Lieferengpässe, wirtschaftlicher Druck und rechtliche Hürden setzen die Arzneimittelversorgung zunehmend unter Spannung. Beim Expertentalk des Schutzverbands der Hausapotheken führenden Ärzte Österreichs im APA-Pressezentrum diskutierten Vertreter:innen aus Großhandel, Medizinrecht, Hausapotheken und Versandhandel über Risiken für die Versorgungssicherheit.
Der Schutzverband der Hausapotheken führenden Ärzt:innen lud zu einem Expertentalk ins APA-Pressezentrum in Wien. Unter dem Titel „Nahversorgung mit Medikamenten am Prüfstand. Sicher und patientengerecht oder krisenanfälliger als gedacht?“ diskutierten Vertreter:innen unterschiedlicher Bereiche des Gesundheitssystems über die Zukunft der Arzneimittelversorgung in Österreich und Europa.
Globale Lieferketten und Europas Abhängigkeit
Vor allem die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie hätten laut den Teilnehmer:innen gezeigt, wie anfällig internationale Lieferketten sein können. Gleichzeitig sei deutlich geworden, wie stark die Versorgungssicherheit von funktionierenden Vertriebs- und Versorgungssystemen abhängt.
PHAGO-Vizepräsident Mag. Bernd Grabner sprach von einem zunehmenden Druck auf den Arzneimittelgroßhandel. „Der Kampf um die Lieferbarkeit der Arzneimittel ist unser tägliches Brot im Großhandel“, sagte Grabner. Regelmäßig stünden hunderte Arzneispezialitäten auf Listen wegen eingeschränkter Lieferbarkeit. Gleichzeitig werde von politischer Seite Versorgungssicherheit gefordert, wirtschaftlich werde diese jedoch kaum abgegolten. „Die Politik verlangt Sicherheit, will aber nichts dafür zahlen“, so Grabner.
Besonders problematisch sei die Abhängigkeit Europas von asiatischen Produktionsstandorten. „Rund 75 Prozent der Wirkstoffe stammen mittlerweile aus China oder Indien“ , so Grabner. Während der Corona-Pandemie habe sich gezeigt, wie rasch Exportstopps oder Produktionsprobleme Auswirkungen auf Europa haben könnten.
Grabner verwies zudem auf geopolitische Risiken rund um internationale Handelsrouten. Mit Blick auf die Straße von Hormus warnte er vor Problemen bei erdölbasierten Vorprodukten. „Arzneimittel bestehen ja nicht nur aus Wirkstoffen, sondern brauchen auch Chemikalien zur Herstellung oder Verpackungen“, sagte er. Viele dieser Materialien würden auf erdölbasierten Stoffen beruhen. „Jetzt kommt dort kein Erdöl durch“, so Grabner über die Situation in der Region.
Kritik übte Grabner auch an regulatorischen Vorgaben innerhalb Europas. Während der Pandemie seien Arzneimittel teils nicht verfügbar gewesen, weil Verpackungsmaterialien oder Papier für Beipackzettel gefehlt hätten. Gleichzeitig hätten regulatorische Vorgaben nur wenig Flexibilität bei Änderungen zugelassen. „Wir kämpfen gegen Windmühlen in Europa“, sagte Grabner. Österreich orientiere sich zudem zunehmend an europäischen Bevorratungsmodellen, die nicht immer auf die heimischen Gegebenheiten abgestimmt seien. Der pharmazeutische Großhandel liefere mittlerweile umfangreiche Daten zu Lagerständen und Lieferengpässen, jedoch werde aus Sicht Grabners zu wenig mit diesen Informationen gearbeitet.
Auch wirtschaftlich stoße das derzeitige System an Grenzen. Besonders günstige Medikamente seien für den Großhandel zunehmend schwer kostendeckend zu vertreiben. Teilweise liege der Deckungsbeitrag pro Packung bei unter einem Euro. Zusätzliche Gebühren waren deshalb notwendig, um die flächendeckende Distribution aufrechterhalten zu können.
Versandhandel und digitale Versorgung
Mag. Theresa Holler, Apothekerin und COO von Redcare Pharmacy (Shop Apotheke), sprach sich ebenfalls für ein stärkeres Zusammenspiel unterschiedlicher Versorgungssysteme aus. „Wir wollen ein Miteinander aus Hausapotheken, öffentlichen Apotheken und der Versandapotheke. Es geht darum Patienten zu versorgen“, sagte Holler auf die Frage, ob sich Redcare als Konkurrenz zur öffentlichen Apotheke sehe.
