„Während der Stillzeit nicht empfohlen“, ein Satz, der schnell nach Stillpause klingt. Doch ob ein Arzneimittel für ein gestilltes Kind problematisch wird, entscheidet nicht allein der Übertritt in die Muttermilch. Ausschlaggebend ist, welche Dosis beim Kind ankommt und was dessen Körper damit macht.
Viele Wirkstoffe lassen sich nach der Einnahme in der Muttermilch nachweisen. Daraus folgt jedoch nicht eine relevante Belastung für den Säugling. Deshalb kann die Einschätzung spezialisierter Fachdatenbanken von vorsichtigen Angaben in Produkinformationen abweichen. Das Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie stellt bei Embryotox wissenschaftliche Daten zu mehr als 400 Arzneimitteln für Schwangerschaft und Stillzeit bereit.
Nicht der Nachweis zählt, sondern die Dosis
Eine zentrale Größe bei der Beurteilung ist die Relative Infant Dose (RID). Sie beschreibt, wie viel Wirkstoff das Kind über die Muttermilch bezogen auf die gewichtsangepasste Dosis der Mutter erhält. Als häufig verwendete Faustregel gelten Werte unter zehn Prozent als niedrig, eine starre Sicherheitsgrenze ist das allerdings nicht. Eine aktuelle Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 betont, dass sich die Sicherheit eines Arzneimittels nicht allein an einem universellen RID-Grenzwert festmachen lässt. Denn zwei Wirkstoffe mit gleicher RID können unterschiedlich zu bewerten sein. Halbwertszeit, aktive Metaboliten und Toxizität spielen ebenso hinein wie die Frage, ob das Kind den Stoff überhaupt gut über den Darm aufnimmt.
Auch das Alter des Kindes beeinflusst die Risikobewertung. Früh- und Neugeborene können Arzneistoffe teilweise langsamer abbauen und ausscheiden. Derselbe Wirkstoff kann deshalb bei einem wenige Tage alten Frühgeborenen anders zu beurteilen sein als bei einem gesunden, mehrere Monate alten Säugling.
Ibuprofen: „geht in die Milch“ greift zu kurz
Wie groß der Unterschied zwischen Nachweis und Risiko sein kann, zeigt Ibuprofen. Der Wirkstoff erreicht nur sehr geringe Konzentrationen in der Muttermilch, besitzt eine kurze Halbwertszeit und wird sogar Säuglingen selbst in wesentlich höheren Dosen therapeutisch gegeben. Deshalb zählt Ibuprofen zu den bevorzugten Schmerz- und Entzündungshemmern während der Stillzeit. Auch Embryotox nennt Ibuprofen neben Paracetamol als Analgetikum der Wahl.
Ähnlich wird Paracetamol bewertet. Der Wirkstoff wird bereits bei Früh- und Neugeborenen therapeutisch eingesetzt; zudem liegen keine nennenswerten Hinweise auf Unverträglichkeiten beim gestillten Säugling vor.
Codein zeigt die andere Seite
Dass die Wirkstoffmenge allein nicht genügt, zeigt ausgerechnet ein bekanntes Schmerz- und Hustenmittel. Codein wird über das Enzym CYP2D6 zu Morphin umgewandelt. Wie schnell diese Umwandlung erfolgt, unterscheidet sich genetisch. Dadurch kann die Morphinbelastung von Mutter und Kind stärker variieren als anhand der eingenommenen Codeindosis zunächst zu erwarten wäre.
Bei Opioiden kommt hinzu, dass gestillte Neugeborene besonders empfindlich auf zentral dämpfende Wirkungen reagieren können. Sedierung und Atemdepression gehören zu den relevanten Risiken. Embryotox führt deshalb für Codein Alternativen an.
Eine Tablette bedeutet nicht automatisch eine Stillpause
Im Alltag entsteht häufig ein falscher Schluss: Hat eine Mutter bereits ein vermeintlich problematisches Medikament eingenommen, wird daraus vorschnell die Frage, wie lange sie abpumpen und die Milch verwerfen muss. Dabei muss zunächst geklärt werden, welcher Wirkstoff in welcher Dosis und wie häufig eingenommen wurde, wie alt das Kind ist und ob es gesund und termingerecht geboren wurde. Auch eine einmalige Einnahme ist anders zu bewerten als eine mehrwöchige Therapie.
Ob tatsächlich eine Stillpause notwendig ist, sollte deshalb für den jeweiligen Wirkstoff geprüft werden. Neben Dosis und Einnahmedauer spielen dabei auch das Alter und der Gesundheitszustand des Kindes eine Rolle. Eine pauschale Empfehlung, nach einer Medikamenteneinnahme Milch abzupumpen und zu verwerfen, ist nicht sinnvoll. Bei Unsicherheiten können spezialisierte Datenbanken wie Embryotox sowie Ärzt:innen oder Apotheker:innen die individuelle Beurteilung helfen.
