Eine Überdosierung mit Medikamenten kann vorsätzlich oder unbeabsichtigt erfolgen. Kenntnisse über mögliche Symptome verschiedener Arzneimittelklassen können für Ersthelfer:innen entscheidend sein. Wichtig ist im Ernstfall Ruhe zu bewahren: Erbrechen sollte keinesfalls ausgelöst werden, auch von vermeintlichen „Hausmitteln“ wie Milch oder Salzwasser wird abgeraten.
Die österreichische Vergiftungsinformationszentrale (VIZ) gibt einen umfassenden Überblick über mögliche Symptome und Risiken verschiedener Arzneimittelvergiftungen.
Schlaf- und Beruhigungsmittel
Schlaf- und Beruhigungsmittel zählen zu den häufigsten Ursachen schwerer Arzneimittelvergiftungen. Dabei handelt es sich häufig um Benzodiazepine wie Alprazolam, Diazepam oder Nitrazepam. Besonders problematisch sind Kombinationen mit Alkohol oder anderen Psychopharmaka.
Mögliche Symptome bei Überdosierung:
- starke Müdigkeit
- Gangunsicherheit (erhöhte Sturz- und Unfallgefahr)
- Schläfrigkeit
- eingeschränkte Atmung
- Verlust der Schutzreflexe (Einatmen von Magensäure möglich)
- Bewusstlosigkeit bis Koma
Gerade bei Kindern können bereits kleine Mengen zu starken Symptomen führen, größere Mengen sind schnell lebensbedrohlich.
Antidepressiva
Auch Antidepressiva wie Citalopram, Escitalopram, Fluoxetin oder Sertralin können bei Überdosierung schwere Beschwerden verursachen. Besonders gefährlich werden Überdosierungen in Kombination mit Alkohol, Opioiden oder anderen Psychopharmaka.
Mögliche Symptome bei Überdosierung:
- Gastrointestinale Probleme
- Unruhe und Verwirrtheit
- Muskelzittern, Muskelkrämpfe
- Herzrasen, Hypertonie
- Anstieg der Körpertemperatur
- Benommenheit bis Bewusstlosigkeit
Schmerzmittel
Bei Schmerzmitteln unterscheiden sich die Risiken und Vergiftungserscheinungen je nach Wirkstoff teils deutlich.
Mefenaminsäure
Mefenaminsäure kann bereits Stunden nach der Einnahme zu schweren neurologischen Symptomen führen. Teilweise treten anfangs sogar überhaupt keine Beschwerden auf.
Häufigste Symptome bei Überdosierung:
- Muskelkrämpfe, epileptische Anfälle (möglich auch nach mehreren Stunden)
- Übelkeit, Erbrechen
- Bauchschmerzen
- mögliches Nierenversagen
Laut VIZ kann „die Erstsymptomatik komplett fehlen. Bei Verdacht auf eine Vergiftung ist eine frühzeitige Therapie in einem Krankenhaus erforderlich.“
Paracetamol
Paracetamol gilt als bewährter Wirkstoff, eine Überdosierung kann jedoch schwere und irreversible Leberschäden verursachen. Gerade deshalb wird das Risiko häufig unterschätzt. Besonders gefährdet sind Kleinkinder, ältere Menschen und Personen mit bestehenden Lebererkrankungen.
Mögliche Symptome bei Überdosierung:
- Übelkeit, Erbrechen
- Bauchschmerzen
- Schwitzen
- Benommenheit
Laut VIZ sollte bereits bei Verdacht auf eine Vergiftung innerhalb der ersten zehn Stunden eine ärztliche Abklärung erfolgen.
Acetylsalicylsäure
Auch die Acetylsalicylsäure kann in höheren Mengen problematisch werden. Besonders bei Kleinkindern und älteren Menschen können Vergiftungen lebensbedrohlich verlaufen. Für Kinder unter zwölf Jahren sind Salicylate prinzipiell kontraindiziert.
Früh einsetzende Symptome bei mäßiger Überdosierung:
- Magen-Darm-Beschwerden
- Übelkeit und Erbrechen (eventuell blutig)
- Hör- und Sehstörungen (Tinnitus)
- Zittern, Schwitzen
Weitere Symptome bei mittelschwerer bis schwerer Überdosierung:
- Fieber, Unruhe
- Atemprobleme
- Krampfanfälle
- Bewusstlosigkeit bis Koma
Eine akute Salicylat-Toxizität resultiert typischerweise aus der Einnahme einer Gesamtdosis von ≥ 150 mg/kg (etwa 7,5 bis 10 g bei Erwachsenen).
Opioide
Bei Opioiden wie Morphin, Codein oder Methadon besteht vor allem die Gefahr eines Atemstillstands. Die VIZ betont, dass insbesondere Kinder bereits bei Verdacht auf eine Einnahme medizinisch überwacht werden sollten.
