Die US-Amerikanerin Martha Lillard, die als letzte bekannte Nutzerin einer Eisernen Lunge galt, ist im Alter von 78 Jahren gestorben. Die an Polio erkrankte Frau war seit ihrer Kindheit auf das historische Beatmungsgerät angewiesen. Mit ihrem Tod endet vermutlich das letzte bekannte Kapitel einer Medizintechnik, die eng mit der Geschichte der Kinderlähmung verbunden ist.
Nach nach Berichten mehrerer US-Medien ist Lillard bereits Ende Juni im Alter von 78 Jahren in Oklahoma (USA) verstorben. Sie hatte sich 1953 im Alter von fünf Jahren mit Polio infiziert. Zwei Jahre danach wurde in den USA der erste Impfstoff gegen die Krankheit eingeführt. Die Infektion lähmte große Teile ihres Körpers und schädigte ihre Atemmuskulatur dauerhaft. Nach Angaben ihrer Familie auf einer GoFundMe-Seite blieb Lillard trotz ihrer schweren gesundheitlichen Einschränkungen selbstständig und kreativ. Sie malte, schrieb Gedichte und komponierte Musik am Klavier.
Auf veraltete Technik angewiesen
Während andere Polio-Überlebende jedoch später auf moderne Beatmungsgeräte umsteigen konnten, blieb Lillard auf die Eiserne Lunge angewiesen. Sie habe zwar verschiedene Alternativen ausprobiert, doch keines habe ihr die nötige Unterstützung beim Atmen geboten, sagte sie noch wenige Tage vor ihrem Tod dem Lokalsender KFOR.
Zuletzt habe sich ihr Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert, berichtete die Schwester der Verstorbenen, auch infolge von Langzeitauswirkungen zweier Covid-19-Infektionen. Gleichzeitig sei die Wartung der Jahrzehnte alten Eisernen Lunge, auf die Lillard den Berichten zufolge zuletzt rund um die Uhr angewiesen war, immer schwieriger geworden. Ersatzteile aus den 1940er-Jahren seien kaum noch zu beschaffen gewesen, zudem habe sich niemand mehr gefunden, der das Gerät reparieren konnte, zitierte KFOR die Schwester.
Ende einer medizinischen Ära
Erst im März 2024 war mit Paul Alexander ein weiterer bekannter Nutzer des historischen Beatmungsgeräts im Alter von 78 Jahren gestorben, der mehr als 70 Jahre damit gelebt hatte.
Die Eiserne Lunge ist ein großer Metallzylinder, der Patienten mit Hilfe von Druckveränderungen beim Atmen unterstützt. Indem abwechselnd ein Unter- oder Überdruck erzeugt wird, hebt und senkt sich der Brustkorb. Die Atemluft kann dadurch, wie bei einer natürlichen Atmung, wieder in die Lunge ein- und ausströmen. Das Gerät wurde vor Einführung wirksamer Polio-Impfstoffe in den 1950er-Jahren ein Symbol für den Kampf gegen die Krankheit.
Poliovirus und Symptomatik
Polioviren gehören zur Gruppe der Enteroviren und sind kleine, unbehüllte RNA-Viren. Sie kommen ausschließlich beim Menschen vor und werden in drei Serotypen unterteilt, wobei Typ 1 weltweit am häufigsten vorkommt und schwere Erkrankungen verursachen kann. Die Übertragung erfolgt überwiegend fäkal-oral, etwa durch Schmierinfektionen oder verunreinigte Lebensmittel und Wasser. Da sich das Virus zunächst auch im Rachenraum vermehren kann, ist auch eine Übertragung über Tröpfchen möglich. Magensäure vermag das Virus nicht zu inaktivieren.
Rund 90 bis 95 Prozent aller Infektionen verlaufen laut Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) asymptomatisch. Treten Symptome auf, ähneln diese zunächst oft einem grippalen Infekt mit Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Kopf- und Halsschmerzen. Diese sogenannte abortive Poliomyelitis befällt jedoch keine Nervenzellen und heilt komplett aus.
Kinderlähmung
Nur bei einem kleinen Teil der Infizierten (ein bis zwei Prozent) befällt das Virus das zentrale Nervensystem. Hierbei treten Symptome wie Nackensteifigkeit oder Muskelspasmen auf. Zu Lähmungen der Muskulatur kommt es nicht.
Bei etwa 0,1 bis 0,5 Prozent der Infizierten kommt es zur sogenannten paralytischen Poliomyelitis, besser bekannt als Kinderlähmung. Der Name geht auf die typischen schlaffen Lähmungen zurück, die früher vor allem Kinder betrafen und insbesondere Arme und Beine, in schweren Fällen aber auch die Atemmuskulatur beeinträchtigen können. Trotz des Namens können grundsätzlich Menschen jeden Alters an Poliomyelitis erkranken.
Keine Heilung, aber Impfung
Eine Heilung gibt es bisher nicht, jedoch eine Impfung mit einem Polio-Lebendimpfstoff (Schluckimpfung). Aufgrund von Impfkampagnen in den vergangenen Jahrzehnten gilt Polio seit Jahren als weltweit nahezu ausgerottet. Dadurch konnten bis heute rund 20 Millionen Menschen vor einer Lähmung und eineinhalb Millionen vor dem Tod bewahrt werden, wie es bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heißt. In Österreich konnte laut Angaben der AGES zuletzt in den 1980ern das Poliovirus in seiner Wildform nachgewiesen werden, Impfviren noch bis 2001. Ein epidemiologisches Labornetzwerk überwacht zudem in Österreichweiten das Enterovirus-Geschehen.
APAMED /AGES
