Hat man ein neues Piercing, führt der Weg nicht selten in die Apotheke. Bei der Beratung stellt sich insbesondere bei Piercings im oberen Ohrknorpel, ein sogenanntes Helix-Piercing, die Frage nach dem geeigneten Desinfektionsmittel. Von Octenidin raten Piercer:innen häufig ab, da der Wirkstoff den Knorpel schädigen soll. Doch ist diese Warnung berechtigt und wenn ja, welche Alternativen kommen infrage?
Octenidindihydrochlorid (Octenisept) ist ein kationischer antiseptischer Wirkstoff. Der Wirkstoff bindet an negativ geladene Bestandteile mikrobieller Zellmembranen und stört deren Struktur. Die Membran wird durchlässig, Zellbestandteile treten aus und die Mikroorganismen sterben ab. Das breite Wirkungsspektrum umfasst grampositive und gramnegative Bakterien sowie bestimmte Pilze und behüllte Viren. Zudem verfügt Octenidin über eine lange anhaltende Wirkung.
Octenidinbasierte Wundantiseptika gelten bei akuten, infizierten Wunden grundsätzlich als ein Mittel der Wahl. Octenidin wird über Haut, Schleimhäute und Wunden praktisch nicht systemisch aufgenommen und entfaltet seine antiseptische Wirkung innerhalb von 30 Sekunden.
Octenidin nicht auf hyalinem Knorpel
Für die Anwendung am Knorpel gelten jedoch Einschränkungen. Laut der Fachrichtlinie „Wund- und Schleimhautantiseptik“ des Instituts für Krankenhaushygiene und Mikrobiologie der Steiermärkischen Krankenanstalten darf Octenidin nicht auf hyalinem Knorpel angewendet werden. Zudem soll der Wirkstoff nicht mit vitalem Knorpelgewebe in Kontakt kommen: Denn die membranschädigende Wirkung ist nicht vollständig auf Mikroorganismen beschränkt. In ausreichend hoher Konzentration kann Octenidin auch menschliche Zellen schädigen. In einer experimentellen Untersuchung verringerte eine 30-sekündige Exposition mit 0,1 Prozent Octenidindihydrochlorid die Lebensfähigkeit menschlicher Chondrozyten in Gelenkknorpelexplantaten deutlich. Untersucht wurde jedoch hyaliner Gelenkknorpel und nicht der elastische Knorpel der Ohrmuschel. Die Ergebnisse lassen sich daher nicht unmittelbar auf Knorpelpiercings übertragen, zeigen aber ein grundsätzliches zellschädigendes Potenzial.
Was sagt der Hersteller?
Der Hersteller von Octenisept, Schülke, rät in der Produktinformation vom direkten Einsatz auf vitalem Knorpel ab: „Produkte mit kationaktiven Wirkstoffen wie zum Beispiel Octenidin sollten am intakten, vitalen Knorpelgewebe nicht eingesetzt werden.“ Wunden mit Kontakt zum Knochen seien davon nicht betroffen. Gleichzeitig darf laut Hersteller das äußere Ohr einschließlich der inneren Ohrmuschel mit Octenisept desinfiziert werden. Voraussetzung ist, dass das Trommelfell intakt ist und keine Lösung ins Mittelohr gelangt.
Entscheidend ist somit, welches Gewebe mit dem Präparat in Kontakt kommt: Die oberflächliche Anwendung an der Ohrmuschel ist nicht mit dem direkten Kontakt zu freiliegendem vitalem Knorpel gleichzusetzen. Bei einem frischen Piercing verläuft der Stichkanal jedoch durch oder unmittelbar am Knorpel. Ein Kontakt lässt sich daher nicht sicher ausschließen.
Octenisept darf außerdem nicht unter Druck in tiefe Wunden oder Stichkanäle ohne ausreichenden Abfluss eingebracht werden. Verbleibt der Wirkstoff im Gewebe, kann es zu aseptischen Nekrosen kommen. Auch die Fachrichtlinie warnt deshalb vor dem Einbringen Octenidin-basierter Präparate in umschlossene Hohlräume.
