Der Versand rezeptpflichtiger Arzneimittel ist in Österreich verboten. Martina Egger, Geschäftsführerin von Redcare (Shop Apotheke) Österreich, hält das für eine politische und nicht für eine pharmazeutische Entscheidung. Sie spricht sich für eine Öffnung des Rx-Versands sowie eine durchgängige „digitale Patientenjourney“ aus.
„Gesundheit muss einfach sein. Und einfach ist für jeden anders“, wirbt Egger in einem Linkedin-Beitrag. Darin blickt sie nicht nur auf ihre berufliche Laufbahn zurück, sondern schildert auch ihre persönlichen Erfahrungen als Patientin.
Gerade zu Beginn ihrer Karriere sei vor allem die Organisation der Arzneimittelversorgung zunehmend zur Belastung geworden. Arzttermine, Rezepte und Apothekenbesuche mit ihren Arbeitszeiten zu vereinbaren, sei nicht immer einfach gewesen. „Mit Beginn meines Berufslebens ist mir dann das Medikamentenmanagement – sorry – komplett auf die Nerven gegangen“, schreibt Egger.
Diese Erfahrungen hätten ihr Interesse an digitalen Angeboten im Gesundheitsbereich verstärkt. Eine einfache Versorgung könne für jeden Menschen etwas anderes bedeuten: Arzneimittel sollten ihrer Meinung nach sowohl online bestellt als auch vor Ort abgeholt werden können.
Egger: „Es gibt keinen Grund, der gegen den Rx-Versand spricht“
Egger fasst ihre Haltung mit dem Grundsatz „Digital vor ambulant vor stationär“ zusammen. Zugleich betont sie: „Und alles darf nebeneinander existieren.“ Digitale Angebote versteht sie demnach nicht grundsätzlich als Ersatz für bestehende Versorgungsstrukturen, sondern als Ergänzung.
In einem Interview mit dem Online-Medium „Brutkasten“ konkretisierte Egger diese Position. Sie spricht sich darin für eine gesetzliche Öffnung des Versands rezeptpflichtiger Arzneimittel in Österreich aus. „Pharmazeutisch gibt es keinen Grund, der gegen den Rx-Versand spricht“, erklärte sie im Gespräch.
Versandverbot als politische Entscheidung
Der Verkauf rezeptpflichtiger Arzneimittel über das Internet ist in Österreich derzeit verboten. Österreichische Apotheken dürfen diese Arzneimittel weder innerhalb Österreichs noch ins Ausland versenden. Über registrierte Versandapotheken dürfen grundsätzlich nur rezeptfreie, in Österreich zugelassene Arzneimittel versendet werden. Egger sieht das bestehende Verbot vor allem als politische Entscheidung.
„Österreich hinkt regulatorisch hinterher“
Gegenüber TARA24 führt Egger diese Position weiter aus. Von einer Freigabe profitieren würden aus ihrer Sicht insbesondere Menschen in ländlichen Regionen, chronisch kranke Patientinnen und Patienten sowie Personen mit eingeschränkter Mobilität. Österreich hinke beim Rx-Versand ihrer Meinung nach nicht technisch, sondern regulatorisch hinter Ländern wie Deutschland, den Niederlanden oder der Schweiz hinterher.
„Der Unterschied zwischen uns und einer Vor-Ort-Apotheke ist nicht pharmazeutischer, sondern rechtlicher Natur“, betont Egger. Redcare sei eine vollwertige Apotheke und unterliege denselben pharmazeutischen Pflichten. Jede Rezeptbestellung durchlaufe unter anderem eine pharmazeutische Prüfung, einen Wechselwirkungscheck sowie eine Kontrolle nach dem Vier-Augen-Prinzip. „Wir wollen nicht weniger Regulierung, wir wollen mehr davon – klare Regeln, einheitliche Standards und behördliche Aufsicht.“ Ein pauschales Versandverbot beseitigt ihrer Meinung nach den Bedarf nicht, sondern verlagert ihn nur zu unseriösen Anbietern hin. „Das kann nicht im Interesse der Patientensicherheit sein“, meint Egger.
