 83 Prozent der erreichten Personen gehörten einer Risikogruppe an. Auch in Portugal wurde nach Einführung der Apothekenimpfung ein Anstieg der Influenza-Durchimpfungsrate um 32 Prozent beobachtet.

Ähnliche Erfahrungen gibt es in der Schweiz, wo zwei Drittel aller Apotheken seit 2015 Impfungen anbieten. Laut den vom ÖVIH präsentierten Daten hätten sich 15 Prozent der dort gegen Influenza geimpften Personen ohne das Apothekenangebot nicht impfen lassen. Zahradnicek verwies außerdem darauf, dass das zusätzliche Angebot nicht zulasten der ärztlichen Impfstellen gehen müsse. Vielmehr könnten auch dort die Impfzahlen steigen, wenn Impfungen insgesamt stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung rücken.

FSME: Auffrischungen werden vernachlässigt

Für Österreich sieht der Verband insbesondere bei der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) dringenden Handlungsbedarf. Österreich zählt zu den europäischen Ländern mit einer hohen FSME-Belastung, zudem gilt kein Bundesland als FSME-frei. Gleichzeitig nimmt der Anteil jener Personen ab, die entsprechend dem empfohlenen Impfschema geschützt sind.

„2011 befanden sich noch 70 Prozent der Bevölkerung im korrekten FSME-Impfschema, 2025 waren es hingegen nur noch 28 Prozent“, erklärt Zahradnicek. Viele Menschen würden zwar die Grundimmunisierung erhalten, die notwendigen Auffrischungsimpfungen jedoch vernachlässigen. „Nicht nur der Impfstart ist eine Lücke, sondern auch das Dranbleiben“, betont sie weiters. Besonders problematisch sei daher nicht nur der Beginn einer Impfserie, sondern auch deren konsequente Fortsetzung.

Gleichzeitig steigen die gemeldeten Erkrankungszahlen. Nach Angaben der Virologie der Medizinischen Universität Wien wurden bis September 2026 bereits 155 bestätigte FSME-Infektionen registriert. Im gesamten Jahr 2025 waren es 132 Fälle.

Öffentliche Apotheken könnten laut Zahradnicek dazu beitragen, diese Impflücken zu schließen. Da FSME-Impfstoffe häufig ohnehin in Apotheken gekauft werden, ließen sich Erwerb, Beratung und Verabreichung künftig an einem Ort verbinden. Auch längere Öffnungszeiten könnten insbesondere Berufstätigen und Menschen, die selten eine Arztpraxis aufsuchen, den Zugang erleichtern.

Hinzu komme, dass die FSME-Impfung in Österreich sowohl in ärztlichen Ordinationen als auch in Apotheken seit Jahrzehnten ein wichtiges Beratungsthema sei. Zahradnicek sieht deshalb gute Voraussetzungen, um die Impfung künftig auch direkt in öffentlichen Apotheken anzubieten.

HPV: Impflücken bei Jugendlichen schließen

Auch bei humanen Papillomaviren (HPV) sieht der ÖVIH Verbesserungsbedarf. Die Impfung wird in Österreich seit 2014 für Mädchen und Buben im Schulimpfprogramm angeboten. Wie ÖVIH-Präsidentin Sigrid Haslinger erklärte, habe dieses Angebot die Impfaktivität in der betroffenen Altersgruppe deutlich gesteigert. Nach dem Ende des Gratis-Programms sei die Impfbereitschaft bei Personen über 21 Jahren jedoch wieder zurückgegangen. Besonders bei Jugendlichen ab 14 Jahren bestünden weiterhin erhebliche Impflücken.

Haslinger verweist darauf, dass die HPV-Impfung einen wichtigen Beitrag zur Krebsprävention leisten könne. Während Länder wie Dänemark, Island, Norwegen und Schweden bereits hohe HPV-Durchimpfungsraten erreichen würden, bestehe in Österreich weiterhin Nachholbedarf. Entscheidend sei dabei nicht eine einzelne Maßnahme, sondern das Zusammenspiel verschiedener Impfangebote und ein klarer politischer Wille.

Öffentliche Apotheken könnten laut dem Verband insbesondere jene Jugendlichen und jungen Erwachsenen erreichen, die nach dem Ende der Schulzeit nicht mehr regelmäßig mit Impfangeboten in Kontakt kommen.

Lieferbarkeit: Hersteller wollen vorbereitet sein

Auf Nachfrage zur Verfügbarkeit der Impfstoffe für einen möglichen Start im Jänner 2027 erklärte Zahradnicek, dass die Hersteller grundsätzlich planen würden, ausreichende Mengen bereitzustellen. Voraussetzung dafür sei allerdings eine rechtzeitige Festlegung, welche Impfungen tatsächlich in Apotheken angeboten werden sollen. Nur so könnten die benötigten Mengen entsprechend eingeplant werden.

Im Zusammenhang mit den aktuellen Lieferverzögerungen bei Influenza-Impfstoffen erklärte Haslinger, dass die Impfstoffe entsprechend den Bestellungen produziert und ausgeliefert würden. Dafür seien entsprechende Vorlaufzeiten notwendig. Sollte das Impfen in Apotheken künftig auch auf Influenza ausgeweitet werden, müssten die zusätzlichen Mengen rechtzeitig berücksichtigt werden.

Zur laufenden Influenza-Saison erläuterte Gallo-Daniel, dass es auf der Nordhalbkugel zu Lieferverzögerungen gekommen sei. Zwei der drei für das öffentliche Impfprogramm vorgesehenen Impfstoffgruppen seien bereits verfügbar. Dazu zählten der nasale Influenza-Impfstoff für Kinder sowie Impfstoffe für ältere Personen und bestimmte Risikogruppen. Weitere Lieferungen würden in den kommenden Wochen erwartet.

ÖVIH fordert gesetzlichen Rahmen

Im Rahmen der anschließenden Fragerunde wurde deutlich, dass die konkrete Umsetzung weiterhin offen ist. Zwar hatte die Bundesregierung bereits im Februar die Grundsatzentscheidung getroffen, ein entsprechender Gesetzentwurf liegt laut den Angaben der Verbandsvertreterinnen bislang jedoch noch nicht öffentlich vor.

Haslinger sagte zu den derzeitigen Verhandlungen: „Aus Sicht des ÖVIH sollten die erforderlichen gesetzlichen Anpassungen möglichst rasch erfolgen, damit ein Start Anfang 2027 möglich wird.“

Schrittweiser Einstieg

Bei der Auswahl der ersten Impfungen spricht sich der Verband für einen schrittweisen Einstieg aus. Konkret werden FSME, HPV und möglicherweise Pertussis genannt. Langfristig sollten nach Vorstellung des ÖVIH sämtliche Impfungen des öffentlichen Impfprogramms (ÖIP) auch in Apotheken angeboten werden können.

Auf mögliche Risiken angesprochen, verwies Haslinger auf internationale Erfahrungen, insbesondere aus Irland. Dort habe sich das Impfen in Apotheken als gut angenommenes und sicheres zusätzliches Angebot erwiesen. Der Verband spricht sich deshalb für einen raschen, aber schrittweisen Einstieg mit ausgewählten Impfstoffen aus.

Abschließend betonten die Vertreterinnen, dass Impfungen in Apotheken keinesfalls die bestehenden ärztlichen Angebote ersetzen sollen. Vielmehr gehe es darum, zusätzliche Möglichkeiten zu schaffen und bisher schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen anzusprechen. Nach Ansicht des ÖVIH könnten auf diese Weise bestehende Impflücken geschlossen und die Durchimpfungsraten in Österreich langfristig verbessert werden.



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