Wer kennt es nicht: Der Urlaub steht vor der Tür und plötzlich schmerzt der Kopf, die Nase läuft und der Hals kratzt. Während der Stressphase im Job fühlte man sich fit, doch kaum stehen Tage der Entspannung an, macht sich eine Erkältung bemerkbar. Für dieses Phänomen gibt es eine Bezeichnung: Leisure Sickness, übersetzt „Freizeitkrankheit“. Dass es sich um keine Seltenheit handelt, zeigt eine deutsche Studie: Fast jede:r Fünfte fühlt sich im Urlaub oder an freien Tagen häufig krank oder erschöpft.
Bei der Leisure Sickness handelt es um keine anerkannte medizinische Diagnose, sondern um ein vermutetes psychosomatisches Stressreaktionsmuster. Das bedeutet, dass körperliche Beschwerden, etwa eine Verkühlung, durch psychische Belastungen ausgelöst oder verstärkt werden können. Der psychische Auslöser ist in diesem Fall anhaltender Arbeitsstress kurz vor dem Urlaub. Deadlines stehen an, man möchte noch schnell die letzten E-Mails vor der Auszeit abschicken oder wichtige Aufgaben zu Ende bringen.
Sympathikus in Dauerleistung
Solange der Stress anhält, bleibt der Sympathikus verstärkt aktiviert. Dadurch schüttet der Körper vermehrt Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol aus. Diese Hormone halten den Organismus leistungsbereit und beeinflussen unter anderem Entzündungs- und Immunreaktionen. Cortisol besitzt dabei eine entzündungshemmende und immunsuppressive Wirkung.
Ob dieser Mechanismus tatsächlich erklärt, warum manche Menschen ausgerechnet zu Beginn ihrer Freizeit Beschwerden entwickeln, ist wissenschaftlich jedoch nicht abschließend geklärt. Vermutet wird, dass mit dem Abfall der Stresshormone auch deren Einfluss auf Immun- und Entzündungsprozesse nachlässt. Bereits vorhandene Beschwerden können dadurch deutlicher wahrgenommen werden. Gleichzeitig wird eine zuvor übergangene Erschöpfung spürbar.
Wenn der Stress plötzlich abfällt
Auch das vegetative Nervensystem muss vom Aktivitäts- in den Erholungsmodus wechseln. Während in Belastungssituationen der Sympathikus dominiert, gewinnt in Ruhephasen der für Regeneration zuständige Parasympathikus wieder an Einfluss. Dieser Wechsel wird mitunter als parasympathischer Rebound beschrieben. Es handelt sich dabei allerdings um ein Erklärungsmodell und nicht um einen eindeutig belegten Krankheitsmechanismus.
Besonders betroffen sind laut der Medizinerin und Professorin für Gesundheitsmanagement Dr. Stefanie André Menschen mit hohem Perfektionismus oder Kontrollbedürfnis. Sie führte zum Thema Leisure Sickness eine Studie an der IU Internationalen Hochschule durch. Auch die digitale Dauererreichbarkeit verhindert ihr zufolge die mentale Abgrenzung von der Arbeit: Das Gehirn bleibt im Arbeitsmodus und die Erholung wird blockiert.
Fast jede fünfte Person häufig betroffen
Wie verbreitet das Phänomen ist, untersuchte die IU Internationale Hochschule in einer repräsentativen Befragung. Dafür wurden 2004 erwerbstätige Menschen zwischen 16 und 65 Jahren in Deutschland befragt. Die Stichprobe war nach Alter und Geschlecht repräsentativ für den deutschen Arbeitsmarkt. Die Erhebung fand zwischen Jänner und Februar 2025 statt.
Insgesamt 71,9 Prozent der Befragten gaben an, an freien Tagen oder im Urlaub schon einmal das Gefühl gehabt zu haben, krank zu werden oder erschöpft zu sein. Häufig oder immer erlebten dies 19,3 Prozent. Das ist fast jede fünfte befragte Person. Dabei handelt es sich allerdings um Selbstauskünfte und nicht um ärztlich bestätigte Diagnosen.
Als belastend empfanden die Befragten vor allem:
- hohen Arbeitsdruck mit 33,7 Prozent,
- mangelnde Unterstützung durch Vorgesetzte sowie Kolleginnen und Kollegen mit 30 Prozent,
- eine unklare Aufgabenverteilung mit 23,4 Prozent,
- eine ungünstige Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben mit 21,9 Prozent,
- unklare Aufgabenstellungen mit 20,8 Prozent sowie
- lange Arbeitstage mit 17,3 Prozent.
Mehr als die Hälfte der Befragten gab außerdem an, dass ihre Erholung durch die Erreichbarkeit außerhalb der Arbeitszeit beeinträchtigt werde.
Warnsignal des Körpers
Typisch sei, dass Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Schlafprobleme oder Erschöpfung wiederholt zu Beginn des Wochenendes oder am ersten Urlaubstag auftreten, während sich die Betroffenen im Arbeitsalltag weitgehend fit fühlen, heißt es in der Studie. Halten die Beschwerden länger an oder treten sie regelmäßig auf, sollte nach möglichen tieferliegenden Ursachen gesucht werden.
„Leisure Sickness dauert in der Regel wenige Stunden bis maximal zwei Tage an“, erklärt André. Meist würden die Beschwerden nachlassen, sobald sich der Körper auf die Entspannung eingestellt habe. Dauern sie länger an, können auch Infektionen oder andere körperliche beziehungsweise psychische Erkrankungen dahinterstecken.
Tipps, um Leisure Sickness vorzubeugen
Nach Ansicht von André beginnt Erholung nicht erst mit dem Urlaub. Regelmäßige Pausen und klare Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sollen verhindern, dass sich die Belastung bis zum Beginn der freien Tage aufstaut.
Die Expertin empfiehlt:
- Auf Warnzeichen wie Überforderung, Reizbarkeit oder körperliche Verspannungen zu achten.
- Freie Tage bewusst vorzubereiten. Kleine Unternehmungen oder feste Erholungsrituale können die Vorfreude steigern und den Wechsel in den Erholungsmodus erleichtern.
- Zwischen dem letzten Arbeitstag und einer Reise nach Möglichkeit einige Puffertage einzuplanen. So soll vermieden werden, dass der Arbeitsstress unmittelbar in Reisestress übergeht.
Die selbst publizierte Befragungsstudie „Leisure Sickness: Erschöpft statt erholt“ erschien am Juni 2025 auf der Forschungsplattform der IU Internationalen Hochschule. Sie wurde nicht in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht.
