Social Media beeinflusst zunehmend die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Expert:innen warnen vor problematischem Nutzungsverhalten, Schlafstörungen und sozialem Rückzug. Im Rahmen einer Pressekonferenz von „Gesund aus der Krise“ in Wien sprachen Fachleute daher über die psychischen Folgen sozialer Medien und warum aus ihrer Sicht strengere Regeln notwendig seien.
Psychische Folgen bereits deutlich sichtbar
Bei der Pressekonferenz des Mental-Health-Projekts „Gesund aus der Krise“ am 27. Mai in Wien standen die Auswirkungen von Social Media auf die Psyche junger Menschen im Mittelpunkt. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Psychologie und Psychotherapie warnten vor den Folgen exzessiver Smartphone- und Social-Media-Nutzung bei Kindern und Jugendlichen. Besonders häufig würden laut den Expert:innen Probleme mit Selbstwert, Körperbild, Schlaf und sozialer Unsicherheit beobachtet werden. Auch die starke Abhängigkeit von Likes, Followern und Online-Bestätigung spiele in den Praxen eine immer größere Rolle.
„Der Sog des Feeds ist bereits Realität“
Gesundheits- und Sozialministerin Korinna Schuhmann betonte zu Beginn der Pressekonferenz, dass Social Media zunehmend „eine Frage der Gesundheitskompetenz“ werde. „Der Handlungs- und Reflexionsbedarf wird immer deutlicher“, so die Ministerin. Social Media sei mittlerweile fixer Bestandteil des Alltags und beeinflusse ganze Generationen. Problematisch sei jedoch, dass die Plattformen nicht neutral seien. „Die verwendeten Algorithmen sollen die Nutzer:innen binden.“
Kinder seien dafür besonders empfänglich, wodurch sich die negativen Auswirkungen noch verstärken würden. „Die Besorgnis, der Sog des Feeds ist bereits Realität. Ein Like ersetzt kein Gespräch und ein Feed ersetzt keine Freundschaft“, erklärt Schuhmann. Die Verantwortung für problematische Nutzung liege dabei nicht nur bei Eltern und Kindern. „Auch die Plattformen und die Politik sind in die Verantwortung zu nehmen“, betont die Ministerin. Wissen über mögliche Risiken alleine schütze nicht automatisch vor den Auswirkungen.
„Wir dürfen die Jugendlichen nicht alleine lassen. Daher arbeiten wir gerade an der Altersgrenze und dem Social-Media-Verbot“, erklärt Schuhmann weiter. Das geplante Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige bezeichnete sie als wichtigen ersten Schritt zum Schutz von Kindern und Jugendlichen. Verbote alleine würden jedoch nicht ausreichen. Medienkompetenz und Fortbildungsangebote seien weiterhin zentrale Themen.
„Social Media ist pures Gift“
Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Gesamtleitung von „Gesund aus der Krise“ und Präsidentin des Berufsverbands Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP), fand deutliche Worte: „Social Media ist für die Psyche der Kinder pures Gift.“
Sie verwies auf eine aktuelle Umfrage unter 324 Behandlerinnen und Behandlern des Projekts. „Schon ein Drittel der 10- bis 13-Jährigen zeigen ein problematisches Verhalten bei ihrem Social-Media-Konsum“, erklärt Wimmer-Puchinger. Bis zu 82 Prozent der Behandlerinnen und Behandler würden beobachten, dass Kinder und Jugendliche häufig nicht mehr selbstständig aufhören können. „Dass die Kinder nicht mehr aufhören können, ist Absicht. Das ist das Infame.“
Laut der Umfrage registrieren 74 Prozent der Behandler:innen bei ihren Klient:innen problematischen Social-Media-Konsum, 28 Prozent davon sogar sehr häufig. 79 Prozent der Behandlerinnen und Behandler beobachten laut Wimmer-Puchinger außerdem, dass Hobbys und Freizeitaktivitäten zunehmend vom Smartphone verdrängt werden. Rund 75 Prozent würden einen starken Einfluss sozialer Medien auf das Körperbild von Kindern und Jugendlichen wahrnehmen. Zwei Drittel der Behandler:innen warnen zudem davor, dass der Selbstwert vieler Kinder und Jugendlicher mittlerweile stark an Likes, Follower und Views gekoppelt sei. Besonders weibliche Jugendliche würden häufig starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen entwickeln.
