Kratom-Tee: Österreichs erster Herzstillstand bei gesundem 22-Jährigen


Redaktion

Symbolbild: Ein Mann liegt bewusstlos am Boden. Jemand berührt ihn und leitet die Erste Hilfe ein.
Ein Mitbewohner fand den jungen Mann bewusstlos und krampfend am Boden. Der Notarzt bestätigte einen Herzstillstand und konnte den Kreislauf zunächst durch Reanimationsmaßnahmen wiederherstellen.Pixel-Shot/AdobeStock_250002048

Kratom-Tee ist in einschlägigen Kräuterläden und sogar an Automaten frei erhältlich. Bei einem zuvor gesunden 22-Jährigen führte der Konsum nun zu einem akuten Herzstillstand, wie Innsbrucker Intensivmediziner berichten. Es handelt sich um den ersten dokumentierten Fall dieser Art in Österreich. Während Kratom in den USA bereits große Probleme verursacht, warnten zuletzt auch deutsche Behörden vor dem Konsum.

„Wir berichten über den ersten Fall eines Herzstillstands in Österreich im Zusammenhang mit einer isolierten Kratomvergiftung bei einem jungen Mann. Die toxikologische Blutanalyse bestätigte den Verdacht und zeigte deutlich erhöhte Mitragynin-Konzentrationen. Obwohl Kratom als risikoarme Substanz gilt, kann es schwere und potenziell tödliche Nebenwirkungen hervorrufen“, schrieben Jonas Dunz von der Innsbrucker Universitätsklinik für Anästhesie und Intensivmedizin und seine Co-Autoren in der „Wiener klinischen Wochenschrift“.

Kratom-Tee wird oft aus dem Pulver der Blätter des südostasiatischen Kratom-Baums zubereitet. Anfang Juli 2025 hieß es vom deutschen Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte unter anderem: „Das Bundesinstitut (…) warnt Patientinnen und Patienten vor der Anwendung von Kratom zu medizinischen Zwecken. (…) Die Sicherheit und die Wirksamkeit von Kratom sind bisher nicht ausreichend geprüft. Kratom wird im Internet als pflanzliches Mittel gegen Schmerzen, Entzündungen, Husten, Angst, Depressionen und weitere Krankheiten beworben.“ Die deutsche Verbraucherzentrale brachte es im Dezember vergangenen Jahres auf den folgenden Punkt: „Keine legale Nahrungsergänzung: Kratom-Pulver kann abhängig machen und gefährliche Nebenwirkungen haben.“

Zweimal Herzstillstand, jetzt Schrittmacher

Genau um Letzteres handelte es sich offenbar bei dem Fall, von dem jetzt die Innsbrucker Klinikärzte berichten. „Ein 22-jähriger Mann brach plötzlich in seiner Wohnung zusammen. Sein Mitbewohner fand ihn bewusstlos, krampfend und ohne Puls vor und leitete sofort die Basismaßnahmen der Reanimation ein.“ Der Notarzt bestätigte den Herzstillstand. Nach Reanimation samt vier Minuten Herzmassage und Adrenalininjektion sprangen Herz und Kreislauf wieder an. Dann trat jedoch noch einmal ein Herzstillstand ein. Durch intensivierte Wiederbelebungsmaßnahmen konnte die Herz-Kreislauf-Funktion zum Glück erneut hergestellt werden. Intubiert und mit maschineller Herzmassage kam der Patient in die Innsbrucker Universitätsklinik.

Zunächst konnte die Ursache des Zwischenfalls nicht geklärt werden. Intensive und aufwendige Untersuchungen brachten keine Hinweise auf eine schwerwiegende Grunderkrankung. Der 22-Jährige war an sich gesund. Die ersten toxikologischen Blutuntersuchungen wiesen nicht auf Alkohol, Beruhigungs- oder Schlafmittel bzw. Antidepressiva hin. Die Analyse des Urins zeigte auch keine Spuren von Amphetaminen, Kokain oder Opiaten, allerdings mit der Ausnahme von Fentanyl als Schmerzmedikament. Der Patient berichtete aber von dem Konsum von Kratom-Tee. „Gezielte Tests nach dem berichteten Konsum von Kratom-Tee zeigten erhöhte Mitragynin-Werte von 500 Mikrogramm pro Liter Blutplasma“, schrieben die Fachleute. Laut den Autoren des Berichts wurden in einer weltweiten Analyse von 156 Todesfällen im Zusammenhang mit Kratom mittlere Werte von 398 Mikrogramm pro Liter Blutplasma festgestellt. Mitragynin ist einer der wirksamen Hauptinhaltsstoffe von Kratom.

Deutliche Warnung vor zunehmender Beliebtheit

Nachdem der Patient schließlich immer wieder extrem langsamen Puls mit nur 25 bis 30 Herzschlägen pro Minute entwickelte, wurde ihm sogar ein Herzschrittmacher implantiert. Vorübergehend hatte er auch leichte neurologische Probleme entwickelt. Erst nach zwei Wochen konnte der Betroffene ohne weitere Folgeschäden aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Die Innsbrucker Experten sprechen deutliche Warnungen aus: „Kratom erfreut sich zunehmender Beliebtheit, insbesondere in den USA, wo schätzungsweise zwei Millionen Erwachsene jährlich Kratom konsumieren. Aktuelle Daten des US-amerikanischen ‘National Poison Data System’ untermauern diesen Trend: Die Zahl der Kratom-bedingten Vergiftungsfälle hat sich zwischen 2015 und 2025 verzwölffacht und erreichte 2025 mit 3434 Fällen einen Höchststand. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 233 Todesfälle gemeldet.“ In Europa sei Kratom aufgrund seiner einfachen Online-Verfügbarkeit und durch die Vermarktung als „natürliches Nahrungsergänzungsmittel“ ebenfalls immer häufiger zu finden. In niedrigen Dosierungen wirken die Inhaltsstoffe eher anregend, in höheren Dosierungen ähnlich wie Opiate in hoher Dosierung.

Die Innsbrucker Intensivmediziner betonen: „Eine Mitragyninvergiftung ist die wahrscheinlichste Ursache für den Herzstillstand dieses ansonsten gesunden jungen Mannes und unterstreicht das Potenzial für schwerwiegende Nebenwirkungen von Kratom. Die tatsächliche Häufigkeit solcher Ereignisse dürfte unterschätzt werden, da Mitragynin nicht routinemäßig in toxikologische Standarduntersuchungen einbezogen wird.“

APA



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