Wer am Wochenende akute medizinische Beschwerden hat, könnte sich in Zukunft den Besuch im Spital sparen. Die Apotheken haben dazu in einem Pilotprojekt Arztgespräche über Videotelefonie getestet. Wie aus der heute vorgestellten Begleitstudie hervorgeht, sind 96 Prozent der Versorgten mit dem Angebot zufrieden. Am häufigsten wurden kleinere Anliegen wie Ausschläge, Bindehautentzündungen, Erkältungen oder Magen-Darm-Erkrankungen behandelt.
Aus Sicht der Apothekerkammer-Präsidentin Mag. Dr. Ulrike Mursch-Edlmayr schließt das Angebot eine medizinische Versorgungslücke: „Am Wochenende ist die ärztliche Erreichbarkeit für viele Menschen äußerst eingeschränkt. Oft bleibt ihnen nur der Gang in die teure und überfüllte Spitalsambulanz.“
Stattdessen sollen Patientinnen und Patienten in der Apotheke die Möglichkeit haben, sich in Randzeiten von einem online zugeschalteten Arzt beraten zu lassen. Dieser kann anschließend eine Diagnose stellen und rezeptpflichtige Medikamente verordnen. Die Beratung in der Apotheke vor Ort sorge für Erleichterung bei den Patienten und entlaste gleichzeitig die Ambulanzen, wie die teilnehmende Apothekerin Mag. Caroline Frauendorfer aus der Praxis berichtet.
Telemedizin soll Gesundheitssystem entlasten
Das Projekt lief von Februar bis Juni 2026 und richtete sich an Patientinnen und Patienten, bei denen die rezeptfreie Selbstmedikation nicht mehr ausgereicht hatte. Das Projekt wurde mit Uniqa Health Services und Mavie Next durchgeführt und von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU) wissenschaftlich evaluiert. Laut den Ergebnissen der Studie konnten so 89 Prozent der Fälle abschließend in der Apotheke gelöst werden. Mit der Telemedizin wurde der Anteil der Patienten, die mit einem solchen Anliegen in die Spitalsambulanz gegangen wären, deutlich gesenkt.
Das Angebot ist laut Apothekerkammer zudem eine finanzielle Entlastung für das Gesundheitssystem. Der Kontakt mit einer Spitalsambulanz zählt zu den teuersten Formen der Versorgung in Österreich. In Fällen, in denen das nicht medizinisch notwendig wäre, könnte die assistierte Telemedizin in der Apotheke eine kostensparendere Alternative darstellen. Für Mursch-Edlmayr sind nun Politik und die Sozialversicherung am Zug: „Wir haben gezeigt, was möglich ist. Jetzt müssen die Verantwortlichen nur noch den Mut haben, neue Wege zu beschreiten.“
Apotheke vor Ambulanz
Ohne das Angebot in der Apotheke wäre laut Erhebung fast jede vierte Person mit ihrem Anliegen in eine Spitalsambulanz gegangen. Innerhalb des Projekts sank dieser Anteil auf unter 1 Prozent. Die assistierte Telemedizin sei somit pro Konsultation zwischen 20 und 70 Euro günstiger als andere Anlaufstellen – je nachdem, wie das Angebot genau umgesetzt und genutzt wird.
„Das Projekt bestätigt eindrucksvoll, wie mit der Apothekerschaft Kosteneffizienz und Behandlungsqualität im Gesundheitssystem zusammenfinden können. Was in anderen Ländern längst gelebte Praxis ist, zeigt auch bei uns messbare Wirkung: Niederschwellige medizinische Versorgung funktioniert, wenn man sie den Menschen tatsächlich zugänglich macht. Jetzt ist es an der Politik und der Sozialversicherung, Verantwortung zu übernehmen. Diese Art der Versorgung muss allen Menschen in Österreich – gerade in den Randdienstzeiten, wenn die reguläre Versorgung an ihre Grenzen stößt – im Bedarfsfall zur Verfügung stehen. Wer hier weiter zögert, nimmt in Kauf, dass Patientinnen und Patienten weiterhin mangels Alternative den teuersten Versorgungsort unseres Systems aufsuchen – die Spitalsambulanz“, so Mursch-Edlmayr.
Testlauf in Wien und Oberösterreich
Wien und Oberösterreich setzten das Telemedizin-Angebot in der Apotheke als erste um. Auch die Politik sah genau hin. „Apotheken sind für viele Menschen eine vertraute und wichtige erste Anlaufstelle, wenn es um ihre Gesundheit geht. Sie sind nah bei den Menschen, bieten kompetente Beratung und begleiten sie oft über viele Jahre. Wenn wir diese Stärke mit den Möglichkeiten der Telemedizin verbinden, entstehen neue Wege für eine moderne, wohnortnahe Gesundheitsversorgung. Das Pilotprojekt zeigt: Digitalisierung kann dann besonders viel bewirken, wenn sie den Menschen näher an die richtige Versorgung bringt – einfach, niederschwellig und dort, wo die Menschen leben“, betont Oberösterreichs Gesundheitslandesrätin LH-Stellvertreterin Christine Haberlander.
Dabei hätten sich die Vorteile auf dem Land deutlich abgezeichnet: „Gerade für uns als Apotheke im ländlichen Raum hat sich gezeigt, wie wertvoll es ist, telemedizinische Betreuung direkt in der Apotheke anbieten zu können. Eine auffallend große Erleichterung sehen wir bei Personen, die zu Randdienstzeiten als Akutfälle in die Apotheke kommen. Zuletzt war es ein älterer Herr, bei dem im Zuge der telemedizinischen Konsultation eine akute Atemwegsentzündung diagnostiziert wurde“, erklärt Apothekerin Mag. Teresa Kriechbaumer aus Bad Zell in Oberösterreich.
Doch auch in der Hauptstadt gibt es ein positives Resümee: „Wenn am Freitagnachmittag ein akuter Hautausschlag auftritt, bedeutet das in der Großstadt oft stundenlanges Warten in einer überlasteten Spitalsambulanz. Mit der Telemedizin können wir das direkt in der Apotheke lösen. Der entscheidende Vorteil für die Patienten ist dabei die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker an einem Ort. Wenn medizinische Fragen sofort, gemeinsam und im gewohnten Umfeld geklärt werden, schafft das enormes Vertrauen. Das steigert die Therapietreue und den Heilungserfolg, während die Ambulanzen im selben Moment entlastet werden“, so Frauendorfers Erfahrung aus ihrer Apotheke in Wien.
APA/OTS