Volkswirtschaftliches Potenzial
Als weiteres Argument verweist Egger auf eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria, die einer Öffnung des Rx-Versands einen volkswirtschaftlichen Nutzen von etwa 141 Millionen Euro zuschreibt.
Die von Redcare selbst beauftragte Studie wird jedoch auch kritisch bewertet: Beanstandet wird unter anderem, dass der errechnete volkswirtschaftliche Nutzen stark auf der Annahme beruht, eingesparte Wege würden unmittelbar in zusätzliche produktive Arbeitszeit umgewandelt. Zudem bleibe unberücksichtigt, dass auch eine Online-Bestellung Zeit benötigt und Arzneimittel häufig direkt nach einem Arztbesuch oder im Zuge anderer Erledigungen abgeholt werden. Problemtisch gesehen wird außerdem, dass öffentliche Apotheken weiterhin Aufgaben wie Nacht- und Bereitschaftsdienste übernehmen, diese Leistungen in der wirtschaftlichen Bewertung des Rx-Versands jedoch kaum abgebildet werden.
Betreiben Online-Apotheken „Rosinenpicken“?
Die geäußerte Kritik, Versandapotheken könnten sich auf wirtschaftlich attraktive Verschreibungen konzentrieren, während öffentliche Apotheken weiterhin einen Großteil der Versorgungsaufgaben übernehmen, weist Egger zurück.
Gegenüber TARA24 betont sie, dass Versender keine „Rosinenpicker“ seien. Redcare wähle Verschreibungen nicht nach ihrer wirtschaftlichen Attraktivität aus: „Wir bilden das versandfähige Sortiment in seiner ganzen Breite ab, zu denselben Kassenkonditionen wie jede öffentliche Apotheke – auch bei aufwändigen oder teuren Präparaten“, entgegnet Egger. Zudem würde eine Öffnung des Rx-Versands grundsätzlich allen Apotheken offenstehen und nicht ausschließlich Versandapotheken zugutekommen. Das schaffe also „zusätzliche Chancen für das gesamte System, nicht ein Privileg für einzelne Player“, ist sich die Geschäftsführerin sicher.
(K)ein Apothekensterben
Auch die Sorge vor einem Apothekensterben durch den Versandhandel teilt Egger nicht. In Österreich steige die Zahl der Apotheken, während die Probleme in Deutschland aus ihrer Sicht andere Ursachen hätten. „Das deutsche Problem liegt an der schwierigen Nachfolge und an schließenden Arztpraxen“, erklärte sie gegenüber dem „Brutkasten“. Den Onlineanteil am Geschäft mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln in Deutschland bezifferte sie auf knapp 2 Prozent.
Dieselbe Meinung vertrat bereits Redcare-Managerin Theresa Holler im Mai bei einem Expertengespräch zum Thema Medikamentenversorgung. TARA24 hat berichtet. Holler führte das Apothekensterben in Deutschland vor allem auf den wirtschaftlichen Druck, strukturelle Veränderungen und fehlende Nachfolgeregelungen zurück. Den Marktanteil des Versandhandels bezifferte sie damals auf ungefähr 1 Prozent. „Es ist ein Miteinander und kein Gegeneinander“, betonte auch Holler. Patientinnen und Patienten sollten frei entscheiden können, wo sie ihre Arzneimittel beziehen.
Kritik aus der Apothekerschaft
Dem wird aus der Apothekerschaft entgegengehalten, dass ein geringer Marktanteil alleine noch nichts über die wirtschaftlichen Auswirkungen auf einzelne öffentliche Apotheken aussage. Verlagerten sich insbesondere planbare und regelmäßig wiederkehrende Verschreibungen in den Versandhandel, könnten wichtige Umsätze verloren gehen, während öffentliche Apotheken weiterhin Personal, Lagerhaltung und die unmittelbare Versorgung in Akutfällen sicherstellen müssten.
Ungeachtet dieser Kritik betont Egger, dass verschiedene Versorgungswege nebeneinander bestehen sollen. „Unser Anspruch ist Koexistenz und Kooperation – zum Wohl der Patient:innen, die frei wählen können sollen, welcher Weg zu ihrer Situation passt.“