„Kinder werden permanent geschwächt und bewertet durch die sozialen Medien. Wir sehen durch die Zahlen dieser Umfrage ein Stimmungsbild. Die Probleme durch Social Media sind in der Praxis angekommen“, erklärt Wimmer-Puchinger.
Sprachverlust und soziale Unsicherheit
Mag. Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP), sprach in diesem Zusammenhang von den „un-sozialen Medien“. Der Algorithmus sei ein personalisiertes und gefährliches Suchtmittel. Auch sie verweist auf die hohe Zahl jener Behandler:innen, die beobachten, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr selbstständig mit Social Media aufhören können.
„Hobbys gehen verloren, die Sprache und Vereinsamung findet statt“, erklärt Haid. Besonders problematisch sei der zunehmende Sprachverlust. „Durch den Sprachverlust wird eine Therapie zudem auch erschwert. Kinder finden die Worte nicht mehr. Sie haben Angst in sozialen Situationen und ziehen sich weiter zurück.“ Laut der Umfrage beobachten 72 Prozent der Behandler:innen häufig oder sehr häufig soziale Unsicherheit oder Angst in direkten Begegnungssituationen. Rund 45 Prozent berichten zudem davon, dass Kinder und Jugendliche Schwierigkeiten haben, digitale Erfahrungen überhaupt noch in Worte zu fassen.
Handy als „Schweizer Taschenmesser für Süchte“
Mag. Dr. Oliver Scheibenbogen, klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe und wissenschaftliche Leitung des ORF/Dok1-Handyexperiments, berichtete über das Handyexperiment mit rund 45.000 Schülerinnen und Schülern. Besonders hob er hervor, dass sich 68 Prozent der Befragten für ein Social-Media-Verbot ausgesprochen hätten.
Er interpretiere diese hohe Zustimmung als „Hilferuf der Generation Z und Alpha an ältere Generationen“. Die digitale Disruption treffe diese Generationen besonders stark, da vergleichbare Technologien zuvor nicht in dieser Intensität vorhanden gewesen seien. Das Smartphone bezeichnete er als „Schweizer Taschenmesser für gleich mehrere Süchte“. „Mit dem Handy kann man Social Media verwenden, online shoppen und auch Glücksspiele spielen.“
Frühe Nutzung belastet die Psyche
Besonders problematisch sei laut Scheibenbogen eine sehr frühe Smartphone-Nutzung. Viele junge „Heavy User“ würden ADHS-ähnliche Symptome entwickeln. „Denn genau diese Kinder bekommen oftmals das Handy zur Ablenkung und sie werden dann noch unruhiger.“
Die wissenschaftliche Evidenz sei mittlerweile eindeutig. Nutzen Kinder bereits sehr früh intensiv Smartphones und soziale Medien (etwa deutlich vor dem 14. Lebensjahr), würden sich Jahre später häufiger depressive Symptome, soziale Unsicherheit bis hin zu Suizidgedanken zeigen.
„Reality first“
Gleichzeitig betonte Scheibenbogen aber auch, dass Smartphones nicht ausschließlich negative Auswirkungen hätten. „Positiv auf die Psyche wirkt sich das Nachrichtenschreiben aus, das zu realen Kontakten führt. Das Briefeschreiben hatte früher ja auch keinen negativen Effekt auf uns.“
Gefährlich sei jedoch die unkontrollierte Nutzung, insbesondere bei Kindern. Im Rahmen des Handyexperiments zeigte sich laut Scheibenbogen, dass viele Jugendliche während handyfreier Zeiten von besserem Schlaf, mehr Konzentration und einer ruhigeren Stimmung berichteten.
Auch sein abschließender Appell fiel deutlich aus: „Reality first.“ Kinder und Jugendliche müssten soziale Kompetenzen, Emotionsregulation und Selbstwert vor allem in der realen Welt lernen.
