Der pH-Wert der Babyhaut


Sanja Agatic

Symbolbild: Ein Baby wird eingecremt.
Die Haut von Neugeborenen entwickelt ihren schützenden Säureschutzmantel erst in den ersten Tagen nach der Geburt. Foto:stock.adobe.com/Valeriia

Ein Neugeborenes kommt nicht mit derselben Haut zur Welt wie ein Erwachsener. Tatsächlich ist die Haut unmittelbar nach der Geburt nahezu neutral und arbeitet in den ersten Lebenstagen aktiv daran, saurer zu werden. Warum dieser Prozess für den Schutz vor Reizstoffen, Neurodermitis und möglicherweise sogar Allergien entscheidend sein könnte, beschäftigt Forschende seit Jahren.

Die Haut gilt als größte Schutzbarriere des Körpers. Sie hält Krankheitserreger fern, verhindert übermäßigen Wasserverlust und schützt vor äußeren Reizen. Dich bei Neugeborenen muss sich dieses Schutzsystem erst entwickeln. Während die Haut von Erwachsenen üblicherweise einen pH-Wert zwischen 4,5 und 5,5 aufweist, liegt der Wert bei Neugeborenen direkt nach der Geburt deutlich höher.

Die Hautoberfläche ist damit wesentlich basischer als später im Leben. Wie rasch sich das verändert, zeigte eine Untersuchung von Jerod Rone und Kollegen an 102 Neugeborenen. Zwei Stunden nach der Geburt lag der durchschnittliche Haut-pH-Wert noch etwa 7,0. Nach 16 Stunden war er bereits auf rund 6,6 gesunken. Nach einer Woche erreichte die Haut Werte um 5,4 und näherte sich damit dem Bereich gesunder Erwachsenenhaut an. Für Forscher ist das ein Hinweis darauf, dass der Aufbau des Säureschutzmantels unmittelbar nach der Geburt beginnt.

Warum die Haut sauer wird

Der Begriff Säureschutzmantel klingt zunächst nach Kosmetikwerbung. Tatsächlich steckt dahinter jedoch ein biologischer Mechanismus mit entscheidender Bedeutung für die Hautgesundheit. Ein leicht saures Hautmilieu unterstützt die Bildung wichtiger Hautlipide, reguliert den Wasserhaushalt der Haut und beeinflusst die Zusammensetzung des Hautmikrobioms. Gleichzeitig erschwert es zahlreichen Keimen die Vermehrung.

Wissenschaftliche Arbeiten zeigen zudem, dass bestimmte Enzyme der Haut nur in einem sauren Umfeld optimal arbeiten. Steigt der pH-Wert zu stark an, können hingegen Enzyme aktiviert werden, die Bestandteile der Hautbarriere abbauen. Die Haut verliert dadurch leichter Feuchtigkeit und wird anfälliger für Reizungen. Die Haut wird also nicht zufällig sauer. Sie benötigt dieses Milieu, um ihre Schutzfunktion vollständig zu entwickeln zu können.

Eine unreife Hautbarriere verliert schneller Feuchtigkeit

In den ersten Lebensmonaten unterscheide sich Babyhaut in mehreren Punkten von der Haut Erwachsener. Die äußerste Hautschicht ist dünner, die Barriere Funktion noch nicht vollständig ausgereift und der transepidermale Wasserverlust höher. Vereinfacht gesagt: Feuchtigkeit kann leichter aus der Haut entweichen, während Reizstoffe und potenzielle Allergene leichter eindringen können. Hinzu kommt, dass Säuglingshaut weniger Reserven besitzt, um Belastungen auszugleichen. Schon kleine Störungen der Hautbarriere können sich deshalb stärker bemerkbar machen als bei Erwachsenen.

Lange Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass Allergien hauptsächlich über den Verdauungstrakt entstehen. Heute wird zunehmend eine andere Theorie diskutiert; die sogenannten „Outside-In-Hypothese. Sie beschreibt die Haut als mögliche Eintrittspforte für Allergene. Gelangen diese durch eine geschädigte Hautbarriere in den Körper, können sie dort mit Immunzellen in Kontakt kommen und eine Sensibilisierung auslösen. Die Haut wäre damit nicht nur von Neurodermitis betroffen, sondern könnte bereits an ihrer Entstehung beteiligt sein.

Was Studien zur Hautpflege zeigen

Wie wichtig eine intakte Hautbarriere sein könnte, zeigte eine vielbeachtete Studie des Dermatologen Jonathan Horimukai. Neugeborene mit erhöhtem Neurodermitis-Risiko erhielten ab den ersten Lebenswochen täglich eine Feuchtigkeitspflege. Nach 32 Wochen entwickelten die gepflegten Kinder signifikant seltener ein atopisches Ekzem als die Kontrollgruppe. Die Studie beweist zwar nicht, dass Hautpflege Allergien verhindern kann. Sie unterstreicht jedoch die Bedeutung einer stabilen Hautbarriere in den ersten Lebensmonaten.

Basische Hautpflege

Immer wieder werden, vor allem in den sozialen Medien, basische Hautpflege-Produkte für Babys beworben. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Säureschutzmantel sprechen jedoch dagegen. Expert:innen zufolge konnte sogar ein Aufflammen oder eine Verschlechterung bestimmter Hauterkrankungen durch stark basische Pflegeprodukte beobachtet werden. Denn die Haut eines Neugeborenen investiert unmittelbar nach der Geburt Energie, um von einem nahezu neutralen pH-Wert in einen sauren Bereich zu gelangen. Genau dieser saure Zustand gilt als Voraussetzung für eine funktionierende Hautbarriere. Dermatologische Fachpublikationen betonen daher vor allem die Bedeutung milder „hautneutraler“ Pflegeprodukte, die den natürlichen Reifungsprozess der Haut möglichst wenig beeinträchtigen.

Die Forschung der vergangenen Jahre hat das Verständnis von Babyhaut grundlegend verändert. Der Säureschutzmantel gilt heute nicht mehr als bloßes Detail der Hautphysiologie, sondern als wichtiger Bestandteil der natürlichen Hautabwehr.



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