Plazenta-Verzehr: Nutzen fraglich, Risiken real


Sanja Agatic

Symbolbild: Darstellung einer menschlischen Plazenta mit Nabelschnur.
Plazentaverzehr nach der Geburt liegt im Trend, medizinischer Nutzen ist bislang jedoch nicht eindeutig belegt.Foto:stock.adobe.com/Tinttrex

Der Verzehr der Plazenta ist ein Trend, der in Internet-Foren und Sozialen Medien beworben wird. Den enthaltenen Mineralstoffen werden heilende Eigenschaften zugeschrieben. Doch Mediziner warnen: […] die vermuteten Nährstoffe wie Eisen, Selen und Zink befinden sich in keinen ausreichenden Konzentrationen in der Plazenta. Es wurden jedoch hohe Konzentrationen von Schwermetallen nachgewiesen.“

Die eigene Plazenta nach der Geburt zu konsumieren, klingt für viele zunächst befremdlich, hat sich aber in den letzten Jahren zu einem regelrechten Trend entwickelt. Ob in Kapselform, als Smoothie verarbeitet oder in anderen Darreichungsformen. Immer mehr Frauen und vor allem berühmte Frauen setzen auf diese Methode, in der Hoffnung, den Körper nach der Geburt schneller zu regenerieren. Versprochen werden mehr Energie, ein stabilerer Hormonhaushalt und sogar ein Schutz vor postpartalen Stimmungsschwankungen. Doch hält das Ganze auch einer kritischen Betrachtung stand?

Nutzen wissenschaftlich nicht bestätigt

Trotz positiven Erfahrungsberichten fehlt es bisher an wissenschaftlich fundierten Belegen. Eine im American Journal of Obstetrics and Gynecology veröffentlichte Analyse von Crytal Young und Daniel Benyshek zeigt, dass sich bislang kein klarer gesundheitlicher Nutzen durch den Verzehr der Plazenta nachweisen lässt. Weder eine verbesserte Rückbildung noch eine gesteigerte Milchproduktion konnten eindeutig auf die Einnahme zurückgeführt werden. Vieles deutet vielmehr darauf hin, dass subjektive Verbesserungen eher durch psychologische Faktoren oder einen Placebo-Effekt erklärbar sind. Hinzu kommt, dass die enthaltenen Nährstoffe durch Verarbeitungsschritte wie Trocknung und Verkapselung deutlich reduziert werden. Zwar enthält die Plazenta grundsätzlich Eisen, Hormone und Proteine, diese liegen nach der Weiterverarbeitung jedoch oft nur mehr in geringen Mengen vor. Ein tatsächlicher gesundheitlicher Mehrwert bleibt damit fraglich.

Medizinisch gesehen ein Abfallprodukt

Auch aus medizinischer Sicht fällt die Einschätzung klar aus. Der Gynäkologe Alex Farr von der Medizinischen Universität Wien beschäftigte sich wissenschaftlich mit dem Thema und arbeitete im Rahmen einer Kooperation unter anderem mit dem Weill Cornell Medical Center in New York zusammen. Seine Ergebnisse veröffentlichte er im American Journal of Obstetrics and Gynecology. Farr stellt fest: „Medizinisch gesehen ist die Plazenta ein Abfallprodukt. Die meisten Säugetiere fressen die Plazenta nach der Geburt, aber wir können nur vermuten, warum sie das tun. Nachdem die Plazenta genetisch zum Neugeborenen gehört, grenzt das Verspeisen der Plazenta an Kannibalismus“.  Auch Farr sieht keinerlei Hinweise auf medizinische Vorteile. „Im Gegenteil, denn die vermuteten Nährstoffe wie Eisen, Selen und Zink befinden sich in keinen ausreichenden Konzentrationen in der Plazenta. Es wurden jedoch hohe Konzentrationen von Schwermetallen in der Plazenta festgestellt, die sich dort im Laufe der Schwangerschaft ansammeln“.

Streptokokken-Infektion

Als besonders problematisch bewertet Farr zudem den rechtlichen Graubereich rund um die Mitnahme und Weiterverarbeitung der Plazenta sowie eine fehlende Standardisierung bei der Verarbeitung. Es gäbe keine einheitlichen Vorgaben, wie die Plazenta hygienisch und sicher aufbereitet werden muss. Wird sie nicht ausreichend erhitzt oder unsachgemäß gelagert, können Krankheitserreger überleben.

Dann birgt der Verzehr, der meist in Form verarbeiteter Kapslen oder Globuli erfolgt, auch ein nicht zu unterschätzendes Infektionsrisiko mit, so der Gynäkologe. Er berichtet von einem dokumentierten Fall, der auch international für Aufmerksamkeit sorgte: „Erst im Juni 2017 warnte die Bundesbehörde des amerikanischen Gesundheitsministeriums, das Center for Disease Control and Prevention (CDC), wegen eines rezenten Falles offiziell vor diesem Trend. Das Baby einer Mutter, die Plazentakapseln gegessen hatte, erlitt mehrmals eine lebensbedrohliche Blutvergiftung durch Streptokokken. Diese Bakterien konnten in den Plazentakapseln der Mutter nachgewiesen werden und wurden wohl von ihr auf das Kind übertragen“.

Während eine Wirkung bis dato nicht belegt ist, sind mögliche Risiken durchaus real. Der zunehmende Trend stellt damit auch Fachpersonal vor Herausforderungen. Die Nachfrage ist vorhanden, gleichzeitig ist die Datenlage unklar. Umso wichtiger ist eine sachliche Aufklärung.



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