GLP-1-RA: Studie zeigt Nagelveränderungen 


Viktoria Anderle

Eine adipöse Frau steht mit freiem Bauch da und macht sich bereit ein GLP-1-Analogon in den Bauch zu injizieren. Sie trägt eine Jeans und ein weißes Top. Ihr Gesicht sieht man nicht.
Die Forschenden halten es für sinnvoll, künftig mögliche Nagel- und Haarveränderungen im Beratungsgespräch zu GLP-1-RA anzusprechen.millaf/AdobeStock_926105085

Brüchige, verfärbte oder sich ablösende Nägel: Eine neue Studie zeigt einen möglichen Zusammenhang zwischen GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) und verschiedenen Nagelveränderungen. Besonders auffällig waren Nagelablösungen, die unter der Therapie mehr als viermal so häufig berichtet wurden. Doch sind tatsächlich die Arzneimittel dafür verantwortlich?

GLP-1-RA werden zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas eingesetzt. Neben ihren Wirkungen auf den Blutzuckerspiegel und das Körpergewicht werden zunehmend auch mögliche dermatologische Begleiterscheinungen untersucht. Während Haarausfall bereits als mögliche Begleiterscheinung diskutiert wird, liegen zu Nagelveränderungen bislang nur wenige Daten vor.

Eine internationale Forschungsgruppe um Bianca Maria Piraccini von der Universität Bologna untersuchte deshalb, ob GLP-1-RA mit Nagelerkrankungen in Verbindung stehen könnten. Die Ergebnisse wurden am 1. Oktober beim Kongress der Europäischen Akademie für Dermatologie und Venerologie (EADV) in Wien vorgestellt.

Nagelablösungen deutlich häufiger

In die multinationale Querschnittsstudie wurden insgesamt 1.904 Personen mit Typ-2-Diabetes und/oder Adipositas aus Frankreich, den USA, Brasilien und Mexiko eingeschlossen. Davon erhielten 575 Personen GLP-1-RA, während 1329 Personen ohne entsprechende Therapie als Kontrollgruppe dienten. Die durchschnittliche Behandlungsdauer lag bei 18,5 Monaten.

Die Auswertung zeigte deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Während 66,3 Prozent der Personen unter GLP-1-Therapie mindestens eine Nagelveränderung berichteten, waren es in der Kontrollgruppe 52,8 Prozent. Besonders auffällig war die Häufigkeit von Onycholysen. Dabei löst sich die Nagelplatte teilweise vom Nagelbett. Diese Veränderung wurde bei 39,3 Prozent der Behandelten berichtet, gegenüber 8,7 Prozent in der Kontrollgruppe.

Auch Nagelverfärbungen traten unter GLP-1-Rezeptoragonisten häufiger auf (45,6 gegenüber 17 Prozent). Darüber hinaus berichteten die Behandelten öfter über brüchige Nägel (58,3 gegenüber 51,1 Prozent) sowie Rillen und Furchen in der Nagelplatte (46,8 gegenüber 31,8 Prozent). Sämtliche Unterschiede waren statistisch signifikant.

Liegt es am Gewichtsverlust?

Da GLP-1-RA häufig zu einer deutlichen Gewichtsabnahme führen, stellt sich die Frage, ob die beobachteten Nagelveränderungen tatsächlich mit den Arzneimitteln oder vielmehr mit dem Gewichtsverlust zusammenhängen.

In der Behandlungsgruppe berichteten 76,3 Prozent der Teilnehmenden über einen kürzlich erfolgten Gewichtsverlust, in der Kontrollgruppe waren es 47,3 Prozent. Beschränkten die Forschenden ihre Auswertung auf Personen, die Gewicht verloren hatten, fielen die Unterschiede zwischen den Gruppen zwar geringer aus, blieben jedoch statistisch signifikant.

Gegenüber Medscape Medical News erklärte Piraccini, dass die höhere Häufigkeit von Onycholysen auch nach Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren bestehen geblieben sei. Dies sei ungewöhnlich, da gewichtsverlustbedingte Nagelveränderungen üblicherweise eher die Oberfläche der Nagelplatte betreffen würden. Die Forscherin vermutet deshalb, dass die Arzneimittel selbst eine Rolle spielen könnten. Weitere Untersuchungen seien jedoch notwendig.

Fachärztin mahnt zur Vorsicht

Die Dermatologin Shari Lipner vom Weill Cornell Medical Center in New York, die nicht an der Untersuchung beteiligt war, beurteilt die Ergebnisse zurückhaltender. Gegenüber Medscape Medical News erklärte sie: „Ich glaube nicht, dass eine Behandlung mit GLP-1-RA allein aufgrund dieser Daten Anlass zur Sorge geben sollte.“ 

Es handle sich um eine einzelne, nicht verblindete Querschnittsstudie. Die beobachteten Unterschiede könnten unter anderem auf Verzerrungen bei der Erfassung und Meldung von Nagelveränderungen oder auf ernährungsbedingte Folgen des Gewichtsverlusts zurückzuführen sein. Ein direkter schädigender Einfluss der Arzneimittel auf die Nägel lasse sich daraus nicht ableiten.

Um einen möglichen ursächlichen Zusammenhang zu untersuchen, wären laut Lipner prospektive Studien mit objektiver, verblindeter Nageluntersuchung notwendig. Auch der Vergleich mit anderen Antidiabetika sowie regelmäßige Kontrollen des Ernährungsstatus könnten dabei helfen, arzneimittelbedingte Effekte von den Folgen einer Gewichtsabnahme zu unterscheiden.

Nagelveränderungen bei der Beratung berücksichtigen

Trotz der noch offenen Fragen empfiehlt Piraccini, bei Personen unter GLP-1-Therapie verstärkt auf die Nägel zu achten. Dabei sollte insbesondere geklärt werden, ob entsprechende Veränderungen bereits vor Behandlungsbeginn bestanden oder erst im Verlauf der Therapie aufgetreten sind.

Auch Lipner hält es für sinnvoll, mögliche Nagel- und Haarveränderungen im Beratungsgespräch anzusprechen. Gerade bei raschem Gewichtsverlust sei auf eine ausreichende Versorgung mit Proteinen und Mikronährstoffen zu achten, da Nährstoffdefizite ebenfalls Nagelveränderungen begünstigen könnten.Die Ergebnisse liefern damit erste Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen GLP-1-RA und Nagelerkrankungen. Ob die Arzneimittel selbst dafür verantwortlich sind, bleibt vorerst ungeklärt.



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