Während der Schwangerschaft wirken die Haare oft voller als je zuvor. Umso größer ist der Schock, wenn etwa zwei bis vier Monate nach der Geburt plötzlich ganze Büschel in der Bürste landen. Meist steckt dahinter ein natürlicher Vorgang, doch nicht jeder Haarausfall nach einer Schwangerschaft ist harmlos.
Viele Frauen vermuten Stress, Stillen oder einen Nährstoffmangel als Ursache. Doch der Prozess beginnt bereits während der Schwangerschaft. Durch den stark erhöhten Östrogenspiegel verbleiben deutlich mehr Haare in der Wachstumsphase (Anagenphase). Normalerweise wechseln täglich einzelne Haarfollikel in die Ruhephase (Telogenphase), bevor die Haare ausfallen und durch neue ersetzt werden.
Während der Schwangerschaft wird dieser natürliche Wechsel gebremst. Deshalb wirkt das Haar dichter und kräftiger. Nach der Entbindung sinkt der Östrogenspiegel innerhalb weniger Tage stark ab. Zahlreiche Haarfollikel wechseln nun nahezu gleichzeitig in die Telogenphase. Da zwischen diesem Wechsel und dem eigentlichen Haarausfall etwa zwei bis drei Monate liegen, beginnt der Haarverlust meist erst 8 bis 16 Wochen nach der Geburt. Dermatologen sprechen von einem postpartalen Telogeneffluvium. Es handel sich dabei nicht um einen Verlust von Haarfollikeln, sondern um eine vorübergehende Störung des Haarzyklus.
Studien zeigen: Auch psychisch belastend
Eine 2024 im Journal of Obstetrics and Gynaecology Research veröffentlichte Studie von Forschende um Hirose mit 331 Frauen zeigte, dass 91,8 Prozent der Teilnehmerinnen nach der Geburt über verstärkten Haarausfall berichteten. 73 Prozent empfanden diesen als psychisch belastend. Auffällig war außerdem, dass Frauen mit längerer Stilldauer häufiger einen ausgeprägteren Haarverlust angaben. Die Autoren weisen jedoch ausdrücklich darauf hin, dass die Studie lediglich Zusammenhänge beschreibt und keine Ursache-Wirkungs-Beziehung belegen kann. Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Postpartaler Haarausfall ist zwar medizinisch meist harmlos, für viele Frauen aber emotional deutlich belastender als häufig angenommen.
Nicht jeder Haarausfall ist hormonell bedingt
Der hormonelle Umbruch erklärt den klassischen postpartalen Haarausfall, allerdings nicht jeden Fall. Darauf weist eine Arbeit von Galal und Forschenden aus dem Jahr 2024 hin. Es wurden Frauen mit anhaltendem Haarausfall nach der Schwangerschaft untersucht und es wurde festgestellt, dass das postpartale Telogeneffluvium teilweise bislang unerkannte Formen der androgenetischen Alopezie sichtbar machte. Die Schwangerschaft verursachte diese Form des erblich bedingten Haarausfalls nicht, sie kann jedoch erstmals deutlich werden lassen. Auch andere Ursachen wie Alopecia areata oder Traktionsalopezie dürfen deshalb nicht übersehen werden. Bleibt der Haarverlust länger als 12 Monate bestehen oder verschlechtert er sich weiter, sollte die Ursache dermatologisch abgeklärt werden.
Wann eine weitere Abklärung sinnvoll ist
In der Apotheke suchen viele Frauen zunächst nach Haarvitaminen oder speziellen Nahrungsergänzungsmitteln. Entscheidend ist jedoch zunächst die Ursache. Ein diffuser Haarverlust einige Monate nach der Geburt spricht meist für ein physiologisches Telogeneffluvium. Warnzeichen sind dagegen ein zunehmend breiter werdender Scheitel, klar begrenzte kahle Stellen, entzündliche Veränderungen der Kopfhaut oder ein Haarausfall, der auch ein Jahr nach der Geburt unverändert anhält. Dann sollte gezielt nach möglichen Auslösern gesucht werden. Dazu zählen insbesondere ein Eisenmangel nach stärkerem Blutverlust unter der Geburt, eine postpartale Thyreoiditis, aber auch Vitamin-B12-, Vitamin-D oder Zinkmangel. In der Praxis gehören deshalb Ferritin, Blutbild und Schilddrüsenwerte häufig zu den ersten Laboruntersuchungen.
Was helfen kann
Eine Behandlung, die den natürlichen Verlauf des postpartalen Telogeneffluviums nachweislich verkürzt, gibt es bislang nicht. Biotin oder spezielle Haarpräparate zeigen nach heutigem Kenntnisstand keinen Nutzen, wenn kein nachgewiesener Mangel besteht. Auch Minoxidil gehört nicht zur Standardtherapie des postpartalen Telogeneffluviums. Zwar wird der Wirkstoff erfolgreich bei androgenetischer Alopezie eingesetzt, belastbare Daten für den routinemäßigen Einsatz nach der Schwangerschaft fehlen jedoch. Während der Stillzeit sollte Minoxidil zudem nur nach ärztlicher Rücksprache angewendet werden.
