Rezept, Beratung und Medikament direkt an einem Ort? Genau dieses Modell möchte die Ärztekammer Wien künftig stärker vorantreiben. Während Ärzt:innen darin einen schnelleren Therapiebeginn und weniger Hürden für Patientinnen und Patienten sehen, spiele der wirtschaftliche Faktor laut einer Umfrage nur eine untergeordnete Rolle.
In einer Patientenbefragung aus dem Jahr 2024 waren rund 66 Prozent der Befragten für einen Abgabe von Medikamenten direkt in den Ordinationen, teilt die Wiener Ärztekammer bei ihrer Pressekonferenz mit. Auch unter Ärzt:innen zeige sich großes Interesse: Rund 61 Prozent der befragten Ärztinnen Würden in ihrer Ordination Medikamente abgeben. Besonders hoch ist die Zustimmung bei den jüngeren Ärzt:innen im Alter zwischen 30 und 39 Jahren.
„Ziel ist es Wege für Patient:innen zu verkürzen und dem Abgabeprozess Komplexität zu nehmen“, so Dr. Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Die Ärztekammer sieht die geforderte Medikamentenabgabe als zusätzliches Angebot, ergänzend zu Hausapotheken und nur für die fachärztliche Notversorgung im urbanen Bereich. Es ist jedoch keine verpflichtende Teilnahme für Ärzt:innen geplant. „Um dieses Konzept umzusetzen, braucht es jedoch das Dispensierrecht“, erklärt Steinhart.
„Die Studie zeigt eine grundsätzliche Offenheit vieler niedergelassener Ärztinnen und Ärzte gegenüber der Medikamentenabgabe in Ordinationen. Der erwartete Nutzen liegt vor allem bei einer einfacheren, schnelleren und patientennäheren Versorgung. Gleichzeitig machen die Ergebnisse deutlich, dass eine mögliche Umsetzung gut geregelt sein müsste, insbesondere mit Blick auf organisatorischen Aufwand, Lagerung und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“, erklärt Dr. Peter Hajek, Geschäftsführer von Public Opinion Strategies GmbH.
Versorgungslücke schließen mit einem Handgriff
Durch die elektronische Erfassung der Rezepte habe sich laut Steinhart zudem gezeigt, dass etwa jede zehnte verschriebene Medikation nicht eingelöst wird. Diese Versorgungslücke wolle man schließen. Gleichzeitig betont die Ärztekammer, dass man das Vorhaben nicht als Konkurrenz zu öffentlichen Apotheken oder Hausapotheken sehe.
Auf die Frage, ob Ärzt:innen überhaupt ausreichend Zeit hätten zusätzlich Medikamente direkt abzugeben, wurde seitens der Ärztekammer betont, dass es sich dabei um keinen großen Mehraufwand handle. „Ob ich nun ein Rezept ausdrucke oder die Einnahme direkt auf der Medikamentenpackung vermerke macht keinen Unterschied. Es ist beides nur ein Handgriff“, erklärt Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin und Kurienobfrau der niedergelassenen Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien. Eine Aufklärung zu den Nebenwirkungen müsse ohnehin stattfinden, ergänz sie.
Auf die Nachfrage, dass Ärztinnen und Ärzte bevorzugt Medikamente mit wirtschaftlichem Vorteil verschreiben könnten, entgegnete sie, dass aus ihrer Sicht eher Apotheken dem Vorwurf ausgesetzt seien könnten, bevorzugt lagernde Präparate oder Produkte mit höheren Margen abzugeben. Für Zusatzverkäufe bleibe in Ordinationen hingegen kaum Zeit.
Der wirtschaftliche Faktor sei laut Ärztekammer für viele Ärztinnen und Ärzte kein ausschlaggebendes Argument. Laut der Umfrage sehen lediglich 18 Prozent darin einen großen Vorteil, weitere 20 Prozent eher einen Vorteil. Dabei zeige sich, dass Allgemeinmediziner:innen ein größeres wirtschaftliches Interesse an der Medikamentenabgabe hätten als Fachärzt:innen.
Nur 10 bis 25 Packungen lagernd
42 Prozent der 1021 befragten Kassenärzt:innen und Wahlärzt:innen aus Wien würden künftig auch Randzeiten stärker abdecken. Rund ein Drittel wäre bereit, ihre Öffnungszeiten dafür auch auszuweiten. Für 12 Prozent der Wahlärzt:innen wäre die Medikamentenabgabe zudem ein Anreiz, wieder ins Kassensystem zu wechseln, bei unter 40-jährigen Wahlärzt:innen sogar für knapp 40 Prozent. Auch das Interesse an möglichen Pilotenprojekten ist der Ärztekammer zufolge groß. 43 Prozent der Ärzt:innen würden laut Befragungen daran teilnehmen, besonders häufig Kassenärzt:innen und jüngere Ärzt:innen.
Bei den lagernden Medikamenten wolle man sich auf eine fachgebiet-spezifische Notfallmedikation beschränken. Aus der Studie gehe zudem hervor, dass jeweils 33 Prozent der Ärzt:innen ohnehin maximal zehn beziehungsweise bis zu 25 unterschiedliche Medikamente ihres Fachgebiets direkt in der Ordination abgeben möchten.
Als größte Nachteile der Medikamentenabgabe in Ordinationen nannten 55 Prozent der Befragten den erhöhten bürokratischen Aufwand. Weitere 18 Prozent verwiesen auf den zusätzlichen Lagerplatzbedarf. 13 Prozent sahen hingegen gar keine Nachteile bei der Medikamentenabgabe in Ordinationen.
(Um)weg zur Apotheke
„Wenn Patientinnen und Patienten das Medikament direkt nach dem Arztgespräch mitnehmen können, sichert das einen sofortigen Therapiebeginn ohne Umwege“, erklärt Kamaleyan-Schmied. Darüber hinaus erspare die direkte Abgabe kranke Menschen, chronisch Kranken oder Eltern mit kleinen Kindern oft lange Wege bis zur nächsten diensthabenden Apotheke. „Nicht nur für alte, sondern auch für kranke Menschen ist jeder Schritt und zusätzlicher Weg eine große Belastung“, erklärt Kamaleyan-Schmied.
