“Klimaschutz kann auch für Frieden stehen”


In Nachbarländern wie Italien sind Hitzetage mit Temperaturen über 40 Grad mittlerweile zur Norm geworden.AdobeStock_299423101/Dmitry Vereshchagin

“Die Pharmazie der Zukunft” lautete der Titel des Vortrags von Dipl.-Pharm. Patrick Neumann, Klinischer Pharmazeut in Bochum und ehrenamtliches Mitglied des Vereins „Pharmacists for Future“, auf der Apothekerfortbildung in Pörtschach. Im Interview mit TARA24 spricht er über die Herausforderungen, die der Klimawandel für die Branche mit sich bringt, wie es um die Nachhaltigkeit von Versandapotheken bestellt ist und welche Rahmenbedingungen es braucht, um unbeschadet durch die Klimakrise zu kommen.

TARA24: Was sind die großen Themen, wenn wir von Nachhaltigkeit in der Pharmazie und von Nachhaltigkeit in der Apotheke sprechen?

Neumann: Ich denke, vielen ist nicht bewusst, dass der Gesundheitssektor 5,2 Prozent der CO2-Emissionen in Deutschland verursacht. Das ist mehr als der Flugverkehr (~3 Prozent), von dem es oft heißt, man solle ihn vermeiden. Die Klimakrise ist zudem eine Gesundheitskrise. Laut WHO (2021) die größte Gesundheitskrise der Menschen bisher. Uns als Mitarbeitende im Gesundheitssektor sollte an der Gesundheit liegen und da müssen wir in der Pharmazie auch nachhaltiger werden, um die Umwelt zu schonen. Schon heute wird über Lieferengpässe, Ressourcenverschwendung und Hitze in der Apotheke geklagt. Hier vor allem die Politik gefragt Forschung, Produktion und Lieferketten nachhaltig zu gestalten.

Beim Thema Nachhaltigkeit wird auch die Beratung eine große Rolle spielen. Das pharmazeutische Personal kann durch den niederschwelligen Zugang die Bevölkerung aufklären. Besonders beim Thema Hitze besteht viel Beratungsbedarf. Gerade vulnerable Gruppen sind hier stark gefährdet und auch Medikamente, wie Diuretika, haben bei Hitze einen anderen Einfluss und sind. Eine hitzesensible Beratung zu den Arzneimitteln kann beispielsweise im Rahmen einer Medikationsanalyse mit Patient:innen oder auch mit der Ärzteschaft besprochen werden. Aber auch das Thema Allergie und Asthmaberatung wird stärkeren Einfluss in den Apotheken bekommen. Hierbei kann man die Patient:innen zum zum richtigen Gebrauch der Inhalatoren beraten und die korrekte Anwendung zeigen. In Deutschland ist dies bereits eine pharmazeutische Dienstleistung der Apotheken und die ersten Ergebnisse zeigen, dass ein Großteil der Menschen ihre Inhalatoren falsch anwenden.

Was passiert, wenn wir so weitermachen wie bisher?

Die Anfänge sehen wir bereits jetzt. Wir erreichen jedes Jahr neue Hitzerekorde. Hitze kann zum einen für vulnerable Gruppen tödlich sein, zum anderen betrifft es aber jeden Menschen und auch das eigene Personal. Hitze führt zu Schlafstörungen, Konzentrationsschwiergkeiten und auch bei fitten Menschen kann es zum Hitzeschlag kommen. Dies belastet nicht nur das Gesundheitssystem, sondern den gesamten Alltag. Ein weiteres Problem der Hitze ist, dass es mehr Starkregen geben wird. Derzeit sehen wir fast monatlich einen „Jahrhundertregen“ und überflutete Regionen. Dadurch wird Trinkwasser verunreinigt, potenzielle Keime vermehren sich und Regionen können teils unbewohnbar werden. Wenn auch Apotheken betroffen sind, heißt dies gerade für Menschen auf dem Land, dass sie deutliche weiter zu ihrer Apotheke fahren müssen, um die Medikamente und Beratung zu erhalten.

