Altbekannte Medikamente mit Potenzial gegen Alzheimer


Viktoria Gamsjäger

Man sieht einen sitzenden älteren Herren. Er hält eine Hand an seinen Kopf und sein Kopf scheint in Tausend Scherben zu zerspringen.
Die Neuverwendung zugelassener Medikamente könnte schneller und kostengünstiger zu neuen Alzheimer-Therapien führen.master1305/ AdobeStock_269171947

Drei bereits zugelassene Arzneimittel könnten künftig eine Rolle in der Alzheimer-Prävention spielen. Eine internationale Expertengruppe identifizierte einen Herpes-zoster-Impfstoff, Sildenafil und Riluzol als besonders vielversprechende Kandidaten. Anstatt neue Wirkstoffe zu entwickeln, setzen die Forschenden auf „Drug Repurposing“. Klinische Studien stehen jedoch noch aus.

Die von der University of Exeter geleitete und von der Alzheimer’s Society finanzierte Studie analysierte 80 bereits zugelassene Medikamente auf ihr Potenzial zur Behandlung oder Prävention der Alzheimer-Krankheit.

Ziel war es, sogenannte „Repurposing“-Kandidaten zu identifizieren, also Wirkstoffe, die ursprünglich für andere Indikationen entwickelt wurden, jedoch auf krankheitsrelevante Mechanismen bei Alzheimer wirken könnten.

Eine internationale Gruppe aus 21 Demenz-Expertinnen und -Experten aus Universitäten, Kliniken und der pharmazeutischen Industrie sowie Betroffenenvertretungen bewertete die Substanzen in mehreren Konsensrunden.

Drei priorisierte Kandidaten

Nach dem Bewertungsprozess wurden drei Wirkstoffe als „Priority Candidates“ eingestuft:

Herpes-zoster-Impfstoff (Zostavax)

Der Impfstoff zeigte das stärkste Signal. Frühere Studien deuten darauf hin, dass Personen nach einer Impfung etwa 16 Prozent seltener eine Demenz entwickelten. Diskutiert wird ein Zusammenhang zwischen Herpes-zoster-Virus, Immunreaktionen und neurodegenerativen Prozessen. Der Impfstoff greift in immunologische Mechanismen ein, die auch bei Alzheimer eine Rolle spielen könnten.

Zostavax ist ein Lebendimpfstoff gegen Gürtelrose (Herpes zoster), der in Österreich nicht mehr empfohlen wird. Er wird für immunsupprimierte Personen nicht empfohlen und ist dem derzeit eingesetzten Totimpfstoff in seiner Wirksamkeit deutlich unterlegen.

Sildenafil (Viagra)

Sildenafil, ein Phosphodiesterase-5-Hemmer, zeigte in präklinischen Studien neuroprotektive Effekte. In Tiermodellen verbesserte der Wirkstoff Gedächtnisleistungen und reduzierte die pathologische Tau-Akkumulation. Zudem könnte eine verbesserte zerebrale Durchblutung eine Rolle spielen.

Riluzol

Riluzol wird zur Behandlung der Motoneuron-Erkrankung eingesetzt. In Tiermodellen führte es zu einer verbesserten kognitiven Leistungsfähigkeit und zu reduzierten Tau-Spiegeln.

Alle drei Wirkstoffe erfüllen nach Ansicht der Expertengruppe zentrale Kriterien: Sie adressieren krankheitsrelevante biologische Prozesse, zeigten positive Signale in Zell- und Tiermodellen und gelten als für ältere Menschen verträglich.

Weitere Kandidaten

Neben den drei priorisierten Kandidaten wurden fünf weitere Medikamente in die engere Auswahl aufgenommen, erreichten jedoch nicht die Einstufung als „Priority Candidates“. Dazu zählten Fingolimod, das bei Multipler Sklerose eingesetzt wird, Vortioxetin zur Behandlung von Depressionen, Mikrolithium, ebenfalls aus dem psychiatrischen Bereich, Dasatinib zur Therapie bestimmter Leukämien sowie Cytisin, das in der Anästhesie Verwendung findet.

Diese Substanzen zeigten zwar einzelne interessante Ansatzpunkte, erfüllten jedoch nicht alle Kriterien hinsichtlich Evidenzlage, biologischer Plausibilität und Sicherheit für ältere Patientinnen und Patienten.

Weitere Studien erforderlich

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse mahnen die Expertinnen und Experten zur Zurückhaltung. Die identifizierten Wirkstoffe müssen nun in gut konzipierten, randomisiert-kontrollierten klinischen Studien geprüft werden. Erst solche Untersuchungen können zeigen, ob sich die präklinischen und epidemiologischen Hinweise tatsächlich in einen klinischen Nutzen für Menschen mit Alzheimer oder erhöhtem Erkrankungsrisiko übersetzen lassen.

Die Forschenden betonen, dass Drug Repurposing ein wichtiger Baustein in der Demenzforschung sein kann, jedoch keine Abkürzung an der sorgfältigen wissenschaftlichen Prüfung vorbei darstellt.

Die Arbeit erschien unter dem Titel „Drug repurposing for Alzheimer’s disease: a Delphi consensus and stakeholder consultation“ im Journal Alzheimer’s Research & Therapy im Jahr 2025.



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