Bunte Dosen, fruchtige Sorten und ein Platz im Supermarktregal. THC-haltige Getränke sind in den USA längst kein Nischenprodukt mehr. Doch gerade ihre leichte Verfügbarkeit und teils hohe Dosierung sorgen für Kritik und offenbar für immer mehr Vergiftungsfälle bei Kindern.
Was auf den ersten Blick wie Eistee, Limonade oder ein Wellness-Drink aussieht, kann eine psychoaktive Substanz enthalten. In New Yorker Supermärkten, kleinen Shops und Feinkostgeschäften werden Tetrahydrocannabinol (THC)-haltige Getränke teils offen angeboten, obwohl sie dort nach geltendem Recht nicht verkauft werden dürften. Die Kennzeichnung ist dabei nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Besonders problematisch ist die Dosierung.
Die 2023 verabschiedeten Vorschriften in New York begrenzen den THC-Gehalt solcher Getränke auf maximal 1 mg pro Portion. Im Handel wurden laut Bericht jedoch Produkte mit 5 bis 10 mg gefunden, heißt es bei dem US-Pharma-Informationsdienstes STAT. Einzelne Marken enthielten sogar 50, 60 oder 100 mg THC-Mengen, die für unerfahrene Konsumenten deutlich zu hoch sein können. „Das ist nicht erlaubt. Aber es geschieht trotzdem“, sagt dazu Christopher Lackner, Leiter des Branchenverbands Hemp Beverage Alliance (Hanf-Getränkeverband).
Kinder landen nach THC-Konsum im Krankenhaus
Welche Folgen die leichte Verfügbarkeit haben kann, zeigt sich in den Notaufnahmen. Rudy Kink, Kinderarzt am Le Bonheur Children’s Hospital in Memphis, berichtet: „Wir beobachten einen enormen Anstieg bei Kindern, die THC-haltige Getränke und andere THC-Produkte konsumieren, da diese jetzt leicht zugänglich sind.“ Sein Krankenhaus behandle mittlerweile schätzungsweise vier bis fünf entsprechende Fälle pro Woche.
Menschen, die sich mit der Welt von Marihuana weniger auskennen, wüssten womöglich gar nicht, was THC bedeute. „Sie denken vielleicht, es sei einfach ein Wellness-Getränk oder etwas Ähnliches, das keine berauschende Wirkung hat“, so Spindle.
Die Symptome reichen von Apathie und Verwirrtheit über Übelkeit und Erbrechen bis zu Bewusstseinsstörungen. Manche Kinder würden sogar komatös eingeliefert. Für Eltern sei die Ursache zunächst oft nicht erkennbar und werde erst durch Blut- oder Urintests auf THC festgestellt.
Cannabisvergiftungen um mehrere Tausend Prozent gestiegen
Wie stark die Zahl schwerer Expositionen gestiegen ist, zeigten Daten, auf die eine im „Journal of Addiction Medicine“ veröffentlichte Studie verweist: Die Anrufe bei US-Vergiftungszentrale wegen Cannabisvergiftungen bei Kindern unter sechs Jahren nahmen zwischen 2009 und 2024 um mehr als 6000 Prozent zu. Bei Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren lag der Anstieg sogar bei mehr als 13.000 Prozent.
Rund ein Drittel der von THC-Vergiftungen betroffenen Kinder musste demnach auf einer Intensivstation behandelt werden. Besonders häufig traten stark erniedrigter Blutdruck und Atemprobleme auf, knapp 60 Prozent benötigten Infusionen.
Getränke wirken schneller als klassische Edibles
THC-Drinks unterscheiden sich zudem in ihrer Wirkung von vielen essbaren Cannabisprodukten. Der Pharmakologe Tory Spindle von der Johns Hopkins University untersucht die Aufnahme verschiedener Cannabisprodukte. Bisherige Ergebnisse seiner Forschung zeigen laut Bericht, dass THC aus Getränken bereits nach 15 bis 20 Minuten wirken kann und nach etwa 30 bis 45 Minuten seinen Höhepunkt erreicht. Bei klassischen Edibles wie Brownies oder Gummibärchen kann es dagegen etwa eine Stunde dauern, bis die Wirkung einsetzt, ihr Maximum wird häufig erst nach zwei bis drei Stunden erreicht. Auffällig ist auch die Dosis-Wirkungs-Beziehung: Ein Getränk mit 10 mg THC könne stärker wirken als ein Gummibärchen mit derselben Menge.
Millionenmarkt trifft auf Gesetzeslücke
Hinter dem Boom steht inzwischen ein großer Markt. In den USA soll es bis zu 750 Marken mit THC-Getränken geben. Für 2026 wird das Marktvolumen auf rund 1,4 Milliarden US-Dollar geschätzt. Begünstigt wurde die Entwicklung durch den sogenannten „Farm Bill“ von 2018, der Produkte aus Industriehanf auf Bundesebene legalisierte und damit eine rechtliche Lücke für bestimmte THC-Produkte schuf.
Fachleute fordern deshalb strengere Vorgaben für THC-Getränke. Diskutiert werden deutlich sichtbare Warnhinweise, eine Abgabe erst ab 21 Jahren sowie getrennte Verkaufsbereiche. Denn solange eine THC-Dose optisch kaum von einer gewöhnlichen Limonade zu unterscheiden ist, würde das Risiko einer unbeabsichtigten Einnahme bestehen bleiben.
APA
