Kratom gilt oft als „natürliche“ Alternative zur Schmerz- oder Stimmungsregulation. Neue Daten aus den USA zeigen jedoch eine andere Entwicklung: Vergiftungen, Hospitalisierungen und Todesfälle nehmen deutlich zu und stellen das vermeintlich harmlose Image zunehmend infrage.
Was ist Kratom?
Kratom (Mitragyna speciosa) wird aus den Blättern eines in Südostasien heimischen Baumes gewonnen. Traditionell werden die Blätter gekaut, als Tee zubereitet oder anderweitig verarbeitet, um Schmerzen zu lindern oder die Stimmung zu beeinflussen. Der Wirkstoff kann je nach Dosis sowohl stimulierend als auch sedierend wirken. In westlichen Ländern wird Kratom zudem teilweise eingesetzt, um Entzugssymptome bei Opioidabhängigkeit zu mildern, wobei die Wirksamkeit hierfür nicht ausreichend belegt ist.
Deutlicher Anstieg der Fallzahlen
Eine aktuelle Analyse des University of Virginia Health System zeigt einen massiven Anstieg kratombezogener Fälle in den USA. Zwischen 2015 und 2025 stieg die Zahl der gemeldeten Vergiftungsfälle um mehr als 1200 Prozent.
- 2015: 258 gemeldete Fälle
- 2025: 3434 gemeldete Fälle
„Die Daten zeigen einen besorgniserregenden Trend“, erklärt Chris Holstege, medizinischer Direktor des Blue Ridge Poison Center gegenüber der Plattform ScienceDaily. „Diese Entwicklung, die sich in den nationalen Daten widerspiegelt, beobachten wir auch in unserer klinischen Praxis vor Ort, mit zunehmend mehr Patient:innen, die aufgrund schwerer Komplikationen im Zusammenhang mit Kratom-Produkten behandelt werden“, zeigt sich der Arzt besorgt.
Nach einem zwischenzeitlichen Plateau in den Jahren 2020 bis 2024 kam es zuletzt erneut zu einem deutlichen Anstieg. Insgesamt wurden im Beobachtungszeitraum mehr als 14.400 Expositionen erfasst.
Mehr Hospitalisierungen und Todesfälle
Parallel zu den steigenden Fallzahlen nahmen auch schwere Verläufe zu.
- Hospitalisierungen durch Kratom allein: Anstieg von 43 auf 538 Fälle (mehr als 1150 Prozent)
- Hospitalisierungen bei Kombination mit anderen Substanzen: Anstieg von 40 auf 549 Fälle (nahezu 1300 Prozent)
Besonders relevant ist der Mischkonsum: Ein Großteil der schweren Fälle trat in Kombination mit anderen Substanzen wie Antidepressiva oder illegalen Drogen auf. Im untersuchten Zeitraum wurden zudem 233 Todesfälle im Zusammenhang mit Kratom berichtet, davon 184 unter Beteiligung mehrerer Substanzen.
Wer ist betroffen?
Die meisten Fälle betreffen Männer, insbesondere im Alter zwischen 20 und 30 Jahren. Allerdings zeigt sich zunehmend auch eine Ausweitung auf ältere Altersgruppen, etwa zwischen 40 und 59 Jahren. Im Jahr 2025 führten etwa 60 Prozent der Fälle mit Mehrfachkonsum zu schweren medizinischen Komplikationen, rund die Hälfte der Betroffenen musste hospitalisiert werden.
Als mögliche Ursachen für die Entwicklung nennen die Autorinnen und Autoren vor allem die zunehmende Verfügbarkeit sowie die steigende Potenz der Produkte. In den USA wird Kratom häufig in hochkonzentrierten Formen wie Extrakten oder Kapseln verkauft, deren Zusammensetzung nicht immer transparent ist. Die enthaltenen Wirkstoffe, insbesondere Mitragynin und 7-Hydroxymitragynin, haben komplexe pharmakologische Eigenschaften und können zu Wechselwirkungen und unerwünschten Effekten führen.
Kein Nischenprodukt mehr
Die aktuellen Daten zeigen, dass Kratom längst kein Nischenprodukt mehr ist. Der deutliche Anstieg an Vergiftungsfällen und schweren Verläufen spricht für eine wachsende Relevanz im öffentlichen Gesundheitskontext.
Gleichzeitig wird deutlich, dass das Risiko insbesondere bei hochdosierten Produkten und im Mischkonsum steigt. Für die Praxis bedeutet das vor allem eines: Aufmerksamkeit gegenüber einem Stoff, der oft als „natürlich“ wahrgenommen wird, dessen Risiken aber zunehmend sichtbar werden.
