Wenn das Nervenvitamin auf die Nerven geht


Sanja Agatic

Symbolbild: Ein Teller mit Holzblöcken mit der Aufschrift "Vitamin B6" und daneben liegt Essbesteck.
Vitamin B6 unterstützt das Nervensystem, dauerhaft zu hohe Mengen aus mehreren NEM können jedoch selbst neurologische Beschwerden verursachen.Foto:stock.adobe.com/78art

Vitamin B6 steckt in Magnesiumpräparaten, Multivitaminen, Produkten gegen Müdigkeit oder für das Nervensystem. Wer mehrere Nahrungsergänzungsmittel (NEM) gleichzeitig einnimmt, kann dadurch deutlich mehr davon aufnehmen als gedacht. Ausgerechnet das Vitamin, das zu einer normalen Funktion des Nervensystems beiträgt, kann bei dauerhaft hoher Zufuhr selbst neurologische Beschwerden auslösen.

Ein Magnesiumpräparat am Morgen, ein Multivitamin dazu und vielleicht noch ein Produkt für Nerven oder Energie: Auf den ersten Blick sind das unterschiedliche NEM. Auf der Inhaltsliste kann jedoch immer wieder derselbe Inhaltsstoff auftauchen: Vitamin B6. Es ist auch als Pyridoxin oder Pyridoxinhydrochlorid bekannt. Während eine Überversorgung über die normale Ernährung kaum zu erwarten ist, können NEM die tägliche Aufnahme deutlich erhöhen.

Kribbeln statt Unterstützung für die Nerven

Vitamin B6 ist unter anderem am Aminosäurestoffwechsel und an der Funktion des Nervensystems beteiligt. Eine langfristig zu hohe Aufnahme kann eine periphere Neuropathie verursachen. Typische Beschwerden sind Kribbeln, Brennen oder Taubheitsgefühle an Händen und Füßen. Bei schwereren Verläufen können auch Gleichgewicht und Bewegungskoordination beeinträchtigt sein.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat deshalb 2023 ihre Bewertung von Vitamin B6 deutlich verschärft. In der wissenschaftlichen Stellungnahme „Scientific opinion on the tolerable upper intake level for vitamin B6“ wurde für Erwachsene eine tolerierbare Gesamtzufuhr von 12 mg pro Tag festgelegt, einschließlich Vitamin B6 aus Lebensmitteln, angereicherten Produkten und NEM. Zuvor lag der europäische Wert bei 25 mg pro Tag.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) geht noch einen Schritt weiter und empfiehlt für NEM seit seiner aktualisierten Bewertung lediglich 0,9 mg Vitamin B6 pro empfohlener Tagesdosis eines einzelnen Produkts. Dabei handelt es sich nicht um einen gesetzlichen Grenzwert, sondern um eine vorsorgliche Empfehlung, die unter anderem eine mögliche Mehrfachaufnahme berücksichtigt.

Schäden nicht nur bei extremen Dosierungen

Dass hohe Pyridoxinmengen Nerven schädigen können, ist seit Jahrzehnten bekannt. Interessant für die heutige NEM-Beratung ist jedoch, dass Beschwerden nicht erst bei extremen Dosierungen beschrieben wurden. Das niederländische Pharmakovigilanzzentrum Lareb untersuchte in der Arbeit „Vitamin B6 in Health Supplements and Neuropathy“ 90 Verdachtsmeldungen zu B6-haltigen NEM und peripheren Neuropathien. Die Autor:innen kamen zu dem Schluss, dass ein Zusammenhang besonders bei hohen Dosen und längerer Einnahme plausibel ist. Gleichzeitig ließ sich ein Risiko auch bei Dosierungen unter 50 mg pro Tag nicht sicher ausschließen.

Auch der Review „Vitamin B-6 Induced Neuropathy: Exploring the Mechanisms of Pyridoxine Toxicity“ von Hadtstein und Vrolijk beschreibt vor allem eine Schädigung sensorischer Nervenzellen durch überschüssiges Pyridoxin. Warum manche Menschen bereits bei niedrigeren Mengen reagieren als andere, ist bislang nicht vollständig geklärt.

Was beachtet werden sollte

Tauchen unter längerer Einnahme eines NEM Kribbeln, Brennen oder Taubheitsgefühle auf, sollte Vitamin B6 als eine mögliche Ursache bedacht werden. Bei neurologischen Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.



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