Können GLP-1-Therapien impulsives Verhalten beeinflussen?


Viktoria Anderle

Symbolbild: Ein GLP-1-Analogon wird in den Bauch gespritzt mittels Pen.
GLP-1-Therapien könnten beeinflussen, wie stark impulsive Gedanken in tatsächliche Handlungen umgesetzt werden.AdobeStock_853785593/millaf

GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid sind vor allem für ihre Wirkung bei Diabetes und Adipositas bekannt. Eine neue Studie aus den USA deutet nun auf einen überraschenden Nebeneffekt hin: Nutzer von GLP-1-Medikamenten zeigten einen deutlich schwächeren Zusammenhang zwischen Impulsivität und gewalttätigem Verhalten. Die Forscher betonen jedoch, dass die Ergebnisse keinen Kausalzusammenhang belegen und weitere Studien notwendig sind.

GLP-1-Rezeptoragonisten wie Ozempic oder Wegovy werden zunehmend zur Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas eingesetzt. In den vergangenen Jahren gab es bereits Hinweise darauf, dass die Medikamente nicht nur Appetit und Körpergewicht beeinflussen, sondern auch Auswirkungen auf das Belohnungssystem und bestimmte Verhaltensweisen haben könnten.

Vor diesem Hintergrund untersuchten die Forscher, ob GLP-1-Therapien mit gewalttätigem Verhalten in Zusammenhang stehen könnten. Besonderes Augenmerk lag dabei auf zwei bekannten Risikofaktoren für Gewalt: Impulsivität und Alkoholkonsum.

Daten von mehr als 7500 Erwachsenen analysiert

Für die Untersuchung werteten die Wissenschaftler Daten einer US-weiten Befragung aus dem Jahr 2025 aus. Insgesamt umfasste die Analyse 7521 Erwachsene. Im Mittelpunkt standen 821 Personen, die aktuell oder früher mit einem GLP-1-Rezeptoragonisten behandelt worden waren.

Anschließend verglichen die Forscher aktuelle Anwender:innen mit ehemaligen Nutzern. Erfasst wurden dabei unter anderem selbst berichtete Gewalthandlungen wie körperliche Auseinandersetzungen, Angriffe oder Raubdelikte.

Zusammenhang zwischen Impulsivität und Gewalt abgeschwächt

Das auffälligste Ergebnis der Studie betraf den Zusammenhang zwischen Impulsivität und gewalttätigem Verhalten: „Die wichtigste Erkenntnis der Studie war, dass der seit Langem bekannte Zusammenhang zwischen Impulsivität und Gewaltverhalten bei aktuellen GLP-1-Anwendern deutlich schwächer ausgeprägt war als bei ehemaligen Anwendern“, erklärte Studienleiter Daniel Semenza, Forschungsdirektor des New Jersey Gun Violence Research Center und Associate Professor an der Rutgers School of Public Health.

Nach Angaben der Forscher war die Verbindung zwischen Impulsivität und Gewaltverhalten bei aktuellen GLP-1-Nutzern rund 62 Prozent schwächer als bei ehemaligen Anwendern. Auch beim Alkoholkonsum zeigte sich ein ähnliches Bild. Hier war der Zusammenhang mit Gewaltverhalten bei aktuellen Nutzern um etwa 52 Prozent schwächer ausgeprägt. Allerdings erwiesen sich diese Ergebnisse in zusätzlichen Sensitivitätsanalysen als weniger konsistent.

Vergleich mit einer Verhaltenstherapie

Die Autoren sehen darin einen möglichen Hinweis darauf, dass GLP-1-Therapien weniger die Impulsivität selbst beeinflussen könnten als vielmehr die Umsetzung impulsiver Gedanken in konkretes Verhalten. „Unsere Ergebnisse passen zu der Vorstellung, dass diese Medikamente ähnlich wie eine kognitive Verhaltenstherapie wirken könnten: Sie schwächen den Weg vom Impuls zur Handlung ab, anstatt die Impulsivität selbst zu beseitigen“, sagte Studienautor Christopher Thomas von der Rutgers University-Camden.

Auch Semenza betonte die Bedeutung weiterer Forschung auf diesem Gebiet: „Da GLP-1-Medikamente immer häufiger eingesetzt werden, ist es wichtig, alle potenziellen Auswirkungen auf das Verhalten zu verstehen – auch jene, die für die öffentliche Sicherheit relevant sein könnten.“

Keine Aussage über Ursache und Wirkung

Die Autoren warnen jedoch vor einer Überinterpretation der Ergebnisse. Die Studie war beobachtend angelegt und erfasste die Daten zu einem einzigen Zeitpunkt. Damit lassen sich lediglich Zusammenhänge feststellen, nicht jedoch Ursache-Wirkungs-Beziehungen.

Ob GLP-1-Rezeptoragonisten tatsächlich das Risiko für Gewaltverhalten senken können oder ob andere Faktoren die Ergebnisse erklären, bleibt daher offen. Langzeitstudien und kontrollierte Untersuchungen sollen nun klären, welche biologischen und verhaltensbezogenen Mechanismen hinter den beobachteten Zusammenhängen stehen könnten.

Die Studie wurde unter dem Titel „Glucagon-like peptide-1 receptor agonist use and violent crime among US adults“ im Fachjournal Criminology veröffentlicht. Die Einordnung der Ergebnisse erfolgte in einem Interview der Rutgers University, das auf der Plattform ScienceDaily veröffentlicht wurde.



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