Helfen Proteine beim Abnehmen und schaden den Nieren?


Viktoria Anderle

Sybolbild: In Proteinpulver wurden die Worte "Protein" geschrieben. Daneben liegen eine Hantel und eine Trainingsscheibe.
Ein Erwachsener mit 70 kg Körpergewicht benötigt rund 56 g Protein pro Tag. Doch was passiert wenn mehr aufgenommen wird?expressiovisual/AdobeStock_223506822

Proteine sind derzeit stark im Fokus und finden sich in zahlreichen Lebensmitteln mit dem Hinweis auf eine „hohe Proteinquelle“. Neben dem Muskelaufbau erhoffen sich viele Menschen eine Gewichtsreduktion. Gleichzeitig wird diskutiert, ob eine erhöhte Proteinzufuhr die Nieren belasten kann.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Erwachsene eine tägliche Proteinzufuhr von 0,8 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht, bei bestimmten Gruppen wie älteren Menschen, Schwangeren und Stillenden auch mehr. In Studien wurde eine Ernährung als proteinreich definiert, wenn 20 bis 30 Prozent der Kalorien aus Protein stammen.

Studie mit 4.000 Teilnehmenden

Ein erhöhter Proteinanteil soll Hunger und Appetit reduzieren und länger sättigen. Die Studienlage dazu ist laut Faktencheck-Plattform „Medizin Transparent“, die von Cochrane Österreich und der Donau-Universität Krems geführt wird, begrenzt und nicht eindeutig. Die Plattform weist auch darauf hin, dass viele der gängigen Versprechen aus der Fitness- und Influencer-Szene nicht haltbar sind. Insbesondere die Annahme, dass sich allein durch einen erhöhten Proteinanteil in der Ernährung eine deutliche Gewichtsreduktion erzielen lässt.

Eine große Studie mit rund 4.000 Teilnehmenden untersuchte, ob eine proteinreiche Ernährung beim Abnehmen Vorteile bringt. Dabei ernährte sich eine Gruppe proteinreich, während die andere eine proteinärmere Kost einhielt. Nach einem halben bis eineinhalb Jahren zeigte sich kein relevanter Unterschied: Beide Gruppen nahmen ähnlich viel Gewicht ab, ein klarer Vorteil durch mehr Protein ließ sich nicht erkennen.

Gewichtsverlust kaum relevant

Ganz eindeutig sind sich die Wissenschafter:innen jedoch nicht: Eine weitere Studienübersicht deutet darauf hin, dass ein minimaler Effekt möglich sein könnte. Dieser liegt allerdings nur bei etwa einem Viertel Kilogramm und ist damit wahrscheinlich klinisch wenig bedeutsam. Proteine können laut Studie beim Abnehmen zwar unterstützen, aber: Alleine reichen sie allerdings nicht aus, um signifikante Gewichtsverluste zu erzielen. 

Eine Anpassung von Ernährung und Lebensstil bleiben laut der Wissenschaftler:innen entscheidend.

Vorsicht bei Niereneinschränkungen

Die Frage nach möglichen Schäden für die Nieren lässt sich nicht pauschal beantworten. Die DGE (Stand 01/2021) weist darauf hin, dass bei Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion eine erhöhte Proteinzufuhr zu einer weiteren Verschlechterung führen kann. Für gesunde Erwachsene fehlen hingegen ausreichend Daten für eine klare Bewertung.

Ein Konferenzabstrakt mit dem Namen „Association Analysis of Protein Intake and Renal Recovery in Patients with Acute Kidney Disease (AKD)“ befasste sich mit einer longitudinalen Studie mit 303 Patienti:nnen nach akuter Nierenschädigung. Anhand von 24-Stunden-Urinproben wurde die Proteinzufuhr geschätzt und ihr Zusammenhang mit der Erholung der Nierenfunktion sowie einer möglichen Dialysepflicht über einen Zeitraum von 90 bis 180 Tagen untersucht.

Dabei zeigte sich ein gemischtes Bild:

  • kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Proteinaufnahme und Nierenerholung
  • bei mehr als 1,2 g pro kg pro Tag: Verschlechterung der Nierenfunktion
  • jedoch auch kein Zusammenhang mit neu auftretender chronischer Nierenerkrankung bei zuvor Gesunden

Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass insbesondere hohe Proteinmengen bei bereits belasteter Niere problematisch sein könnten.

Mehr Protein, weniger Mortalität

Dem gegenüber stehen Studien, die sogar positive Effekte zeigen. Die Kohortenstudie „Protein Intake and Mortality in Older Adults With Chronic Kidney Disease“ aus 2024 fand, dass eine höhere Aufnahme von Gesamt-, tierischem und pflanzlichem Protein bei älteren Erwachsenen mit chronischer Nierenerkrankung (chronic kidney disease, CKD) mit einer geringeren Gesamtmortalität assoziiert war. Der Effekt war bei Personen ohne Nierenerkrankung sogar noch ausgeprägter.

Auch eine große Kohortenstudie mit dem Namen „Association between dietary protein intake and all-cause mortality among individuals with different estimated glomerular filtration rates“ zeigt ein differenziertes Bild in Abhängigkeit von der Nierenfunktion. Aufgrund der Daten von 48.930 Menschen konnte folgendes abgeleitet werden:

  • Bei normaler Nierenfunktion (eGFR ≥ 90 mL/min/1,73 m²) war eine höhere Proteinzufuhr (0,8 bis 1,2 g beziehungsweise  ≥ 1,2 g Eiweiß pro kg Körpergewicht pro Tag) mit einem besseren Überleben assoziiert.
  • Bei leicht eingeschränkter Nierenfunktion (60 < 90 mL/min/1,73 m²) ergab sich ein Überlebensvorteil bei moderater Proteinzufuhr mit 0,8 bis 1,2 g Protein pro kg pro Tag.
  • Bei stärker eingeschränkter Nierenfunktion (eGFR < 60 mL/min/1,73 m²) konnte kein zusätzlicher Nutzen durch erhöhte Proteinzufuhr nachgewiesen werden.

Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass Protein nicht grundsätzlich schädlich ist, sondern der Effekt stark vom Ausgangszustand der Nieren abhängt.

Gemischte Datenlage

Die vorliegende Studienlage deutet darauf hin, dass ein höherer Proteingehalt in der Ernährung beim Abnehmen keinen relevanten Vorteil bringt. Wenn ein Effekt beobachtet wird, fällt dieser sehr gering aus und ist klinisch kaum bedeutsam. Für die Nierenfunktion zeigt sich ein differenziertes Bild: Für gesunde Menschen besteht bei üblicher Proteinzufuhr vermutlich kein erhöhtes Risiko, während bei bestehenden Niereneinschränkungen Vorsicht geboten ist. Gleichzeitig weisen einige Studien auf mögliche Vorteile einer höheren Proteinzufuhr hin, insbesondere bei älteren Menschen.



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