„Bitte nüchtern einnehmen“ gehört zu den häufigsten Hinweisen in der Apotheke bei der Arzneimittelabgabe. Dahinter steckt jedoch weit mehr als ein leerer Magen. Je nach Wirkstoff kann Nahrung die Aufnahme deutlich verringern oder die Behandlung sogar unwirksam machen.
„Nüchtern“ bedeutet nicht für jedes Arzneimittel dasselbe. Manche Wirkstoffe bilden mit Bestandteilen der Nahrung schwer lösliche Verbindungen, andere werden durch einen veränderten Magen-pH schlechter aufgenommen oder erreichen den Darm zu spät. Deshalb unterscheiden sich auch die Einnahmeempfehlungen.
Warum Nahrung die Wirkung verändern kann
Ein klassiches Beispiel ist Levothyroxin. Bereits das Frühstück kann die Aufnahme des Schilddrüsenhormons deutlich verringern. Kaffee, Milch sowie calcium- oder eisenhaltige Lebensmittel können die Resorption zusätzlich beeinträchtigen. Leitlinien und Fachinformationen empfehlen deshalb die Einnahme 30 bis 60 Minuten vor dem Frühstück ausschließlich mit Leitungswasser.
Noch empfindlicher reagieren Bisphophonate wie Alendronsäure zur Osteoporosebehandlung. Ihre Bioverfügbarkeit ist bereits sehr gering und sinkt durch die Nahrung oder calciumhaltige Getränke nahezu auf null. Deshalb sollten sie morgen nüchtern mit einem großen Glas Leitungswasser eingenommen werden. Anschließend sollte mindestens 30 Minuten nichts gegessen oder getrunken. Auch in Hinlegen sollte in dieser zeit vermieden werden. So wird das Risiko von Reizungen der Speiseröhre verringert.
Ein häufiger Fehler: Kaffee ersetzt kein Wasser
Ein schneller Schluck Kaffee gehört für viele zum Morgenritual. Für einige Arzneimittel ist das jedoch problematisch. Studien zeigen, dass Kaffee die Aufnahme des bereits genannten Levothyroxins deutlich vermindern kann. Auch die Resorption von oralem Eisen wird beeinträchtigt. Bei bestimmten Antibiotika wie Tetracyclinen (Doxycyclin, Minocyclin) und Fluorchinolonen (Ciprofloxacin) ist vor allem Milchkaffee problematisch, da das enthaltene Calcium die Wirkstoffe binden und ihre Aufnahme vermindern kann.
Auch Mineralwasser mit hohem Calciumgehalt oder Fruchtsäfte sind keine grundsätzlich geeigneten Begleiter. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, nimmt Arzneimittel mit der Anweisung „nüchtern“ ausschließlich mit einem Glas Leitungswasser ein.
Nüchtern heißt nicht immer besser
Umgekehrt gibt es Arzneimittel, die bewusst mit einer Mahlzeit eingenommen werden sollten. Bei Metformin reduziert Essen häufig Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit oder Durchfall. Nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen werden ebenfalls oft nach einer Mahlzeit empfohlen, um den Magen besser zu schonen, die Wirkung tritt dadurch zwar etwas später ein, die Verträglichkeit kann sich jedoch verbessern.
Sonderfall Rivaroxaban: Dosisabhängig
Wie wichtig der Einnahmezeitpunkt sein kann, zeigt Rivaroxaban. Hier hängt die Einnahme mit oder ohne Nahrung von der Dosierung ab: 2,5 mg und 10 mg können unabhängig von einer Mahlzeit eingenommen werden, 15 mg und 20 mg dagegen müssen zusammen mit einer Mahlzeit eingenommen werden. Der Grund liegt in der Bioverfügbarkeit. Bei den höheren Dosierungen wird der Wirkstoff mit Nahrung besser aufgenommen, nüchtern kann die aufgenommene Wirkstoffmenge geringer ausfallen.
Für Patient:innen bedeutet das eine einfache, aber wichtige Regel: 15 und 20 mg Rivaroxaban immer zum Essen, 2,5 und 10 mg unabhängig davon.
