Hafner über Rx-Versand: „Online Apotheken haben keinen Versorgungsauftrag“


Viktoria Anderle

Hafner argumentiert, dass öffentliche Apotheken auch wirtschaftlich wenig rentable Leistungen übernehmen würden und dafür Rechte wie den Arzneimittelvorbehalt und das Rx-Versandverbot bräuchten. Bei deren Wegfall könnten Betriebe verloren gehen und die Rund-um-die-Uhr-Versorgung leiden.

„Pharmazeutisch gibt es keinen Grund, der gegen den Rx-Versand spricht.“ Apotheker Viktor Hafner sieht ihn sehr wohl. Im Gespräch mit TARA24 reagiert er auf die Aussage von Redcare-Geschäftsführerin Martina Egger, die das bestehende Versandverbot als politische Entscheidung bezeichnet. Hafner erklärt seine Bedenken und warnt auch vor möglichen Folgen für die Zukunft: „Online-Apotheken haben keinen Versorgungsauftrag.“

Mag. Viktor Hafner ist Konzessionär der Linden-Apotheke in Wien-Hernals und betreibt selbst einen Onlineshop. Auf die Aussage von Martina Egger angesprochen, dass es aus pharmazeutischer Sicht keinen Grund gegen den Versand rezeptpflichtiger Arzneimittel gebe, verweist Hafner zunächst darauf, dass die Redcare-Geschäftsführerin selbst keine pharmazeutische Ausbildung habe. Seine Erfahrungen aus dem Apothekenalltag zeichnen ein anderes Bild.

„Man muss die Patienten sehen“

Nach Hafners Erfahrung besteht bei dem Großteil der Rezepte zusätzlicher Beratungsbedarf. Gerade bei Sprachbarrieren spiele dabei nicht nur das Gespräch, sondern auch der persönliche Kontakt eine wichtige Rolle. „Man muss die Patienten sehen. Wenn ich etwas erkläre und es kommt ein fragender Blick, der vielleicht durch eine Sprachbarriere nicht artikuliert werden kann, dann merke ich, es wurde nicht verstanden. Dann versuche ich, es noch einmal anders zu erklären. Ich denke, das fällt online in der Anonymität weg.“

Dass pharmazeutische Probleme mitunter erst bei der Abgabe auffallen, erlebt Hafner regelmäßig. Erst kürzlich habe ein Mann ein zwei Wochen zuvor ausgestelltes Rezept über Clomifen für seine Frau eingelöst. Im Beratungsgespräch sei das Thema Schwangerschaft aufgekommen. „Bei meiner Kollegin gingen die Alarmglocken an“, erzählt Hafner. Im Falle einer bestehenden Schwangerschaft wäre der selektive Estrogenrezeptor-Modulator kontraindiziert. Für Hafner ist das ein gutes Beispiel für Situationen, in denen die persönliche pharmazeutische Kontrolle eine wesentliche Rolle spielt.

Hinzu kommen noch organisatorische Probleme: Häufig sind Arzneimittel nicht lieferbar, eine Verschreibung ist nicht mehr aktuell, Patient:innen möchten ein Präparat doch nicht beziehen oder ein erwartetes Rezept ist nicht auf der e-card gespeichert, erklärt Hafner. „Wir Apotheker:innen finden vor Ort immer eine Lösung. Sei es ein rasches Telefonat mit dem Arzt oder das Gespräch mit dem Kunden selbst. Wir greifen helfend ein“, sagt er. In diesem Ausmaß lasse sich das online seiner Ansicht nach nicht abbilden.

„Der Kühlakku bringt nichts, wenn das Paket zwei Tage in der Abholstation liegt“

Grenzen sieht Hafner auch beim Transport temperaturempfindlicher Arzneimittel. Damit hat er selbst Erfahrung: Neben seiner öffentlichen Apotheke betreibt er einen Onlineshop für OTC-Präparate. Weiters war er am Aufbau eines Wiener Lieferdienstes für rezeptfreie Arzneimittel beteiligt.

