Aktuelle Leitlinie: „Krebsdiäten“ sind ungeeignet bis gefährlich


Viktoria Gamsjäger

Symbolbild: Eine Pinke schleife liegt auf einem Teller. Daneben Messer und Gabel.
Spezielle Diäten können in der Onkologie erhebliche Risiken bergen. Fachgesellschaften warnen vor schweren Komplikationen bis hin zu lebensbedrohlichen Folgen.annebel146/AdobeStock_480150171

Fastenkuren, ketogene Diät oder sogenannte „synergistische Ernährungsweisen“, zahlreiche Ernährungskonzepte werden bei Krebserkrankungen diskutiert. Die aktuelle Leitlinie stellt jedoch klar: Für sogenannte „Krebsdiäten“ oder Fastenprogramme gibt es keine ausreichende Evidenz. Sie können sogar erhebliche gesundheitliche Risiken bergen.

Die Fachgesellschaften der deutschen Onkologen und Ernährungsmediziner haben jetzt ihre Leitlinien zu diesem Thema aktualisiert. Bei dem Dokument handelt es sich um eine sogenannte S3-Leitlinie (Onkologische Ernährungsmedizin), welche für solche Empfehlungen die höchste Qualitätsstufe gemäß der deutschen Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften darstellt. Die wichtigste Aussage: Sogenannte Krebsdiäten und Fastenprogramme sind für die Betroffenen ungeeignet. „Studien zeigen keinen Nutzen, aber ein hohes Risiko für Mangelernährung – was bei Krebspatienten zum Tod führen kann“, hieß es in einer Aussendung.

Konsensmeinung: „Diätvorschriften, die die Nahrungsaufnahme bei Patienten mit bestehender oder drohender Mangelernährung einschränken, können schädlich sein und sollen vermieden werden.“

Durch eine Krebserkrankung oder -therapie verlieren viele Menschen Gewicht. Dann sei es aber besonders wichtig, einer Mangelernährung vorzubeugen. Denn der Ernährungszustand hat einen Einfluss auf den Erkrankungsverlauf und auf die Therapie. „Wird nicht rechtzeitig gegengesteuert, drohen Komplikationen, Therapieversagen und im schlimmsten Fall der Tod durch Mangelernährung“, sagte Jutta Hübner von der Universitätsklinik in Jena (Integrative Onkologie).

Fehlende Evidenz: vegetarische oder vegane Ernährung

Krebspatienten bekommen von Laien viele Ratschläge zu ihrer Ernährung. Mit elf Empfehlungen ordnet die Leitlinie besondere Ernährungsformen wie vegane, ketogene Ernährung oder die sogenannte Krebsdiät nach Breuß jetzt kritisch ein.

Evidenz-based Statement: „Aufgrund mangelnder Evidenz kann keine Empfehlung für oder gegen eine vegetarische oder vegane Ernährung für Patienten mit einer onkologischen Erkrankung während der antitumoralen Therapie gegeben werden.“

„Für vegetarische oder vegane Ernährung fehlt noch die Evidenz, um eine Empfehlung dafür oder dagegen auszusprechen. Bis verlässliche Studien vorliegen, ist für onkologische Patienten eine sorgfältige Planung zwingend erforderlich, um Mangelernährung zu vermeiden“, wurde Jutta Hübner zitiert.

Evidenz-based Statement: „Fasten soll Patienten mit einer onkologischen Erkrankung unter laufender Tumortherapie nicht außerhalb von Studien empfohlen werden.“

Von der Leitlinie auch nicht empfohlen ist eine eine ketogene Ernährung bei normalgewichtigen sowie untergewichtigen Patienten. Eine Verbesserung der Lebensqualität sei damit ebenfalls nicht zu erzielen, stellt die Leitlinie klar.

Diät nach Budwig

„Was sogenannte ‘Krebsdiäten’ angeht: In der Leitlinie wird von strikten Diätvorschriften abgeraten. Sie schränken die Ernährung ein und bergen damit das Risiko von Mangelernährung und Gewichtsverlust. Dazu zählen Fasten, ketogene Diäten sowie die Diäten nach Budwig und Breuß“, erklärt die Expertin. Bisher hätten Studien für diese Ernährungsformen keinen positiven Nutzen belegt. Viel eher entsteht das Risiko von Mangelernährung.

Die Leitlinie stellt klar, dass die sogenannte Budwig-Diät als Krebstherapie wissenschaftlich nicht belegt ist. Das Konzept basiert auf einer Kombination aus Leinöl und Quark sowie einer pflanzenbetonten Ernährung und soll durch ungesättigte Fettsäuren und die synergistische Wirkung von schwefelhaltigen Aminosäuren das Tumorwachstum beeinflussen. Klinische Studien konnten jedoch weder einen Nutzen in der Krebsprävention noch in der Therapie nachweisen. Zudem kann die stark eingeschränkte Nahrungsaufnahme das Risiko einer Mangelernährung erhöhen.

Konsensmeinung: Die Diät nach Budwig soll Patienten mit einer onkologischen Erkrankung nicht empfohlen werden.

Diät nach Breuß

Die von Rudolf Breuß, einem österreichischen Elektrotechniker und Heilpraktiker, entwickelte Kur sieht über 42 Tage ausschließlich rohe Gemüsesäfte und Tees vor, während feste Nahrung und schulmedizinische Therapien vermieden werden sollen. Die Befürworter behaupten, Tumorzellen würden dadurch „ausgehungert“. Expertinnen und Experten sehen jedoch keinen wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis und warnen vor einem hohen Risiko für Mangelernährung. In der Leitlinie wird betont, dass zur sogenannten Breuß-Diät keine klinischen Studien oder systematischen Übersichtsarbeiten vorliegen. 

Konsensmeinung: Die Diät nach Breuß soll Patienten mit einer onkologischen Erkrankung nicht empfohlen werden.

Ernährung rund um Operationen

Im Zuge der Überarbeitung der Leitlinie wurde erstmals auf Ernährung bei chirurgischer Tumortherapie Bezug genommen. Die neuen Empfehlungen sehen unter anderem vor, dass der Ernährungsstatus vor und nach größeren onkochirurgischen Eingriffen mehrfach erhoben wird. Patienten, die voraussichtlich über mehrere Tage nach der Operation keine feste Nahrung zu sich nehmen können, sollten umgehend künstlich ernährt werden. Für die Phase vor dem Eingriff empfiehlt die Leitlinie unter anderem, dass Patienten mit hohem Risiko – etwa bei starkem Gewichtsverlust innerhalb kurzer Zeit – zunächst eine Ernährungstherapie erhalten sollten, auch wenn sich dadurch der Operationstermin verschiebt.

Neu ist auch die Empfehlung, wiederholt zu prüfen, ob eine Ernährung via Sonde oder per Infusionen dem Therapieziel entspricht. Diese Entscheidung soll regelmäßig gemeinsam mit den Betroffenen und Betreuenden evaluiert und bei Bedarf neu getroffen werden.

Die S3-Leitlinie ist ist im Jänner 2026 mit dem Namen „Klinische Ernährung in der Onkologie“ erschienen.

APAMED



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