Europa ist statistisch gesehen, der Kontinent, der sich am meisten erwärmen wird und somit auch die größten Folgen im Vergleich zu den letzten Jahren haben wird. Das Problem dabei ist, das Zukunftsszenario ist keine Zukunft mehr. Die Klimakrise ist hier in Europa auch spürbar angekommen und wird sich noch verschärfen, wenn wir weiterhin nichts bzw. zu wenig machen.

Wenn man pro Packung bezahlt wird, ist dies kein Anreiz für Apotheken weniger zu verkaufen und mehr zu beraten.

Patrick Neumann

Welche Rahmenbedingungen braucht es, um „klimafit“ zu werden?

Es gibt das Pariser Klimaabkommen und die SDGs oder auch Agenda 2030 genannt. Beides sind Ziele von Europa und der UN für mehr Nachhaltigkeit. Aufgrund der vielen anderen Krisen in der Welt rückt die Klimakrise derzeit ein wenig in den Hintergrund. Dabei verursacht auch die Klimakrise eine Klimaflucht und Konflikte um ertragreiche, lebenswerte Flächen. Klimaschutz kann also auch für Frieden stehen. Die Politik muss dafür die richtigen Hebel setzen, es bringt da wenig, wenn einzelne Apotheken nachhaltig werden. Hierbei könnte die Politik unterstützen. Sinnvoll wäre ein Wandel im Gesundheitswesen. Für die Apotheke wäre dies beispielsweise eine vernünftige Honorierung von Dienstleistungen und Beratung. Wenn man pro Packung bezahlt wird, ist dies kein Anreiz für Apotheken weniger zu verkaufen und mehr zu beraten. Eine Honorierung der Beratung und auch mal für ein Abraten von Arzneimitteln oder zur Prävention schont die Umwelt, spart Ressourcen und Geld.

Diese Umverteilung wäre nicht nur für die Nachhaltigkeit in den Apotheken sinnvoll, sondern man kann durch den niederschwelligen Zugang zu Apotheken auch Teile der Bevölkerung erreichen, um Verständnis zu den Zusammenhängen der Klimakrise und der Gesundheit zu bringen.
Aber auch Bedingungen wie Autofreie Städte, mehr Radwege, mehr öffentlicher Verkehr tragen dazu bei, dass zum einen die Umwelt geschont wird und zum anderen Menschen die Radfahren und sich bewegen generell weniger krank sind.

Pharmaziestudium jetzt und früher. Welchen Anteil hat Klimaschutz in der Lehre?

Das Studium wurde seit 20 Jahren nicht verändert und basiert noch immer auf den alten Methoden, in Deutschland zumindest. Ein neuer Entwurf liegt der Regierung zwar vor, allerdings geht es dort vermehrt um mehr klinische Pharmazie und mehr Pharmakologie. Das Thema Nachhaltigkeit wird weiterhin nicht beachtet. Hier gibt es teilweise Angebote für das pharmazeutische Personal, u.a. auch von den Pharamacists for Future, die 2023 Vorträge für Universitäten oder auch für die Kammer Berlin gehalten haben. Ein neu erstelltes Curriculum hat es derzeit noch nicht in die Fortbildungsreihen der einzelnen Kammern geschafft. Hier besteht dringend Handlungsbedarf, denn das pharmazeutische Personal kann die Patient:innen nicht aufklären, wenn das Wissen nicht vorhanden ist und es keine Angebote gibt für Fortbildungen.

Apotheker:innen sind eine Berufsgruppe, die erheblichen Einfluss auf die Allgemeinheit ausüben kann. Wie können sie diesen nutzen, um das Bewusstsein für den Klimaschutz zu schärfen?

