Soziale Beratungsangebote erreichen Menschen häufig erst spät oder werden von Betroffenen gar nicht gefunden. „Wir sind immer noch zu hochschwellig“, sagt Iva Müller-Uri. Von ihrer Projektarbeit „Apotheke-Sozial“ inspiriert, will sie nun mit der ElFe gGmbH Soziale Arbeit dorthin bringen, wo Menschen unabhängig von Alter, Herkunft oder sozialer Situation ohnehin Unterstützung suchen: in die Apotheke.
Mag. Iva Müller-Uri, MSc ist Juristin, diplomierte Integrationsmanagerin und Sozialarbeiterin. Seit mehr als zehn Jahren ist sie im Sozialbereich tätig. Durch ihren Ehemann, den Wiener Apotheker Mag. pharm. Thomas Müller-Uri, steht sie seit mehr als 20 Jahren auch in engem Austausch mit Apotheken.
„Beratungsstellen sind oft zu hochschwellig“
Die Idee für das Projekt entwickelt sich aus Müller-Uris Erfahrungen in der Sozialberatung. Besonders prägend ist für sie die Zeit der Coronapandemie. „Gerade während Corona habe ich in der Frauenberatung gesehen, dass viele alleinerziehende Mütter und Frauen als Erste gekündigt wurden“, erzählt sie. Diese Erkenntnisse werden zum Ausgangspunkt für eine fachliche Neuorientierung und ihr Studium der Sozialen Arbeit an der Universität für Weiterbildung Krems.
Müller-Uri sieht ein grundlegendes Problem darin, dass bestehende Beratungsangebote viele Betroffene nicht oder erst sehr spät erreichen. „Beratungsstellen werden oft nicht gefunden. Wir sind hier immer noch zu hochschwellig.“ Auch die starke Ausrichtung der Sozialen Arbeit auf einzelne Zielgruppen hält sie nicht mehr in allen Bereichen für zeitgemäß. „Bisher war Soziale Arbeit sehr stark nach Zielgruppen organisiert. So geht es meiner Meinung nach nicht mehr. Wir brauchen neue Ansätze.“
Befragung von sechs Apotheken
Die Grundlage ihres gemeinnützigen Unternehmens bildet die Praxisprojektarbeit „Apotheke-Sozial“, die Müller-Uri Ende 2025 im Zuge ihres Studiums an der Universität Krems verfasst hat. Dafür wurden neun Apothekenmitarbeiter:innen an sechs Standorten befragt. Vier Apotheken befanden sich in Wien und zwei in Niederösterreich.

Vernetzung zwischen sozialen Einrichtungen sei zwar wichtig, reiche allein jedoch nicht immer aus. „Wir brauchen einen Ort, an dem wir tatsächlich mit den Menschen in Kontakt kommen. Und was erkennt man beispielsweise sofort, wenn man neu in einem Land ist? Die Apotheke.“
Wie wichtig Apotheken sein können, habe sich etwa nach Beginn des Krieges in der Ukraine gezeigt. Apotheken-Teams unterstützten Geflüchtete nicht nur bei Fragen zu Arzneimitteln, sondern halfen bei Sprachbarrieren, vermittelten ärztliche Termine oder erklärten Abläufe im Gesundheitssystem.
„Die Gespräche für meine Projektarbeit zeigten, dass Apotheken bereits heute zahlreiche Aufgaben übernehmen, die über ihren pharmazeutischen Kernbereich hinausgehen“, so Müller-Uri. Mitarbeitende würden etwa beim Ausfüllen von Formularen, beim Umgang mit digitalen Anwendungen, bei der Vereinbarung von Arztterminen oder bei der Suche nach geeigneten Beratungsstellen helfen, erklärt sie weiter.
Von der Projektarbeit zur Firma
Um die Ergebnisse der Projektarbeit in die Praxis zu übertragen, hat Müller-Uri vor rund zwei Monaten die ElFe gGmbH gegründet. Der Name erinnert an die Sozialarbeiterin Else Federn, die ein Vorbild für sie ist.
