Beeinflusst Ibuprofen die Fruchtbarkeit?


Viktoria Anderle

Symbolbild: Ein Schwangerschaftstest liegt auf einem Kalender neben vielen weißen Tabletten.
Frauen mit Kinderwunsch sollten insbesondere bei der Einnahme von Ibuprofen rund um den Eisprung vorsichtig sein, da der Wirkstoff die Follikelruptur verzögern oder möglicherweise verhindern kann.Iuliia Pilipeichenko/AdobeStock_1946033568

Bei Kopf-, Regel- oder Rückenschmerzen gehört Ibuprofen häufig zur ersten Wahl. Doch wie sieht es bei Kinderwunsch aus: Kann das Schmerzmittel die Fruchtbarkeit beeinflussen? Studien liefern Hinweise darauf, wobei Dosis, Einnahmedauer und bei Frauen auch der Zeitpunkt im Zyklus entscheidend sein dürfte.

Ibuprofen wirkt schmerzlindernd, fiebersenkend und entzündungshemmend. Es gehört zu den nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) und hemmt die Enzyme Cyclooxygenase-1 und -2 (COX-1 und COX-2). Dadurch entstehen weniger Prostaglandine. Diese Botenstoffe vermitteln allerdings nicht nur Schmerzen und Entzündungen, sondern übernehmen auch Aufgaben bei der Fortpflanzung. 

Was sagt die Fachinformation?

Die Fachinformation von Ibuprofen Filmtabletten hält zur Fertilität fest: „Die Einnahme von Ibuprofen kann die Fruchtbarkeit beeinträchtigen und wird für Frauen, die versuchen, schwanger zu werden, nicht empfohlen. Bei Frauen, die Schwierigkeiten haben, schwanger zu werden, oder bei denen Untersuchungen zur Unfruchtbarkeit durchgeführt werden, ist das Absetzen von Ibuprofen in Erwägung zu ziehen.“

Weiters heißt es: „Es gibt Hinweise darauf, dass Arzneimittel, die die Cyclooxygenase/Prostaglandin-Synthese hemmen, die weibliche Fruchtbarkeit durch eine Beeinträchtigung des Eisprungs vermindern können. Dies ist nach Absetzen der Behandlung reversibel.“

Prostaglandine: Auch beim Eisprung gefragt

Zum Einsatz bei Kinderwunsch ergänzt sie: „Falls Ibuprofen von einer Frau angewendet wird, die versucht schwanger zu werden oder wenn es während des ersten und zweiten Schwangerschaftstrimesters angewendet wird, ist die Dosis so niedrig und die Behandlungsdauer so kurz wie möglich zu halten.“ 

Im heranreifenden Follikel steigt vor dem Eisprung die Prostaglandinbildung. Die Botenstoffe unterstützen die Vorgänge, durch die das Eibläschen aufbricht und die Eizelle freigesetzt wird. Wird ihre Bildung gehemmt, kann sich diese Follikelruptur verzögern oder ausbleiben. Prostaglandine sind zudem an der Einnistung beteiligt; daraus allein lässt sich aber noch keine verminderte Schwangerschaftschance durch Ibuprofen ableiten.

Frauen: Wenn der Follikel nicht aufbricht

Studien deuten darauf hin, dass nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen den Eisprung beeinflussen können. Durch die Hemmung der Prostaglandinsynthese kann sich die Follikelruptur, also das Platzen des Eibläschens, verzögern oder vollständig ausbleiben. Bleibt die Freisetzung der Eizelle aus, obwohl sich der Follikel hormonell in Richtung Gelbkörper entwickelt, spricht man vom Luteinized-Unruptured-Follicle-Syndrom (LUF-Syndrom). Dabei kann weiterhin Progesteron gebildet werden. Ein entsprechender Hormonwert allein beweist deshalb nicht, dass tatsächlich ein Eisprung stattgefunden hat. Eine Verzögerung des Eisprungs ist allerdings noch kein LUF-Syndrom. Besonders bei bestehendem Kinderwunsch könnte daher die Einnahme von Ibuprofen rund um den Eisprung relevant sein.

In der randomisierten Studie von Uhler und ihrem Team aus dem Jahr 2001 nahmen zwölf Frauen mit regelmäßigen Zyklen teil. Sie erhielten in unterschiedlichen Untersuchungszyklen Ibuprofen oder Placebo: 800 mg dreimal täglich, insgesamt 2.400 mg pro Tag, über zehn Tage, beginnend bei einem dominanten Follikel von 16 Millimetern. Bei drei von elf auswertbaren Frauen wurde unter Ibuprofen eine Verzögerung des Follikelkollapses um mindestens zwei Tage beobachtet. Verzögerungen traten jedoch auch unter Placebo auf. Die Progesteronwerte unterschieden sich nicht. Die kleine Studie liefert damit einen Hinweis auf einen möglichen Effekt bei einzelnen Frauen.

