Benzodiazepine werden bei Schlafstörungen, Angst- und Spannungszuständen, epileptischen Anfällen sowie zur Sedierung vor medizinischen Eingriffen eingesetzt. Welcher Wirkstoff sich für welches Anwendungsgebiet eignet, hängt unter anderem davon ab, wie rasch die Wirkung einsetzt und wie lange sie anhält. Dabei gilt: Eine kurze Halbwertszeit bedeutet nicht automatisch eine schnelle Anflutung.
Die Anflutungszeit beschreibt, wie rasch nach der Einnahme eine spürbare Wirkung eintritt. Schnell anflutende Benzodiazepine eignen sich beispielsweise zur Akutbehandlung von Panikattacken, epileptischen Anfällen oder als Einschlafhilfe. Gleichzeitig kann die rasch einsetzende Wirkung das Abhängigkeitspotenzial erhöhen.
Anflutungszeit und Wirkdauer entscheiden mit
Die Halbwertszeit gibt hingegen an, nach welcher Zeit die Konzentration des Wirkstoffs im Körper auf die Hälfte gesunken ist. Sie dient als Anhaltspunkt für die Wirkdauer, ist mit dieser aber nicht gleichzusetzen. Aktive Metaboliten können die Wirkung zusätzlich verlängern. Auch Dosis, Alter sowie Leber- und Nierenfunktion spielen eine Rolle.
Bei älteren Menschen erfolgt die Elimination häufig langsamer. Dadurch steigt das Risiko für Benommenheit, Verwirrtheit, Stürze und eine eingeschränkte Fahrtüchtigkeit, warnt die Europäische Drogenagentur (EUDA). Die Grenzwerte unterscheiden sich je nach Quelle. Da die Wirkdauer und Halbwertzeiten unterschieden sich je nach Quellenangaben. Die Einteilung dieses Artikels orientiert sich an jener der medizinischen Wissensplattform Amboss.
Kurz wirksam
Zu dieser Gruppe zählen Wirkstoffe mit einer Halbwertszeit von weniger als fünf Stunden. Sie fluten meist rasch an und werden vor allem eingesetzt, wenn die Wirkung schnell eintreten, aber nicht bis weit in den nächsten Tag anhalten soll.
- Midazolam (Dormicum): Halbwertszeit etwa ein bis drei Stunden. Midazolam wirkt rasch und wird vor allem zur Sedierung, zur Narkoseeinleitung und zur Akutbehandlung epileptischer Anfälle eingesetzt. Aufgrund der kurzen Halbwertszeit ist die Wirkdauer vergleichsweise gut steuerbar.
- Triazolam (Halcion): Halbwertszeit etwa zwei bis drei Stunden. Der Wirkstoff wurde als Schlafmittel bei Einschlafstörungen eingesetzt. Die kurze Halbwertszeit verringert zwar die Gefahr einer morgendlichen Restwirkung, kann aber Rebound-Schlafstörungen und Entzugssymptome zwischen den Einnahmen begünstigen.
Kurz wirksame Wirkstoffe werden rasch eliminiert. Das kann bei Schlafmitteln von Vorteil sein, geht jedoch mit einem höheren Abhängigkeitspotenzial einher.
Mittellang wirksam
Mittellang wirksame Benzodiazepine besitzen etwa eine Halbwertszeit von fünf bis 24 Stunden. Sie werden sowohl bei Schlafstörungen als auch bei schweren Angst- und Spannungszuständen eingesetzt. Je nach Einnahmezeitpunkt und individueller Elimination kann die Wirkung bis in den folgenden Tag reichen.
- Oxazepam (Praxiten, Anxiolyt): Halbwertszeit etwa fünf bis 15 Stunden. Oxazepam flutet im Vergleich zu Diazepam langsamer an und wird vor allem bei schweren Angst-, Spannungs- und Erregungszuständen eingesetzt. Der Wirkstoff wird direkt glucuronidiert und bildet keine pharmakologisch aktiven Metaboliten.
- Lorazepam (Temesta): Halbwertszeit etwa zehn bis 18 Stunden. Lorazepam wirkt anxiolytisch, sedierend und antikonvulsiv. Es wird unter anderem bei schweren Angstzuständen, zur Sedierung und in bestimmten Situationen zur Behandlung epileptischer Anfälle eingesetzt.
- Alprazolam (Xanor): Halbwertszeit etwa zwölf bis 15 Stunden. Aufgrund der vergleichsweise raschen Anflutung wird Alprazolam vor allem bei schweren Angst- und Panikstörungen eingesetzt. Der schnelle Wirkungseintritt trägt jedoch auch zum hohen Abhängigkeitspotenzial bei.
