„Numb Girls“: Betablocker als Selbstvertrauensschub einer Generation?


Viktoria Anderle

Symblbild: Junge Frau sitzt bei Besprechung und schluckt eine Tablette. Sie schaut gestresst aus.
Vor öffentlichen Auftritten, Präsentationen oder Prüfungen greifen immer mehr junge Frauen im Vereinigten Königreich zu Betablockern. Doch der vermeintliche Selbstvertrauensschub kommt nicht ohne gesundheitliche Risiken.Dragana Gordic/AdobeStock_1961421718

Gelassen wirken trotz innerer Anspannung: Der „Numb Girl“-Trend steht für das Ideal von Abgestumpftheit. In diesem Zusammenhang wird über junge Frauen berichtet, die Betablocker gegen körperliche Angstsymptome und Stress einnehmen. In England stiegen die Propranolol-Verordnungen innerhalb eines Jahrzehnts um 37,6 Prozent; bei jungen Frauen sogar um fast 82 Prozent. Werden Betablocker zum Selbstvertrauensschub einer ganzen Generation?

Betablocker werden zur Behandlung von Hypertonie und etwa einer Angina pectoris eingesetzt. Sie führen zu einer Ökonomisierung des Herzens: Die Herzarbeit wird reduziert und damit auch der Sauerstoffbedarf des Herzmuskels. Ihre Wirkung beruht auf der kompetitiven Verdrängung der Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin an den Beta-Rezeptoren. Propranolol blockiert als nichtselektiver Betablocker sowohl Beta-1- als auch Beta-2-Rezeptoren.

Die Wirkstoffgruppe greift somit in die körperliche Stressreaktion ein: Rezeptpflichtige Arzneimittel wie Propranolol können das pochende Herz beruhigen und Zittern vermindern. In Sportarten, in denen Präzision und ruhige Hände gefragt sind, werden Betablocker daher auch zu Dopingzwecken missbraucht. Auf der Verbotsliste 2026 der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) stehen sie unter anderem für Schießen, Bogenschießen, Darts, Golf, Minigolf und Billard.

Weniger Lampenfieber, weniger Tremor

Auch bei Lampenfieber und Nervosität sind Betablocker längst angekommen. Bereits 1982 gab es Untersuchungen mit insgesamt 29 Musiker:innen. Propranolol verringerte ihre körperlichen Lampenfiebersymptome und ihre Leistung wurde durch erfahrene Musikkritiker besser bewertet.

Ähnliche Ansätze gibt es in der Medizin: In einer doppelblinden Studie aus dem Jahr 1997 sank der gemessene Handtremor bei 17 Augenärzten nach 10 mg Propranolol im Mittel um 22 Prozent gegenüber dem Ausgangswert. Eine randomisierte, doppelblinde Studie von Elman und seinem Team aus dem Jahr 1998 untersuchte fünf Assistenzärzte bei insgesamt 73 augenchirurgischen Eingriffen. Nach 40 mg Propranolol berichteten sie über weniger Angst und Tremor als unter Placebo. Ob dadurch die Operationsergebnisse besser wurden, blieb offen. In beiden kleinen Studien wurden keine Nebenwirkungen beobachtet. Ein allgemeiner Sicherheitsnachweis ist das allerdings nicht.

Jetzt auch im Alltag angekommen?

Mittlerweile scheinen Betablocker auch in der breiten Masse anzukommen: Diese Entwicklung greift Journalistin Harriet Hall in ihrem in der Cosmopolitan UK erschienenen Beitrag „Beta Blocker Nation“ auf. Ihre Frage: Wird ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel zum modischen Helfer in einem Alltag, in dem jede Minute optimiert werden muss?

Auch die Verordnungszahlen im UK zeigen einen deutlichen Anstieg: Laut den im Beitrag angeführten Daten von NHS England nahmen die Propranolol-Verordnungen innerhalb eines Jahrzehnts um 37,6 Prozent zu. Bei Frauen zwischen 18 und 23 Jahren stiegen sie zwischen 2015 und 2025 sogar um 81,7 Prozent. Welcher Anteil davon auf die Behandlung von Angstsymptomen entfällt, geht aus dem Bericht allerdings nicht hervor.

Sind Numb Girls „In“?

Ein Beispiel dafür ist ein vielfach verbreiteter Auftritt von Schauspielerin Rachel Sennott bei der Oscarverleihung 2025. Auf die Frage, was sie sich vor einem großen Event vor dem Spiegel sage, antwortete sie sinngemäß: „Nimm deinen Beta-Blocker, Girl. Schluck ihn runter und konzentrier dich.“ Darauf reagiert die Reporterin mit: „Numb is in“ (abgestumpft sein ist angesagt). Besagtes Interview ging viral. In einem späteren Video stellte Sennott klar, ihre Aussage sei anders gemeint gewesen. Der Betablocker helfe ihr gegen das Schwitzen und die Nervosität. Sie wünschte, er würde mehr bewirken.

Auch Katy Perry, Khloe Kardashian, Sharon Horgan und Robert Downey Jr. haben öffentlich über ihre Einnahme gesprochen. Dahinter steht das Versprechen, Nervosität zu kontrollieren und souverän aufzutreten. Hall verbindet das mit dem „Numb Girl“-Ideal: nach außen unbeeindruckt wirken, auch wenn es innerlich anders aussieht.

Nicht harmlos: Nebenwirkungen und Rebound

Zu möglichen Nebenwirkungen von Propranolol gehören Müdigkeit, Schwindel, kalte Hände und Füße sowie Schlafstörungen und Albträume. Auch die Herzfrequenz und der Blutdruck können stärker sinken als beabsichtigt. Propranolol blockiert als nichtselektiver Betablocker zudem Beta-2-Rezeptoren und kann Bronchospasmen auslösen.

Bei Asthma ist es kontraindiziert, auch bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) sind mögliche Atemwegsrisiken besonders zu berücksichtigen. Weitere Gegenanzeigen sind Bradykardie und Hypotonie. Bei Diabetes können Warnzeichen einer Hypoglykämie (Schwitzen, Zittern) verschleiert werden.

Nicht nur bei der Einnahme, sondern auch beim Absetzen gilt es aufzupassen: Nach längerer Behandlung kann abruptes Weglassen ein Rebound-Phänomen mit Herzrasen und Blutdruckanstieg auslösen. Bei koronarer Herzerkrankung können sich Angina-pectoris-Beschwerden verschlechtern, bis hin zum Herzinfarkt. Deshalb muss die Dosis ärztlich begleitet schrittweise ausgeschlichen werden.

Angesichts möglicher Wechselwirkungen und teils erheblicher Nebenwirkungen stellt sich nun die Frage: Sind Betablocker tatsächlich unkomplizierte Helfer, um trotz Nervosität souverän aufzutreten? Oder wird zwischen Leistungsdruck und Selbstoptimierung zu leichtfertig in Kauf genommen, dass der vermeintliche Selbstvertrauensschub gesundheitliche Risiken birgt?



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