Ist Polyhexanid besser geeignet?
Piercer:innen empfehlen häufig Präparate mit Polyhexanid (Prontolind in Deutschland), auch Polyhexamethylenbiguanid (PHMB) genannt. Auch Polyhexanid ist ein kationischer und membranaktiver Wirkstoff. Laut der steirischen Fachrichtlinie wirkt es langsamer als Octenidin, weist aber eine gute Gewebeverträglichkeit auf. Dennoch soll auch Polyhexanid nicht mit einer Spritze in tiefe Stichkanäle oder Hohlräume ohne Abfluss eingebracht werden.
Experimentelle Untersuchungen weisen zudem auch auf eine mögliche Schädigung von Chondrozyten durch Polyhexanid hin. Diese Studien wurden ebenfalls an hyalinem Gelenkknorpel beziehungsweise daran gewonnenen Zellen durchgeführt. Direkte Untersuchungen an menschlichem elastischem Ohrknorpel oder an Knorpelpiercings fehlen.
Auf diesen Unterschied verweist der Hersteller von Prontolind. Laut dessen Website betreffen die häufig zitierten Ergebnisse hyalinen Knorpel, wie er vor allem in Gelenken vorkommt. Der Ohrknorpel würde hingegen aus elastischem Knorpel bestehen. So heißt es weiter: „Insgesamt zeigt sich, dass die Knorpeltoxizität von Prontolind hauptsächlich in der Chirurgie und bei längerer Exposition relevant ist. In der Piercingpflege, in der die Kontaktzeit minimal ist, gibt es keine Hinweise auf schädliche Auswirkungen auf Knorpelpiercings. Prontolind bleibt somit eine sichere und bewährte Option zur Pflege von Piercings. Dennoch sollten alle Anwender bei Fragen oder Unsicherheiten stets professionellen Rat einholen und im Zweifelsfall das Gespräch mit einem Piercer suchen, um die bestmögliche Pflege zu gewährleisten.“
PVP-Iod gilt als knorpelverträglich
Laut der Fachrichtlinie ist Polyvinylpyrrolidon-Iod (PVP-Iod) weiterhin das Mittel der Wahl für Gelenkspülungen. In vitro zeigte sich PVP-Iod in einer Konzentration von 0,5 Prozent im Gegensatz zu Octenidin als knorpelverträglich. Daraus lässt sich allerdings keine allgemeine Empfehlung für die längerfristige Pflege eines frischen Knorpelpiercings ableiten.
Beim Einsatz von PVP-Iod müssen Kontraindikationen beachtet werden. Dazu zählen insbesondere eine Iodallergie, eine Schilddrüsenüberfunktion und bestimmte Schilddrüsenerkrankungen wie die Hashimoto-Thyreoiditis. Auch rund um eine Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern unter 12 bestehen Einschränkungen. Die Aufnahme von Iod hängt unter anderem von der behandelten Fläche, der Menge und der Anwendungsdauer ab. Selbst Schilddrüsengesunde sollten PVP-Iod laut der Fachrichtlinie nicht länger als sieben Tage anwenden.
Infektionen abklären lassen
Für ein unauffällig heilendes Piercing ist nicht zwingend eine dauerhafte antiseptische Behandlung erforderlich. Eine sterile, konservierungsmittelfreie Kochsalzlösung mit 0,9 Prozent Natriumchlorid stellt die zurückhaltendere Pflegeoption dar. Treten zunehmende Schmerzen, Rötung, Schwellung, Eiter oder Fieber auf, ist eine ärztliche Abklärung zwingend notwendig. Denn Infektionen des Ohrknorpels können zu einer Perichondritis (Entzündung der Knorpelhaut) und bleibenden Verformungen führen.