Für Diskussionen sorgte zuletzt ein Video aus Deutschland, in dem ein Apotheker online bestellte Zäpfchen zeigte, die nach der Zustellung verflüssigt aus einer Paketstation abgeholt wurden. Für Hafner macht das ein grundsätzliches Problem sichtbar. Zwar könnten Arzneimittel entsprechend verpackt und beispielsweise mit Kühlakkus versendet werden. Was nach der Zustellung mit dem Paket passiert, lasse sich jedoch nur begrenzt beeinflussen.

„Der Kühlakku bringt nichts, wenn das Paket dann zwei Tage in der Abholstation liegt“, gibt Hafner zu bedenken. In seinem eigenen Versand sperre er deshalb in den heißen Sommermonaten temperaturempfindliche Präparate teilweise für den Versand. Bei einer flächendeckenden Versorgung mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln lasse sich das jedoch nicht beliebig umsetzen. Es sei schließlich keine Lösung, bestimmte notwendige Arzneimittel während Hitzeperioden schlicht nicht zu versenden.

Zeitersparnis „an den Haaren herbeigezogen“

Neben der pharmazeutischen Diskussion führt Redcare auch wirtschaftliche Vorteile einer Öffnung des Rx-Versands an. Die Online-Apotheke verweist dabei auf eine selbst beauftragte Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts EcoAustria. Darin wird unter anderem angenommen, dass durch wegfallende Wege zur Apotheke eingesparte Zeit teilweise für produktive Arbeit genutzt werden kann. Insgesamt errechnet die Studie für Personen mit einer Wegzeit von mehr als zehn Minuten zur nächsten Apotheke einen volkswirtschaftlichen Nutzen von rund 141 Millionen Euro.

Hafner kann dieser Argumentation wenig abgewinnen. „Dieses Argument finde ich vollkommen an den Haaren herbeigezogen. So etwas habe ich noch nie gehört.“ Gerade ältere Menschen benötigten besonders häufig regelmäßig rezeptpflichtige Arzneimittel. Ein großer Teil dieser Personengruppe stehe nicht mehr im Erwerbsleben, weshalb ein Apothekenbesuch nicht automatisch mit verlorener Arbeitszeit gleichgesetzt werden könne. Gleichzeitig bedeute der Weg zur Apotheke und der persönliche Kontakt gerade im Alter auch Bewegung und soziale Interaktion, so Hafner.

Auch einen zusätzlichen Weg, weil ein Arzneimittel nicht lagernd ist, hält der Apotheker nicht für die Regel. In seiner Apotheke liege die Defektquote bei rund fünf Prozent. Nur in einem vergleichsweise kleinen Teil der Fälle müsse ein Präparat daher bestellt werden, sofern keine andere unmittelbare Lösung gefunden werden könne.

„Apothekenwaage“ darf nicht in Schieflage geraten

Warum die Sorge vor einem „Rosinenpicken“ durch Versandapotheken besteht, erklärt Hafner anhand der wirtschaftlichen Struktur öffentlicher Apotheken. „Wir Apotheken vor Ort arbeiten ganz klar auf Vollkostenrechnung. Das heißt, wir haben gewisse Rechte, aber dafür haben wir auch viele Pflichten.“ Dieses Verhältnis vergleicht er mit einer „Apothekenwaage“, bei der Rechte und Pflichten im Gleichgewicht stehen müssen. 

„In Summe müssen die Apotheken einige Dinge tun, die sich wirtschaftlich eigentlich nicht rechnen“, sagt Hafner. Als Beispiel nennt er die magistrale Herstellung von Zäpfchen oder Kapseln: „Wir bekommen oft nur wenige Euro für so eine Herstellung. Damit das kostendeckend wäre, müsste deutlich mehr bezahlt werden.“ Ähnlich verhalte es sich mit Bereitschaftsdiensten, der Substitutionsbetreuung oder dem Einschachteln von Arzneimitteln für vulnerable Patientengruppen.

