Ibuprofen gegen Liebeskummer?


Sanja Agatic

Smybolbild:Zwei Personen schieben ein zerbrochenes Herz zueinander.
Auf TikTok wird Ibuprofen als Mittel gegen Liebeskummer beworben. Die wissenschaftliche Evidenz für eine solche Anwendung ist bislang jedoch begrenzt.Foto:stock.adobe.com/Dilok

Nach einer Trennung greifen manche Menschen zu Schokolade, andere zu Liebesliedern. Auf TikTok wird derzeit ein ungewöhnlicher Tipp geteilt: Ibuprofen soll auch gegen Liebeskummer helfen. Doch was steckt hinter dieser Behauptung und warum beschäftigen sich Forschende tatsächlich mit dieser Frage?

Liebeskummer wird oft als „Herzschmerz“ bezeichnet. Tatsächlich handelt es sich dabei nicht nur um eine sprachliche Metapher. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass soziale Zurückweisung, Trennungen oder Ausgrenzung teilweise dieselben Hirnregionen aktivieren wie körperlicher Schmerz.

Dazu gehören unter anderem der anteriore cinguläre Cortex und die Insula-Bereiche, die eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung unangenehmer Erfahrungen spielen. Diese Erkenntnis führte zu einer ungewöhnlichen Frage: Wenn körperlicher und sozialer Schmerz teilweise dieselben biologischen Signalwege nutzen, könnten Schmerzmittel dann auch emotionale Schmerzen beeinflussen?

Die Untersuchung begann mit Paracetamol

Anders als viele TikTok-Videos vermuten lassen, stammt die bekannteste Forschung zu diesem Thema nicht von Ibuprofen, sondern von Paracetamol. In einer viel zitierten Studie erhielten Teilnehmer:innen über einen Zeitraum von drei Wochen täglich 2000 mg Paracetamol oder ein Placebo. Zunächst dokumentierten sie jeden abend mithilfe einer Skala, wie stark sie sich im Alltag, durch Zurückweisung, Kränkungen oder verletzte Gefühle belastet gefühlt hatten. Im einem zweiten Versuchsteil wurde sozialer Schmerz gezielt ausgelöst: Die Teilnehmenden nahmen an einem virtuellen Ballspiel teil, bei dem sie nach kurzer Zeit von den vermeintlichen Mitspielenden ausgeschlossen wurden. Genau diese Form des sozialen Ausgrenzung diente als experimentelles Modell für „emotionalen Schmerz“.

Zusätzlich zeigten bildgebende Untersuchungen eine reduzierte Aktivität in Hirnregionen, die mit sozialem Schmerz in Verbindung gebracht werden. Die Froschenden kamen zu dem Schluss, dass körperlicher und emotionaler Schmerz möglicherweise enger miteinander verbunden sind als bisher angenommen. Die Ergebnisse sorgten international für Aufmerksamkeit und legten den Grundstein für weitere Untersuchungen.

Was weiß man über Ibuprofen?

Bei Ibuprofen wird die Datenlage deutlich dünner. Einige Studien haben untersucht, ob auch nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen emotionale Reaktionen beeinflussen können. Eine Untersuchung der University of Texas at Austin zeigte beispielsweise, dass Frauen nach sozialer Zurückweisung unter Ibuprofen teilweise weniger verletzte Gefühle angaben. Bei Männern fiel der Effekt hingegen anders aus, teilweise wurden sogar stärkere negative Emotionen beobachtet.

Die Ergebnisse machten deutlich, wie komplex die Zusammenhänge zwischen Schmerzmitteln und emotionalen Prozessen sind. Gleichzeitig zeigen sie aber auch die Grenzen der Forschung auf: Die Studien waren klein, untersuchten kurzfristige Effekte und lieferten keine einheitlichen Ergebnisse. Von einer nachgewiesenen Wirkung gegen Liebeskummer kann daher keine Rede sein.

TikTok zieht die falschen Schlüsse

Der Trend beruht auf einem typischen Missverständnis: Aus einer wissenschaftlichen Beobachtung wird eine konkrete Anwendungsempfehlung. Selbst wenn Schmerzmittel bestimmte Aspekte sozialen Schmerzes beeinflussen können, bedeutet das nicht automatisch, dass sie Liebeskummer behandeln. Keine Studie konnte bisher zeigen, dass Ibuprofen die Verarbeitung einer Trennung beschleunigt oder die psychischen Folgen von Liebeskummer nachhaltig verbessert.

Ein weiterer Punkt wird in sozialen Medien häufig ausgeblendet: Ibuprofen ist ein Arzneimittel und kann unerwünschte Wirkungen haben. Der Wirkstoff hemmt die Cyclooxygenase-Enzyme COX-1 und COX-2 und wird zur Behandlung von Schmerzen, Entzündungen und Fieber eingesetzt. Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen Magenbeschwerden, Übelkeit, Magengeschwüre, Blutungen sowie Nierenfunktionsstörungen.

Bei höheren Dosierungen oder längerer Anwendung können zudem Herz-Kreislauf-Risiken steigen. Trotz aller Kritik beruht der TikTok-Hype nicht auf einer frei erfundenen Behauptung. Tatsächlich hat die Forschung in den vergangenen Jahren gezeigt, dass körperlicher und sozialer Schmerz überraschend viele Gemeinsamkeiten besitzen. Die bisherigen Ergebnisse liefern spannende Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns, sie rechtfertigen jedoch keine Selbstmedikation nach einer Trennung.



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