Apotheker:innen haben in Deutschland bei der Bevölkerung großen Einfluss, in der Politik werden sie aber meist nicht beachtet. Apotheker:innen haben die Expertise zu Arzneimitteln, die den größten Anteil der Umweltverschmutzung aus dem Gesundheitswesen beitragen. Dieses Wissen muss genutzt, aber auch gezeigt werden. Ich denke eher, dass ein gemeinsames Vorgehen aller Akteur:innen aus dem Gesundheitswesen sinnvoller ist. Denn unser Ziel sollte es sein, die Patient:innen gut zu therapieren und zu beraten, da sollten alle Blickwinkel mit betrachtet werden. Es nützt nichts, wenn die Apotheker:innen Verbote oder Änderungen von klimaschädlichen Arzneimitteln fordern, die Alternativen für die Ärzteschaft oder Pflegenden aber nicht umsetzbar sind.
Apotheker:innen haben in der breiten Bevölkerung den größten Einfluss auf Gesundheit und Aufklärung. Dies ist ein Hebel, den man nutzen sollte. Allerdings müsste dieser Einsatz auch honoriert werden.

Birgt der Klimawandel auch Potenziale oder Chancen für die Apotheke? Zum Beispiel bei der Einrichtung von Kälteräumen etc.?

Die Apotheke ist der Ort, zu dem Menschen meist zuerst kommen. Viele Menschen suchen auch in der Apotheke beim Personal Verständnis und erhoffen sich Antworten auf viele verschiedene Fragen. In gewisser Weise ist das Apothekenpersonal nicht nur für die Beratung der Arzneimittel da, sondern auch als Zuhörende für die Probleme der Menschen außerhalb ihrer Erkrankungen. Gerade in der wärmeren Jahreszeit erfreuen sich die Menschen an der klimatisierten Apotheke. Gerade in dicht gebauten Innenstädten, die besonders warm sind, kann die Apotheke als „Hitzeinsel“ genutzt werden. Durch das Anbieten einer Erholungsecke und Wasser, kann die Apotheke neben der Beratung zum Verhalten bei Hitze den Menschen etwas Gutes Tun und Dehydrierungen vermeiden. Denkbar wären auch honorierte Beratungen oder Sprechstunden zu Themen wie Hitze, Asthma/Allergie, Infektionen und weitere Erkrankungen. Ebenfalls wäre die bereits erwähnte Präventionsberatung eine gute Option für Apotheken den Stellenwert zu erweitern und zudem Arztpraxen zu entlasten.

Wie sieht die „perfekte“ grüne Apotheke aus? Und welche ersten Maßnahmen sind unbedingt notwendig, um eine Apotheke auf grün umzustellen?

Solange die Arzneimittel den größten Faktor zum Umweltverschmutzung beitragen kann es die „perfekte“ grüne Apotheke nicht geben. Wichtig ist hierbei die drei Säulen der Nachhaltigkeit zu betrachten, die Ökonomie, Ökologie und auch das Soziale.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man eine Apotheke umweltfreundlicher gestalten kann. Zum Beispiel durch die Nutzung von Ökostrom als erste Maßnahme. Geräte können mit einem Energiesparmodus versehen werden oder werden ausgeschaltet, wenn sie nicht benötigt werden. Beim Drucken kann Papier eingespart werden, was zugleich die Feinstaubbelastung reduziert. Alternativ können digitale Lösungen verwendet werden. Auch die Mobilität lässt sich anpassen, etwa durch den Umstieg auf Elektroautos oder Fahrräder, je nach den vorhandenen Möglichkeiten. Besonders Fahrräder bieten auch für das Personal Vorteile, indem Arbeitgeber Diensträder finanziell unterstützen können. Dies motiviert das Personal zum Radfahren, fördert die Gesundheit und schont die Umwelt.

Generell gibt es zahlreiche kleine Maßnahmen, die in Esther Luhmanns Buch “Die nachhaltige Apotheke” sehr gut beschrieben sind oder als kurze Checkliste auf der Webseite von Pharmacists for Future zu finden sind.

Österreich vs. Deutschland: Kann man einen Vergleich zwischen den Ländern ziehen? Was können wir vonaneinder lernen?

