Was zunächst nach einem Scherz klingt, ist das Ergebnis ernsthafter Forschung: Wissenschaftler:innen haben untersucht, ob Sauerstoff nicht nur über die Lunge, sondern auch über den Darm aufgenommen werden kann. Für diese ungewöhnliche Idee wurden sie mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichnet. Mittlerweile liegen sogar erste Ergebnisse aus Studien am Menschen vor.
Die sogenannte enterale Beatmung verfolgt einen neuen Ansatz zur Unterstützung von Menschen mit schwerem Atemversagen. Ziel ist es, dem Körper zusätzlichen Sauerstoff unabhängig von der Lunge zuzuführen, um diese zu entlasten und Zeit für Heilung zu gewinnen. Im Zentrum der Forschung steht dabei eine sauerstoffreiche Flüssigkeit namens Perfluordecalin, die über den Enddarm verabreicht wird.
Der Ig-Nobelpreis: Lachen erlaubt, Forschung erwünscht
Der Ig-Nobelpreis wird jährlich an Studien vergeben, die auf den ersten Blick skurril wirken, beim genaueren Hinsehen aber einen ernsthaften wissenschaftlichen Kern haben. Das erklärte Ziel: Forschung auszeichnen, die Menschen zunächst zum Schmunzeln und dann zum Nachdenken bringt.
Im Jahr 2024 ging der Preis in der Kategorie Physiologie an ein japanisch-amerikanisches Forschungsteam rund um Takanori Takebe, einen Arzt und Stammzellbiologen mit Stationen in Japan und den Vereinigten Staaten.
Idee hinter dem Experiment
Takebe wurde gleich doppelt inspiriert: Einerseits durch die Beatmung seines an Lungenentzündung erkrankten Vaters, die er als sehr invasiv empfand. Andererseits durch biologische Vorbilder aus dem Tierreich. Bestimmte Fischarten, etwa der Europäische Schlammpeitzger, können Sauerstoff nicht nur über Kiemen, sondern auch über den Darm aufnehmen. Da der menschliche Darm ebenfalls stark durchblutet ist und Einläufe seit Langem zur Medikamentengabe genutzt werden, stellte sich die Frage: Könnte auch Sauerstoff auf diesem Weg in den Blutkreislauf gelangen?
Erfolgreiche Tierversuche
In Experimenten mit Mäusen, Ratten und Schweinen testete das Forschungsteam sauerstoffangereichertes Perfluordecalin. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Unter sauerstoffarmen Bedingungen konnten die Tiere dank der enteralen Sauerstoffzufuhr länger überleben. Bei Schweinen erhöhte jede 400-Milliliter-Dosis den Sauerstoffgehalt im Blut für rund 20 Minuten. Diese Resultate ebneten den Weg für die nächsten Schritte.
Erste Tests beim Menschen
Ende 2025 wurden die ersten Ergebnisse einer Phase-1-Studie veröffentlicht, unter anderem im Fachjournal Med. In Japan nahmen 27 gesunde männliche Freiwillige an der Untersuchung teil. Sie erhielten unterschiedliche Mengen nicht sauerstoffhaltigen Perfluordecalins rektal, das eine Stunde lang im Körper behalten wurde. Die Dosen reichten von 25 Millilitern bis zu 1,5 Litern.
Das wichtigste Ergebnis: Es traten keine schweren Nebenwirkungen auf. Leichte Beschwerden wie Blähungen oder Bauchschmerzen waren dosisabhängig und vorübergehend. Der Stoff wurde nicht messbar ins Blut aufgenommen. Damit konnte erstmals gezeigt werden, dass diese Art der Anwendung sicher und gut verträglich ist.
Wozu?
Noch ersetzt die enterale Beatmung keine klassische Sauerstoffversorgung. Ihr möglicher Nutzen liegt vielmehr in kritischen Übergangssituationen: etwa in den Minuten vor oder während des Anschlusses an ein Beatmungsgerät, wenn der Sauerstoffgehalt besonders stark abfallen kann. Ein zusätzlicher Sauerstoffschub, auch über einen ungewöhnlichen Weg, könnte hier wertvolle Zeit gewinnen.
Skepsis
Nicht alle Fachleute sind überzeugt. Kritiker geben zu bedenken, dass der Sauerstoffbedarf eines Menschen hoch ist und sich nur schwer dauerhaft über Einläufe decken lässt. Andere sehen dennoch Potenzial als ergänzende Maßnahme, nicht als Ersatz für etablierte Beatmungsverfahren.
Die Sicherheitsdaten gelten als wichtiger Meilenstein. Nun sollen weitere klinische Studien prüfen, ob sauerstoffangereichertes Perfluordecalin tatsächlich einen messbaren Nutzen für Patientinnen und Patienten mit Atemversagen bringt. Was also mit einem Ig-Nobelpreis und einem Augenzwinkern begann, könnte sich langfristig als ernstzunehmende Ergänzung in der Intensivmedizin erweisen – selbst wenn der Weg dorthin buchstäblich über den „Hintereingang“ führt.