Dennoch würden öffentliche Apotheken diese Aufgaben übernehmen. „Wir wissen: Das ist unsere Aufgabe, das machen wir. Wir nehmen in Kauf, dass manche Leistungen nicht entsprechend dem tatsächlichen Aufwand vergütet werden. Dafür brauchen wir aber auch gewisse Rechte, insbesondere den Arzneimittelvorbehalt und das derzeitige Versandverbot für rezeptpflichtige Arzneimittel. In Summe ist es dann eine Vollkostenrechnung“, fasst Hafner zusammen.

Würden wirtschaftlich relevante Bereiche aus diesem System herausgelöst, gerate diese „Apothekenwaage“ aus Hafners Sicht in Schieflage. „Dann geht sich diese Rechnung nicht mehr aus.“ Leistungen wie magistrale Rezepturen müssten entsprechend höher vergütet werden, wodurch wiederum zusätzliche Kosten für das Gesundheitssystem entstehen würden. 

„Online-Apotheken haben keinen Versorgungsauftrag“

Darin sieht Hafner auch den Kern der Diskussion um das „Rosinenpicken“. Versandapotheken müssten etwa keine Bereitschaftsdienste oder Substitutionsversorgung übernehmen.

Problematisch werde das seiner Ansicht nach insbesondere dann, wenn große internationale Anbieter wirtschaftlich interessante Teile des Arzneimittelmarktes übernehmen. Ziehe sich ein Unternehmen später wieder zurück, weil ein Markt nicht mehr ausreichend rentabel sei, müsse es die Versorgung nicht in derselben Form weiterführen wie eine öffentliche Apotheke.

„Online-Apotheken haben diese Pflicht nicht. Sie haben keinen Versorgungsauftrag so wie die stationären Apotheken in Österreich“, betont Hafner. Im schlimmsten Fall seien bis dahin öffentliche Apotheken wirtschaftlich geschwächt worden oder Betriebe hätten bereits geschlossen. „Dann gibt es diese Kundennähe und die Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit der Apotheken nicht mehr“, warnt Hafner.

Hybridbetrieb als Chance?

Redcare sieht in einer Öffnung des Rx-Versands hingegen auch Chancen für bestehende öffentliche Apotheken, selbst stärker auf hybride Versorgungsmodelle zu setzen. Hafner bezweifelt, dass einzelne Apotheken dabei langfristig mit internationalen Konzernen konkurrieren könnten.

„Wenn durch den Online-Rx-Versand eine solche Schieflage entsteht, dann glaube ich nicht, dass wir das als Einzelhändler kompensieren können.“ Um gegen große Anbieter wie Amazon, dm oder Redcare bestehen zu können, müssten sich öffentliche Apotheken seiner Einschätzung nach stärker zusammenschließen und in Richtung einer Filialisierung entwickeln. „Ich glaube nicht, dass das eine gute und wünschenswerte Entwicklung wäre.“

Gemeinsam Versorgung gewährleisten

Stattdessen hält Hafner eine stärkere Zusammenarbeit innerhalb der Apothekerschaft für entscheidend. Gleichzeitig müsse der Politik vermittelt werden, welche Versorgungsleistungen öffentliche Apotheken täglich übernehmen.

Als positives Beispiel nennt er die Versorgungsplattform der Österreichischen Apothekerkammer. Ist ein Arzneimittel in der eigenen Apotheke nicht verfügbar, kann nachgesehen werden, ob es in einer nahe gelegenen Apotheke lagernd ist. Menschen können dadurch gezielt dorthin verwiesen werden. „Das ist ein fantastischer Schritt und ein tolles Beispiel für die kollegiale Zusammenarbeit“, sagt Hafner. Dabei gehe es nicht darum, Patient:innen um jeden Preis in der eigenen Apotheke zu halten, sondern gemeinsam eine rasche Versorgung sicherzustellen.



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