Das Konzept der Apotheke ist in Deutschland recht ähnlich strukturiert. Hierzulande werden bereits verschiedene Dienstleistungen wie Medikationsanalysen, Inhalationsberatung und Blutdruckmessungen einschließlich entsprechender Beratung honoriert. Es wäre sinnvoll, grenzüberschreitend weitere Dienstleistungen anzustreben, um möglichst vielen Menschen zugutekommen zu lassen. Dies würde den Austausch erleichtern und auch Urlaubern ähnliche Beratungsmöglichkeiten bieten. Besonders klimasensitive Themen sollten europaweit harmonisiert werden, da wir alle unseren Beitrag leisten müssen, nicht nur einzelne Länder.

Wie sind Versandapotheken hinsichtlich Nachhaltigkeit einzuordnen?

Generell ist der Versandhandel kritisch einzuordnen. Die Beratung erfolgt meist in schriftlicher Form und kommt somit beim Menschen nicht an. Zudem kommt es ohne vernünftige Beratung zu einem Überkonsum von Arzneimitteln und dadurch auch vermehrt zu Verpackungsmüll. Zudem sind die Arzneimittel nochmals in einen Karton oder ähnliches verpackt, was ebenfalls zu Müll und Ressourcenverschwendung führt. Allerdings sprechen größere Lagerkapazitäten für den Versand, da können Apotheken nicht mithalten und müssen häufiger Arzneimittel bestellen, wodurch wieder mehr transportiert und gefahren werden muss.

Die Werbung für bestimmte Arzneimittel vermittelt oft den Eindruck eines „Wundermittels“, was zu einer erhöhten Nachfrage und Bestellung führt. Viele Krankheiten könnten durch präventive Beratung möglicherweise vermieden werden. Diese Beratung und Aufklärung ist in der örtlichen Apotheke möglich und sollte entsprechend honoriert und gefördert werden. Dafür bedarf es eines Umdenkens sowohl bei den Apothekern als auch in der Politik. Der Trend dürfte sich eher weg vom reinen Arzneimittelverkauf hin zu einer Vielzahl von Dienstleistungen oder Sprechstunden entwickeln.

Über Pharmacists for Future

Pharmacist for Future sind ehrenamtlich engagierte Pharmazeuten aus verschiedenen Bereichen wie Apotheke, Industrie, Forschung und Behörden die das Ziel verfolgt, die Pharmazie nachhaltiger zu gestalten. Sie setzen sich dafür ein, die Auswirkungen von Arzneimitteln in ihrem gesamten Entwicklungs- und Lebenszyklus auf Mensch und Umwelt zu identifizieren, zu bewerten und den Umgang damit zu optimieren. Die Gruppe tauscht sich regelmäßig bei monatlichen Online-Treffen über Zoom aus und war auch auf der Interpharm und der Expopharm vertreten. Aktuell gibt es drei regionale Gruppen (Nord, Ost und Südwest) mit Ansprechpartnerinnen. Informationen sind auch auf Instagram, Facebook und LinkedIn verfügbar. https://pharmacistsforfuture.org/

Dipl.-Pharm. Patrick Neumann

Klinischer Pharmazeut in Bochum und ehrenamtliches Mitglied des Vereins „Pharmacists for Future“.

Patrick Neuman hat nach mehreren Stationen in der Apotheke seit April 2024 seine Tätigkeit als Klinischer Pharmazeut am Universitätsklinikum Knappschaftskrankenhaus Bochum aufgenommen. Bereits seit Februar 2021 engagiert er sich ehrenamtlich bei “Pharmacists for Future”. Dort ist er maßgeblich an der Erstellung von Anträgen für den Deutschen Apothekertag beteiligt, gestaltet und führt Fortbildungen und Workshops durch, nimmt an Podiumsdiskussionen teil und verfasst Artikel für die Deutsche Apothekerzeitung sowie pharmazeutische Fachzeitschriften.



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