Großes Potenzial sieht Holler im österreichischen e-Rezept. Dieses sei ein „Schatz“ und bilde aus ihrer Sicht bereits das Fundament für zukünftige digitale Versorgungsmodelle. Während der Versand rezeptpflichtiger Arzneimittel in Österreich derzeit nicht erlaubt ist, sei dieser in Ländern wie Deutschland, Schweden oder der Schweiz bereits etabliert. „Ja, wir glauben fest daran, dass sich ein Versand von rezeptpflichtigen Arzneimitteln durchsetzen wird. Wir sind in Gesprächen mit der Politik und den Ärzten“, sagte Holler.
Für das Apothekensterben in Deutschland sieht Holler den Versandhandel hingegen nicht als Hauptursache. „Wir haben dort einen Marktanteil von ungefähr 1 Prozent. Wir tragen dazu nichts bei“, betonte sie. Ursachen seien aus ihrer Sicht vielmehr wirtschaftlicher Druck, strukturelle Veränderungen sowie fehlende Nachfolgeregelungen. Man wolle künftig verstärkt auf Zusammenarbeit setzen. „Es ist ein Miteinander und kein Gegeneinander. Wir setzen auf die Wahlfreiheit der Patienten, wo sie ihre Medikamente beziehen wollen“, so Holler.
Hausapotheken als Versorgungspartner im ländlichen Raum
Dr. Carmen Berti-Zambanini vom Schutzverband der Ärzte mit Hausapotheken verwies auf die Bedeutung ärztlicher Hausapotheken im ländlichen Raum. Auch hier habe sich während der Corona-Pandemie gezeigt, dass Patient:innen von kurzen Wegen und einer direkten Versorgung profitiert hätten. „Patienten wurden ohne Probleme aufgeklärt und die Medikamente gleich mitgegeben“, sagte Berti-Zambanini. Ärzt:innen könnten bei Lieferproblemen häufig direkt reagieren und gemeinsam mit den Patient:innen Lösungen finden.
Mehrfach wurde während der Diskussion der Wunsch nach stärkerer Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitssystems betont. Berti-Zambanini sprach sich dabei ausdrücklich für ein „Miteinander“ zwischen Hausapotheken, öffentlichen Apotheken und weiteren Akteuren aus. Auch digitale Angebote sollten aus ihrer Sicht stärker gemeinsam gedacht werden. „Wir wünschen uns, dass auch Hausapotheken in die neue ApoApp der Apothekerkammer aufgenommen werden“, sagte Berti-Zambanini. Gerade für Patient:innen im ländlichen Raum könne dies die Versorgung verbessern. „Hier muss es Gespräche geben. Wir nehmen niemandem etwas weg“, betonte sie. Vielmehr gehe es um eine möglichst wohnortnahe Versorgung der Patient:innen.
Rechtliche Hürden bei Hausapotheken
Dr. Silvester Hutgrabner, Referent für Hausapotheken der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), bezeichnete Hausapotheken als „kleines Zusatzangebot“ für ländliche Regionen. Viele Patient:innen müssten andernfalls weite Wege zur nächsten öffentlichen Apotheke zurücklegen. Gleichzeitig kritisierte Hutgrabner bestehende rechtliche Vorgaben als teilweise praxisfern. Hausapotheken führende Ärzt:innen dürften Medikamente nicht außerhalb ihres unmittelbaren Standorts abgeben. Aus seiner Sicht brauche es hier mehr Rechtssicherheit und praktikablere Lösungen.
Kritisch äußerte sich Hutgrabner auch zur zunehmenden Ausweitung pharmazeutischer Dienstleistungen in Richtung medizinischer Leistungen, etwa bei Impfungen oder Point-of-Care-Tests in Apotheken. Dabei verwies er auf die traditionelle Aufgabenteilung zwischen ärztlicher und pharmazeutischer Versorgung.
Rechtsanwältin Dr. Martina Haag, spezialisiert auf Arzneimittel- und Medizinrecht, sieht vor allem rechtliche Hürden bei Hausapotheken. Der Betrieb sei derzeit stark an die jeweilige Ärztin beziehungsweise den jeweiligen Arzt gebunden. Dadurch könnten etwa Vertretungsregelungen im Krankheitsfall problematisch werden. Primärversorgungseinheiten (PVE) würden derzeit rechtlich nicht einbezogen werden, gib sie zu bedenken. Für eine langfristig stabile Versorgung brauche es aus ihrer Sicht flexiblere gesetzliche Rahmenbedingungen für Hausapotheken und Gruppenpraxen.
Zum Abschluss der Diskussion wurde erneut betont, dass Versorgungssicherheit künftig nicht allein durch Krisenmanagement erreicht werden könne. Viele Teilnehmer:innen sahen Reformbedarf bei rechtlichen Rahmenbedingungen, Lieferketten und der Zusammenarbeit innerhalb des Gesundheitssystems. Die Versorgung der Patient:innen müsse im Mittelpunkt stehen.