Mögliche Symptome bei Überdosierung:
- Pupillenverengung
- Verwirrtheit
- Übelkeit und Erbrechen
- Blutdruckabfall, Kreislaufversagen möglich
- Untertemperatur
- Bewusstlosigkeit bis Koma
- verlangsamte Atmung bis Atemstillstand
Eine Überdosierung von Opiaten ist aufgrund der Gefahr eines Atemstillstandes immer lebensbedrohlich, gibt die VIZ zu bedenken.
Herz-Kreislauf-Medikamente
Auch Herz-Kreislauf-Medikamente bergen ein erhebliches Risiko bei Überdosierung.
Herzglykoside
Herzglykoside wie Digoxin oder Digitoxin können zunächst unspezifische Beschwerden verursachen, später drohen schwere Herzprobleme.
Mögliche Symptome bei Überdosierung (innerhalb von ein bis drei Stunden)
- Muskelschwäche
- Übelkeit, Erbrechen, Bauchkrämpfe
- Schwindel, Kopfschmerzen
- Sehstörungen
Verzögert eintretende Symptome (bis zu sechs Stunden später):
- verlangsamter Herzschlag
- Herzrhythmusstörungen
- Herzstillstand
Antiarrhythmika und blutdrucksenkende Medikamente
Auch Antiarrhythmika und bestimmte blutdrucksenkende Medikamente können bei falscher Dosierung problematisch werden.
Mögliche Symptome bei Überdosierung:
- Herzrasen oder langsamer Herzschlag
- Schläfrigkeit
- Blässe
- Übelkeit
- Atemprobleme
- starker Blutdruckabfall
- Bewusstlosigkeit
Antibabypille und Antibiotika
Deutlich harmloser verlaufen Überdosierungen der Antibabypille oder vieler Antibiotika.
Mögliche Beschwerden bei Überdosierung der Antibabypille:
- Übelkeit
- Erbrechen
- Appetitlosigkeit
- leichte vaginale Blutungen (eher bei jungen Mädchen)
Antibiotika-Überdosierungen passieren laut VIZ meistens bei Kindersäften, die durch Messbecher oder -löffel dosiert werden. Hier ist die Gefahr für eine falsche Entnahme erhöht.
Laut VIZ kommt es häufig lediglich zu:
- Durchfall
- Bauchschmerzen
Allgemeine diätetische Maßnahmen würden meistens ausreichen, um diese Symptome zu lindern, heißt es.
Vorgehen im Notfall
Bei Verdacht auf eine Medikamentenvergiftung sollte in jedem Fall ärztlicher Rat eingeholt werden. Die VIZ ist österreichweit unter 01 406 43 43 erreichbar, bei schweren Symptomen sollte sofort der Notruf 144 verständigt werden. Wichtig ist außerdem, Medikamentenpackungen, Tablettenreste oder andere Hinweise auf die eingenommenen Substanzen aufzubewahren.
Folgende Informationen sollten so akkurat wie möglich mitgeteilt werden:
- Welches Medikament wurde eingenommen (Name des Wirkstoffs, Stärke)?
- Wie viel davon?
- Wer (Kind, Erwachsener)?
- Wann (wie viel Zeit ist seit der Überdosis vergangen)?
- Welche Beschwerden sind aufgetreten?
- Warum (versuchter Suizid, Verwechslung,..)?
Bei Bewusstlosigkeit gilt:
- Sofort Notruf 144 wählen
- Falls notwendig, Tablettenreste aus dem Mund entfernen
- Betroffene Person in stabile Seitenlage bringen
- Bei Atemstillstand unverzüglich mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen
Keine Milch, kein Erbrechen
Dr. Maren Hermanns-Clausen, Leiterin der Vergiftungs-Informationszentrale am Universitätsklinikum Freiburg, betont: „Das wichtigste bei einer Vergiftung ist, wie in allen Notfällen, die Ruhe zu bewahren.“ Nach dem Verschlucken einer giftigen Substanz sollte maximal ein Glas Wasser ohne Kohlensäure, verdünnter Saft oder Tee getrunken werden.
Von klassischen Hausmitteln rät die Expertin hingegen ausdrücklich ab: „Es sollte auf keinen Fall Erbrechen ausgelöst werden, denn ätzende Substanzen können die Speiseröhre dann erneut schädigen. Außerdem können die Stoffe so noch leichter in die Atemwege gelangen und dort die Lunge schädigen.“ Auch Milch sei ungeeignet, da der Fettgehalt unter Umständen die Aufnahme der Giftstoffe sogar verstärken könne. Ebenso sollte kein Kochsalz eingenommen werden, da dadurch selbst Vergiftungen ausgelöst werden können.
