Medikamentenabgabe durch Ärzt:innen: „Ein gefährlicher Irrweg“


Viktoria Anderle

Die Außenfassade des Apothekerhauses in der Spitalgasse.
Die Apothekerkammer sieht in der Medikamentenabgabe in Ordinationen einen gefährlichen Irrweg auf Kosten der Versorgungssicherheit.TARA24

Die Forderung der Wiener Ärztekammer nach einer Ausweitung der Medikamentenabgabe in Ordinationen stößt bei der Österreichischen Apothekerkammer (ÖAK) auf deutliche Kritik. Diese bezeichnet den Vorstoß als „medizinisch fragwürdig“ und „gesundheitspolitisch fahrlässig“ und warnt vor negativen Auswirkungen auf das bestehende Apothekennetz. Die Ursachen aktueller Versorgungsprobleme sieht die ÖAK hingegen in internationalen Lieferengpässen und Produktionsstandorten.

Die Forderung der Wiener Ärztekammer die Abgabe von Medikamenten in Ordinationen auszubauen kommentiert die ÖAK in einer Presseaussendung als „nicht nur medizinisch fragwürdig, sondern auch gesundheitspolitisch fahrlässig“. Die Kammer gibt zu bedenken, dass eine Ausweitung der Medikamentenabgabe laut ihrer Einschätzung keinen Beitrag zur Patientenversorgung leisten würde, sondern ein rein ökonomisches Interesse verfolge. Dies würde zu einer wirtschaftlichen Schwächung des flächendeckenden Apothekennetzes führen, das täglich Millionen Menschen versorge.

ÖAK sieht keine Versorgungslückenn

„Wer Apotheken die Grundlage entzieht, fördert nicht die Gesundheitsversorgung. Er zerstört sie – langsam, aber sicher. Und die, die das am härtesten trifft, sind nicht die Ärztinnen und Ärzte, sondern die Patientinnen und Patienten“, warnt Philipp Saiko, Präsident der Apothekerkammer Wien.

„Das Apothekennetz in Wien gehört zu den engmaschigsten in ganz Österreich. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines sehr guten und bewährten Systems. Es gibt daher auch kein Problem mit der Versorgung von Medikamenten. Ich warne eindringlich davor, derartige Fake-News immer wieder zu verbreiten. Letztere werden auch nicht richtiger, je öfter sie wiederholt werden. Die Behauptung, dass die Menschen durch die zusätzliche Verlagerung von Arzneimitteln in Ordinationen profitieren würden, ist schlichtweg falsch. Apothekerinnen und Apothekern gelingt es immer, die Bevölkerung mit den benötigten Medikamenten zu versorgen – sogar in chaotischen, unsicheren Pandemiezeiten. Voraussetzung dafür ist nur, dass sich die Präparate in Österreich befinden“, so Saiko weiter.

Teure Verschreibungen und lange Wartezeiten

Die Abgabe von Medikamenten in Arztpraxen sieht die ÖAK auch aus einem weiteren Grund kritisch: Ärztinnen und Ärzte würden laut Apothekerkammer häufig mehr oder teurere Arzneimittel verschreiben, wenn sie diese selbst abgeben. Dies könne Auswirkungen auf die individuelle Gesundheit der Patient:innen haben und gleichzeitig die Arzneimittelkosten erhöhen. Laut ÖAK gehe dies aus mehreren internationalen Studien hervor.

Susanne Ergott-Badawi, Vizepräsidentin der Wiener Apothekerkammer, nennt als weiteres Argument gegen die Medikamentenabgabe in Arztpraxen: „Viele Ärztinnen und Ärzte sind schon jetzt zeitlich überlastet. Die Wartezeiten auf Termine werden immer länger, die Behandlungsdauer der Patientinnen und Patienten dagegen immer kürzer. Statt aus Profitinteressen die zusätzliche Abgabe von Medikamenten in den Ordinationen zu forcieren, wäre die Standesvertretung gut beraten, über Maßnahmen zur Verbesserung der ärztlichen Beratungs- und Behandlungsdauer in den Ordinationen nachzudenken. Davon hätten dann die Patientinnen und Patienten auch tatsächlich etwas. Die fachgerechte Lagerung, die Arzneimittelberatung, das Erkennen von Wechselwirkungen, die Aufklärung über Dosierung und Anwendung – all das erfordert eine eigenständige, jahrelange pharmazeutische Fachausbildung und genügend Zeit. Beides haben die Mediziner nicht.“ 

Probleme an anderer Stelle

Die eigentlichen Herausforderungen im Arzneimittelbereich sieht die Apothekerkammer in fragilen internationalen Lieferketten, Abhängigkeiten von wenigen Produktionsstandorten und niedrigen Arzneimittelpreisen. Diese Probleme würden laut ÖAK nicht gelöst, indem Ordinationen Medikamente abgeben. Vielmehr brauche es politische Maßnahmen auf europäischer Ebene zur Sicherung und Diversifizierung der Lieferketten sowie eine langfristige Strategie zur Rückverlagerung von Teilen der Arzneimittelproduktion nach Europa.

Sollten bestimmte Arzneimittel aufgrund von Lieferengpässen knapp sein, könnten Betroffene mit der ApoApp gezielt nach Apotheken suchen, in denen die benötigten Medikamenten verfügbar sind. „Das ist digitale Versorgungssicherheit. Nicht ärztliches Lobbyieren ohne Mehrwert“, so das Präsidium der Wiener Apothekerkammer.



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