Deutlicher fiel eine kontrollierte, nicht randomisierte Studie von von Wolff und seinem Team aus dem Jahr 2024 aus. Nach Auslösung der Ovulation mit humanem Choriongonadotropin (hCG) erhielten 26 Frauen im Rahmen einer In-vitro-Fertilisation (IVF) 400 mg Ibuprofen alle acht Stunden, insgesamt fünf Tabletten. Nach 42 Stunden war der Follikel bei 22 Frauen, also 84,6 Prozent, noch nicht aufgebrochen. In der Kontrollgruppe ohne Ibuprofen betraf dies fünf von 25 Frauen, also 20 Prozent. Untersucht wurde eine kurzfristige Verzögerung in einer speziellen Behandlungssituation, keine dauerhafte Unfruchtbarkeit.

Für die tatsächliche Schwangerschaftschance ist die Datenlage weniger eindeutig: McInerney und ihr Team werteten in einer 2017 veröffentlichten Beobachtungsstudie die Daten von 1.763 Frauen mit Kinderwunsch aus. Erfasst wurde die Schmerzmitteleinnahme während der jeweils vergangenen vier Wochen; eine feste Tagesdosis oder Behandlungsdauer war nicht vorgegeben. Für Ibuprofen zeigte sich keine erkennbare Verringerung der Empfängniswahrscheinlichkeit pro Zyklus.

Männer: Hormonelle Gegenregulation

Bei Männern untersuchten Kristensen und sein Team 2018 in einer randomisierten, placebokontrollierten Studie 31 gesunde Teilnehmer zwischen 18 und 35 Jahren. Davon erhielten 14 Männer zweimal täglich 600 mg Ibuprofen, insgesamt 1.200 mg pro Tag, über rund sechs Wochen; 17 erhielten Placebo. Nach 14 und 44 Tagen war das luteinisierende Hormon (LH) erhöht, während der Testosteronspiegel unverändert blieb. 

Die Forschenden interpretierten die hormonellen Veränderungen als kompensierten Hypogonadismus: Die Hoden benötigen dabei eine stärkere Stimulation durch das luteinisierende Hormon (LH), um die Testosteronproduktion aufrechtzuerhalten. Unter Ibuprofen stieg der LH-Spiegel nach 14 Tagen um 23 Prozent und nach 44 Tagen um 33 Prozent an, während die Testosteronkonzentration im Blut weitgehend unverändert blieb. Die Ergebnisse deuten somit auf eine beeinträchtigte hormonelle Hodenfunktion hin, ohne dass ein tatsächlicher Testosteronmangel im Blut nachgewiesen wurde. Ob diese Veränderungen auch die Zeugungsfähigkeit beeinträchtigen, bleibt offen, da die Studie weder Schwangerschaftsraten noch die Samenqualität untersuchte.

Eine retrospektive Untersuchung von Kavoussi und seinem Team aus dem Jahr 2018 fand dagegen keine signifikante Verschlechterung der untersuchten Spermienparameter. Von 64 behandelten Männern mit erhöhten Leukozyten im Ejakulat konnten 51 ausgewertet werden. Sie hatten 600 mg Ibuprofen alle acht Stunden, insgesamt 1.800 mg täglich, über drei Wochen sowie zusätzlich Doxycyclin erhalten. Wegen der fehlenden Kontrollgruppe, der Begleitbehandlung und der kurzen Beobachtungsdauer ist die Aussagekraft begrenzt.

Was ist mit anderen NSAR?

Der mögliche Einfluss auf die Ovulation betrifft auch andere Wirkstoffe. In einer Studie von Edelman und ihrem Team aus dem Jahr 2013 erhielten 20 Frauen 400 mg Celecoxib täglich: entweder ab Zyklustag acht bis zur Follikelruptur beziehungsweise zur nächsten Menstruation oder ab dem LH-Anstieg über sechs Tage. Ovulationsstörungen traten in 30 beziehungsweise 25 Prozent der Behandlungszyklen auf.

In der genannten McInerney-Studie war Naproxen mit einer etwa 22 Prozent niedrigeren Empfängniswahrscheinlichkeit pro Zyklus verbunden. Dieser Zusammenhang beweist jedoch keine Ursache; auch die zugrunde liegenden Beschwerden könnten eine Rolle spielen.

Kinderwunsch: Achtung um den Eisprung

Für eine mögliche Störung der Follikelruptur ist die Einnahme unmittelbar vor und rund um den Eisprung besonders relevant. Untersucht wurden vor allem wiederholte Einnahmen, teilweise in hoher Dosierung. Daraus lässt sich weder ein exakt abgegrenztes Risikofenster noch eine sichere Dosisschwelle ableiten. Ein relevanter Effekt einer einzelnen Einnahme von 200 oder 400 mg ist durch diese Studien nicht belegt. Bei Männern betreffen die hormonellen Befunde eine tägliche Einnahme über Wochen. 

Bei Kinderwunsch und wiederholtem Schmerzmittelbedarf sollte die Behandlung daher ärztlich oder in der Apotheke überprüft werden. Eine medizinisch notwendige Dauertherapie sollte nicht eigenständig abgesetzt werden. Die vorhandenen Daten geben Anlass zu einem bewussten Einsatz, sie belegen jedoch keine dauerhafte Unfruchtbarkeit durch gelegentliche Ibuprofeneinnahme.



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