Grippeimpfung: „Wir stehen mit leeren Händen da“


Redaktion

Dr. Fedra-Machacek trägt eine weiße Bluse und ein blaues Stethoskop um den Hals. Sie hat kinnlange blonde Haare, trägt eine dezente Brill und lächelt in die Kamera.
Dr. Dagmar Fedra-Machacek, Kurienobfrau der Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich, bemängelt die strengen Erstattungsregeln bei Grippeimpfstoffen.Elias Hartmann.

Die Ärztinnen- und Ärztekammer für Niederösterreich (ÄKNÖ) bemängelt, dass aktuell der Standardimpfstoff fehlt, den die Krankenkasse zahlt. Man stehe mit leeren Händen vor den impfwilligen Patient:innen, während eine Alternative bereitliege. Da diese jedoch nicht übernommen werde, müssten Impfwillige weggeschickt werden.

Besonders ärgerlich: Eine zugelassene Alternative liege bereits in den Kühlschränken. Da dieser Impfstoff nicht für 50- bis 59-Jährige über das kostenlose Impfprogramm freigegeben sei, sorge das in den Praxen für Engpässe. Bei der generell niedrigen Impfbereitschaft könnten so noch mehr Impfwillige verloren gehen, warnt Kurienobfrau Dr. Dagmar Fedra-Machacek.

„Nur rund zehn Prozent der Bevölkerung sind nach unseren Daten und den Erfahrungen aus den Ordinationen bereit, sich gegen Grippe impfen zu lassen. Wenn diese Menschen jetzt zu uns kommen und wir sie wegen des fehlenden Impfstoffs frustriert und ungeimpft wieder nach Hause schicken müssen, ist das für sie schwer nachvollziehbar“, bemängelt Fedra-Machacek. 

Es müsse sichergestellt werden, dass aus der Bereitschaft zur Impfung auch eine Impfung wird. „Dazu müssen ÖGK und Gesundheitsministerin alle Hebel in Bewegung setzen – und genau das geschieht derzeit nicht“, kritisiert die allgemeinmedizinisch tätige Kassenärztin.

Selbst wenn der Standardimpfstoff Influvac (Viatris) eintreffen würde, müsse er erst in die Ordinationen verteilt werden, so die Kammer, womit sich die Impfungen nun immer weiter verzögerten. 

Dass der Impfstoff Fluad (Seqirus) für Patient:innen ab 50 Jahren zugelassen, aber erst ab 60 kostenlos zur Verfügung stehe, sei nicht nachvollziehbar; nur für Menschen mit schwerer Immunsuppression gilt eine Ausnahme. „Der Impfstoff wäre da, die Menschen wären bereit – doch die Altersgrenze im Impfprogramm verhindert die kostenlose Impfung“, so die Kammer weiter.

„Eine gesunde 55-jährige Patientin möchte sich in meiner Ordination impfen lassen. Wir müssen ihr sagen: Der bestellte Impfstoff ist leider noch nicht da. Den Impfstoff im Kühlschrank, der ab 50 Jahren zugelassen ist, darf ich ihr im kostenlosen Impfprogramm leider nicht geben, weil er dort erst ab 60 gratis zur Verfügung steht. Das versteht niemand. Wer heute unverrichteter Dinge nach Hause geht, kommt vielleicht kein zweites Mal“, so Fedra-Machacek.

Hier brauche es eine rasche Öffnung von Fluad im kostenlosen Impfprogramm für die 50- bis 59-Jährigen, soweit die verfügbaren Mengen es zulassen. Die Versorgung älterer und besonders gefährdeter Menschen müsse dabei gesichert bleiben; gleichzeitig gelte es umgehend zu klären, ob zusätzliche Dosen beschafft werden können.

„Das wäre zwar eine neue Maßnahme, die aber aufgrund der sich frühzeitig ankündigenden Grippewelle absolut zulässig und notwendig wäre“, sagt Dr. Michael Sokol, Leiter des Impfreferats der ÄKNÖ. „Wir können nicht ständig zum Impfen aufrufen und dann Menschen vertrösten, die unserem Aufruf folgen. Jede Impfung, die wir jetzt ermöglichen können, zählt. Jeder Patient, der sich impfen lassen möchte, braucht ein verlässliches Impfangebot und eine klare Auskunft, wann das möglich ist“, ergänzt Fedra-Machacek.

„Für uns Ärztinnen und Ärzte ist es frustrierend, wieder als Lückenbüßer herhalten zu müssen. Wir stehen den Patienten und Patientinnen gegenüber und bekommen ihren berechtigten Ärger ab, obwohl wir die Situation weder verschuldet haben noch selbst lösen können. Gesundheitsministerium und Sozialversicherung müssen die Bevölkerung klar informieren und rasch für eine Lösung sorgen“, heißt es weiter. Man könne die Bevölkerung nur um Verständnis bitten.



– Newsletter

Bleiben Sie stets informiert!