- Tetrazepam: Halbwertszeit etwa 20 Stunden. Der Wirkstoff wurde aufgrund seiner ausgeprägten muskelrelaxierenden Wirkung bei schmerzhaften Muskelverspannungen eingesetzt. Tetrazepamhaltige Arzneimittel wurden wegen des Risikos schwerer Hautreaktionen vom europäischen Markt genommen und sind in Österreich nicht erhältlich.
Lang wirksam
Lang wirksame Benzodiazepine weisen eine Halbwertszeit von mehr als 24 Stunden auf oder bilden aktive Metaboliten, die deutlich länger im Körper verbleiben. Sie werden unter anderem bei schweren Angstzuständen, Epilepsie und im Rahmen eines Alkoholentzugs eingesetzt. Für Schlafstörungen sind sie aufgrund möglicher Restwirkungen am nächsten Tag nur eingeschränkt geeignet.
- Flunitrazepam (Rohypnol): Halbwertszeit etwa zehn bis 25 Stunden. Der stark hypnotisch wirkende Arzneistoff wurde zur kurzzeitigen Behandlung schwerer Schlafstörungen eingesetzt. Aufgrund der langen Wirkung besteht ein erhöhtes Risiko für Müdigkeit und Beeinträchtigungen am folgenden Morgen.
- Bromazepam (Lexotanil): Halbwertszeit etwa 15 bis 28 Stunden. Bromazepam wird vor allem bei schweren Angst-, Spannungs- und Erregungszuständen eingesetzt. Aufgrund der langen Wirkdauer kann es bei wiederholter Einnahme zu einer Anreicherung kommen.
- Diazepam (Gewacalm): Halbwertszeit etwa 20 bis 40 Stunden. Seine aktiven Metaboliten können noch wesentlich länger im Körper verbleiben. Diazepam flutet rasch an und wird unter anderem bei akuten Angstzuständen, Muskelspasmen, epileptischen Anfällen und beim Alkoholentzug eingesetzt. Die lange Eliminationsdauer ermöglicht einen relativ gleichmäßigen Wirkspiegel, erhöht aber das Risiko für Kumulation und Tagesmüdigkeit.
- Clonazepam (Rivotril): Halbwertszeit etwa 30 bis 40 Stunden. Aufgrund seiner ausgeprägten antikonvulsiven Wirkung wird Clonazepam in erster Linie bei Epilepsien eingesetzt. Die lange Halbwertszeit ermöglicht eine anhaltende Wirkung, kann bei wiederholter Einnahme jedoch ebenfalls zur Kumulation führen.
Schnell heißt nicht automatisch kurz
Diazepam zeigt besonders deutlich, weshalb Anflutungszeit und Halbwertszeit getrennt betrachtet werden müssen: Der Wirkstoff gelangt aufgrund seiner hohen Lipophilie rasch in das Gehirn und wirkt daher schnell. Gleichzeitig wird er nur langsam ausgeschieden und besitzt lang wirksame Metaboliten. Einer dieser Metaboliten, das N-Desmethyldiazepam, besitzt sogar eine Halbwertszeit von etwa 80 Stunden. Oxazepam hat hingegen eine kürzere Halbwertszeit, flutet aber langsamer an.
Für die Behandlung von Einschlafstörungen werden eher rasch anflutende, kurz bis mittellang wirksame Substanzen gewählt. Bei Durchschlafstörungen ist eine etwas längere Wirkung erwünscht. Für schwere Angstzustände kann eine längere Wirkdauer sinnvoll sein, da sie stärkere Schwankungen der Wirkung zwischen den Einnahmen verhindert. In der Akutbehandlung von Krampfanfällen oder starken Unruhezuständen steht dagegen der schnelle Wirkungseintritt im Vordergrund.
Strenge Indikation und möglichst kurzfristig
Benzodiazepine verstärken die Wirkung des inhibitorischen Neurotransmitters Gamma-Aminobuttersäure am GABA-A-Rezeptor. Dadurch wirken sie je nach Wirkstoff und Dosis angstlösend, beruhigend, schlaffördernd, muskelrelaxierend, antikonvulsiv und amnestisch. Zu den wichtigsten Risiken zählen Benommenheit, Gedächtnisstörungen, Atemdepression, Stürze sowie Toleranz- und Abhängigkeitsentwicklung. Besonders gefährlich ist die Kombination mit Alkohol, Opioiden oder anderen zentral dämpfenden Substanzen, da sich deren Wirkungen verstärken und lebensbedrohliche Atemdepressionen auftreten können.
Benzodiazepine sollten daher nur bei strenger Indikationsstellung, möglichst kurzzeitig und nach einem festen Einnahmeschema angewendet werden. Nach längerer Einnahme dürfen sie nicht abrupt abgesetzt, sondern müssen ärztlich begleitet ausgeschlichen werden.
