Nach jahrzehntelanger Debatte: Hinweise auf Nutzen von Digoxin


Redaktion

Der rote Fingerhut steht im Garten. Hinter ihm eine Statue mit der Aufschrift "Herz und Kreislauf"
Digoxin zählt zur Gruppe der Herzglykoside. Es hemmt die Natrium-Kalium-ATPase, wodurch die Kontraktionskraft des Herzmuskels zunimmt.TARA24

Seit Jahrzehnten wird über Nutzen und Wirkung von Digitalis bei chronischer Herzschwäche diskutiert. Eine neue niederländische Studie liefert nun Hinweise darauf, dass niedrig dosiertes Digoxin die Zahl akuter Verschlechterungen der Herzinsuffizienz reduzieren könnte. „Bei Patienten mit verringerter Auswurffunktion der linken Herzkammer scheinen niedrig dosierte Digitalispräparate eine wirksame zusätzliche Behandlungsoption darzustellen“, sagte Studienleiter Dirk van Veldhuisen von der Universität Groningen.

1785 wurde Digitalis, aus dem Roten Fingerhut gewonnen, erstmals zur Behandlung von Herzschwäche eingesetzt. Nach jahrzehntelangen Diskussionen über Effekt oder Wirkungslosigkeit hat jetzt eine bei einem Kongress in Barcelona vorgestellte niederländische Studie neue Informationen gebracht.

Digoxin ist das älteste Medikament in der Kardiologie, doch seine Wirksamkeit in der Behandlung der chronischen Herzschwäche mit verringerter Auswurffunktion der linken Herzkammer (HF(m)rEF; Anm.) war bisher unklar“, erklärte Studienleiter Dirk van Veldhuisen von der Universität Groningen am Sonntag beim Jahreskongress der Heart Failure Association“ der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) in Barcelona. Rund um Digitalis gab es eine jahrzehntelange Diskussion.

1997: Kein Effekt auf Mortalität

In der 1997 veröffentlichten DIG-Studie zeigte Digoxin keinen Effekt auf die Mortalität, jedoch wurde eine Reduktion der Spitalsaufnahmen aufgrund von Herzinsuffizienz um 28 Prozent beobachtet. Spätere Analysen der DIG-Studie ergaben, dass niedrigere Serum-Digoxin-Konzentrationen mit einem günstigen Effekt assoziiert waren, während höhere Digoxin-Spiegel die Prognose verschlechterten“, schrieb die Fachgesellschaft der europäischen Kardiologen in einer Aussendung.

Wir führten die DECISION-Studie durch, um zu untersuchen, ob niedrig dosiertes Digoxin positive Effekte auf akute Herz-Kreislauf-Ereignisse bei Patienten mit HF(m)rEF hat, die gemäß den aktuellen Leitlinien behandelt werden“, sagte der Experte. Mittlerweile gibt es wirksame Kombinationstherapien mit verschiedenen modernen und wissenschaftlich gut belegten Arzneimitteln gegen chronische Herzschwäche. Ohne dokumentierte positive Wirkung würde Digitalis keinen Sinn mehr machen.

43 Kliniken, rund 1000 Probanden

Die doppelt verblindete Untersuchung wurde an 43 Kliniken in den Niederlanden durchgeführt. Patienten mit symptomatischer, leichter bis mittelschwerer chronischer Herzschwäche wurden per Zufall zusätzlich zu ihrer sonstigen Therapie entweder mit niedrig dosiertem Digoxin oder mit Placebo behandelt. Die angestrebte Blutserum-Digoxin-Konzentration lag zwischen 0,5 bis 0,9 ng pro ml Serum. Als primärer Endpunkt wurden eine Verschlechterung der Herzinsuffizienz (definiert als Gesamtzahl der Krankenhausaufenthalte oder Akutaufnahmen im Spital) und die Sterblichkeit aus Herz-Kreislauf-Ursachen definiert. Insgesamt wurden 1001 Patienten aufgenommen. Das mittlere Alter der Teilnehmer betrug 73 Jahre, 28 Prozent waren Frauen und 29 Prozent litten an Vorhofflimmern.

Die Ergebnisse sprechen für einen schwachen positiven Effekt von Digitalis. Niedrig dosiertes Digoxin reduzierte den primären Endpunkt statistisch nicht signifikant. Während einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 36,5 Monaten traten 238 akute Ereignisse bei 131 von 500 Patienten in der Digoxin-Gruppe auf, während 291 Ereignisse des primären Endpunkts bei 152 von 501 Patienten in der Placebo-Gruppe auftraten. Obwohl statistisch nicht signifikant, war die Gesamtzahl der Verschlechterungen der Herzinsuffizienz in der Digoxin-Gruppe niedriger als in der Placebo-Gruppe (minus 24 Prozent; Anm.). Die Sterblichkeit aus Herz-Kreislauf-Ursachen war unter Digoxin und Placebo de facto gleich“, schrieb die medizinische Fachgesellschaft. Niedrig dosiertes Digoxin wurde im Allgemeinen gut vertragen und war sicher.

Metaanalyse aus vier Studien

Eine Metaanalyse mit den Daten aus vier wissenschaftlichen Studien zu der Frage der Wirksamkeit von Digitalis, die ebenfalls bei dem Kongress vorgestellt wurde, zeigte – wahrscheinlich auch durch die größere Zahl der Probanden mit insgesamt etwas mehr als 9000 Herzschwäche-Patienten – doch noch einen signifikant positiven Effekt des ehemals von dem britischen Arzt William Withering erstmals eingesetzten, aus Fingerhut-Extrakt bestehenden Medikaments. Es wurde eine Reduktion der Herz-Kreislauf-Sterblichkeit und der Häufigkeit einer Verschlechterung der Herzinsuffizienz um 15 Prozent belegt. Ein schnelles Absetzen des Medikaments wirkt sich hingegen laut einer dritten Analyse negativ aus.

Bei Patienten mit HF(m)rEF scheinen niedrig dosierte Digitalispräparate eine wirksame zusätzliche Behandlungsoption darzustellen, die kostengünstig, sicher und einfach anzuwenden ist. Die Gesamtheit der wissenschaftlichen Evidenz stützt die Rolle von niedrig dosiertem Digoxin in der modernen Herzschwäche-Therapie. Beim Absetzen ist jedoch Vorsicht geboten“, meinte dazu van Veldhuisen.

Weitere Studien an Digitoxin

Die Wissenschafter erklären in ihrem Paper außerdem, dass derzeit noch eine weitere Studie läuft: die DIGIT-HF-Studie (DIGitoxin to Improve ouTcomes in patients with advanced chronic Heart Failure). In dieser Studie werden 1250 Patienten aus Deutschland, Österreich und Serbien randomisiert. Untersucht wird dabei die Wirkung von niedrig dosiertem Digitoxin, einem weiteren Digitalis-Glykosid.

Die Ziel-Serumkonzentration von Digitoxin liegt in der DIGIT-HF-Studie bei 8 bis 18 ng/ml. Das entspricht beim Menschen einer Serum-Digoxin-Konzentration (SDC) von 0,5 bis 0,9 ng/ml und damit jener Ziel-SDC, die auch in der DECISION-Studie verwendet wurde.

Digitoxin unterscheidet sich pharmakokinetisch von Digoxin und wird primär über die Leber ausgeschieden. Im Gegensatz zu Digoxin gibt es für Digitoxin bislang keine anderen ausreichend aussagekräftigen randomisierten kontrollierten Studien bei Patienten mit Herzinsuffizienz, so die Studienautoren.

APAMED



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