„Jetzt ist der Moment, um durchzustarten“, sagt Müller-Uri. Büroräumlichkeiten habe sie schneller gefunden als erwartet. Nun gehe es darum, weiteres Personal aufzubauen und die Finanzierung zu sichern. Ab Oktober soll die erste Umsetzungsphase gemeinsam mit den sechs Apothekenstandorten beginnen, die bereits an der Untersuchung mitgewirkt haben. Zunächst sollen in einem kleinen Rahmen Erfahrungen gesammelt werden. Diese können anschließend als Grundlage für eine mögliche Projektausweitung ab dem Frühjahr 2027 dienen.
Interessierte Apotheken könnten per E-Mail oder telefonisch Kontakt aufnehmen. Anschließend werde gemeinsam erhoben, welche sozialen Anliegen am jeweiligen Standort auftreten und welche Form der Zusammenarbeit sinnvoll wäre.
Kooperation je nach Standort
Aus der Projektarbeit leitet Müller-Uri mehrere mögliche Kooperationsmodelle ab: Eine schnell durchsetzbare Variante wären Informationsmaterialien zu sozialen Angeboten im Verkaufsraum. Denkbar sind zudem regionale Übersichten über Beratungsstellen, gemeinsame Informationsveranstaltungen und regelmäßige Vernetzungstreffen.
Auch sogenannte soziale Pop-ups könnten in Apotheken stattfinden. Dabei bieten Sozialarbeiter vor Ort kurze Beratungen an und vermitteln Menschen bei weitergehendem Unterstützungsbedarf an passende Stellen. Welche Form sinnvoll ist, soll sich nach dem jeweiligen Standort und den Bedürfnissen der Kund:innen richten.
Vielseitige Anliegen
Welche Anliegen besonders häufig auftreten, würden stark vom Standort abhängen. Denn in die Apotheke kommen ältere Menschen, Familien, Jugendliche, chronisch Erkrankte, Menschen mit Suchterkrankungen oder Migrationshintergrund, sozioökonomisch benachteiligte und bildungsferne Personen ebenso wie Angehörige der Wohlstandsgesellschaft. Gleichzeitig kennen die Apothekenteams auch die Lebensrealitäten vieler Stammkund:innen und werden regelmäßig mit Anliegen konfrontiert, die über Arzneimittelfragen hinausgehen.
„Während in Teilen des neunten Wiener Gemeindebezirks Themen wie Alter und Einsamkeit eine größere Rolle spielen, stehen in anderen Regionen, etwa im zehnten Bezirk, Migration und die Integration in den Arbeitsmarkt stärker im Vordergrund“, so das Fazit. Diese Unterstützung erfolgt bisher häufig spontan und zusätzlich zum Apothekenalltag. Gleichzeitig verfügen viele Mitarbeitende nur über einen begrenzten Überblick über vorhandene Angebote der Sozialen Arbeit. Gewünscht werden laut ihrer Erhebung daher vor allem konkrete Ansprechpersonen, aktuelle Übersichten und verständliche Informationsmaterialien, damit Betroffene gezielt weitervermittelt werden können.
Langfristiges Ziel: Gesicherte Finanzierung
Derzeit entstehen für Apotheken durch die Teilnahme am Projekt keine Kosten. Finanziert wird die ElFe gGmbH aktuell durch die Vindobona-Apotheke, die auch Mitgesellschafterin ist, sowie durch Spenden und Eigenmittel.
Langfristig strebt Müller-Uri eine breiter aufgestellte Finanzierung unter anderem durch Förderungen der öffentlichen Hand an. Schließlich soll das Angebot nicht nur einzelne Apotheken unterstützen, sondern soziale und gesundheitliche Teilhabe fördern und bestehende Versorgungslücken früher erkennen. Müller-Uri blickt zuversichtlich auf die bevorstehende Umsetzung: „Es ist eine sehr aufregende Zeit.“
