Wer seinen Kaffee oder Tee am liebsten brühend heiß trinkt, könnte damit seiner Gesundheit schaden. Schon länger gibt es Hinweise darauf, dass sehr heiße Getränke das Risiko für Speiseröhrenkrebs erhöhen. Eine britische Studie mit knapp einer Million Teilnehmenden bestätigt diesen Zusammenhang nun auch für Europa. Dabei spielt nicht nur die Temperatur eine Rolle.
Sehr heiße Getränke können die Schleimhäute in Mund und Speiseröhre schädigen. Bei wiederholter Belastung könnte dadurch langfristig die Entstehung von Krebs begünstigt werden. Das deutsche Ärzteblatt berichtete : „Aufgefallen war der Zusammenhang zunächst in Südamerika, wo Mate-Tee ein populäres Heißgetränk ist.“ Zunächst standen die Inhaltsstoffe der Mate-Pflanze (Ilex paraguariensis) im verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen. Spätere Untersuchungen deuteten jedoch darauf hin, dass vor allem die hohe Trinktemperatur eine Rolle spielt.
Ähnliche Beobachtungen wurden auch in der iranischen Provinz Golestan gemacht. Dort wird Tee häufig besonders heiß konsumiert. In einer untersuchten Region wurde eine bis zu zehnfach höhere Häufigkeit von Speiseröhrenkrebs (Ösophaguskarzinome) festgestellt als in einer Vergleichsregion, in der dieses Trinkverhalten weniger verbreitet war.
Ab 65 °C wird es kritisch
Die Internationale Agentur für Krebsforschung (International Agency for Research on Cancer, IARC) stufte bereits 2016 den Konsum sehr heißer Getränke mit Temperaturen über 65 °C als „wahrscheinlich krebserregend für den Menschen“ ein. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine exakte biologische Grenze, ab der eine Schädigung eintritt.
Da Kaffee und Tee in Europa üblicherweise bei niedrigeren Temperaturen getrunken werden, galt das Risiko hier bislang als weniger relevant. Forschende der Universität Oxford gingen deshalb der Frage nach, ob sich ein Zusammenhang zwischen heißen Getränken und Speiseröhrenkrebs auch in einer europäischen Bevölkerung nachweisen lässt.
Daten von knapp einer Million Menschen
Für ihre Untersuchung wertete das Forschungsteam um Keren Papier zwei große britische Kohortenstudien aus. In der Million Women Study wurden zwischen 1996 und 2001 mehr als 510.000 Frauen im Alter von 50 bis 64 Jahren zu ihren Lebensgewohnheiten befragt. Dabei sollten sie unter anderem angeben, ob sie ihre Getränke bevorzugt sehr heiß, heiß oder warm trinken.
Zusätzlich flossen Daten von 467.170 Frauen und Männern im Alter zwischen 37 und 73 Jahren aus der UK Biobankein. Diese wurden zwischen 2006 und 2010 erhoben. Insgesamt umfasste die Analyse 977.282 Personen.
Während der durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von 14,2 beziehungsweise 11,1 Jahren wurden 2.348 Fälle von Speiseröhrenkrebs registriert. Davon entfielen 1.045 auf Plattenepithelkarzinome und 1.303 auf Adenokarzinome.
Dreifach erhöhtes Krebsrisiko
Die Auswertung zeigte einen deutlichen Zusammenhang zwischen der bevorzugten Trinktemperatur und dem Risiko für Plattenepithelkarzinome der Speiseröhre. Personen, die ihre Getränke sehr heiß konsumierten, hatten im Vergleich zu jenen, die warme Getränke bevorzugten, ein rund dreifach erhöhtes relatives Erkrankungsrisiko. Das relative Risiko lag bei 3,17. Dabei wurde bereits berücksichtigt, wie häufig die Teilnehmenden heiße Getränke konsumierten.
Doch nicht nur die Temperatur, sondern auch die Trinkhäufigkeit spielte eine Rolle. Wer täglich sechs oder mehr heiße Getränke zu sich nahm, wies gegenüber Personen mit einem geringeren Konsum ein um 71 Prozent erhöhtes relatives Risiko für Plattenepithelkarzinome auf. Dieser Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung der bevorzugten Trinktemperatur bestehen. Für Adenokarzinome der Speiseröhre zeigte sich hingegen kein vergleichbar ausgeprägter Zusammenhang mit der Trinktemperatur.
Weniger heiße Getränke, weniger Krebsfälle?
Den Berechnungen der Forschenden zufolge könnten in Großbritannien rund 14 Prozent der Plattenepithelkarzinome der Speiseröhre vermieden werden, wenn Personen, die ihre Getränke bislang sehr heiß trinken, auf niedrigere Trinktemperaturen umsteigen würden. Diese Schätzung setzt allerdings voraus, dass der beobachtete Zusammenhang tatsächlich ursächlich ist.
Die Ergebnisse sprechen nach Ansicht des Forschungsteams dafür, sowohl die Temperatur als auch die Häufigkeit des Konsums heißer Getränke bei der Prävention von Speiseröhrenkrebs stärker zu berücksichtigen. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lässt sich allerdings nicht zweifelsfrei nachweisen, dass die hohe Trinktemperatur unmittelbar für die Krebsentstehung verantwortlich ist.
Die Studie „Hot Drinks and Oesophageal Cancer: Prospective Analyses in Around 1 Million UK Adults“ wurde im Fachjournal International Journal of Cancer veröffentlicht.
APA
