Aufgießen, kurz ziehen lassen, fertig? Beim Infus läuft die Extraktion anders ab. Nach fünf Minuten im Wasserbad ist noch nicht Schluss. Denn erst eine 30-minütige Standzeit komplettiert die Herstellung. Bei alkaloidhaltigen Arzneidrogen gibt es weitere Besonderheiten zu beachten.
Der Aufguss (Infus), wird häufig mit einer gewöhnlichen Teezubereitung gleichgesetzt. Dahinter steckt jedoch ein genau abgestimmter Ablauf: Die zerkleinerte Droge wird zunächst mit Gereinigtem Wasser gründlich durchfeuchtet und fünf Minuten stehen gelassen. Anschließend wird sie mit siedendem Gereinigtem Wasser übergossen und im bedeckten Gefäß fünf Minuten unter wiederholtem Umrühren im Wasserbad erhitzt. Danach ist die Herstellung noch nicht beendet. Der Ansatz bleibt weitere 30 Minuten stehen, erst dann wird durch Mull abgeseiht und leicht abgepresst. Der Wasserverlust wird ausgeglichen, damit die korrekte Konzentration des fertigen Auszugs erhalten bleibt.
Nicht jede Droge kommt gleich groß in die Reibschale
Wer viel Oberfläche eine Arzneidroge dem Wasser bietet, hängt von ihrem Zerkleinerungsgrad ab. Deshalb werden die Pflanzenbestandteile nicht beliebig fein verarbeitet. Als Richtwert gilt: Blätter, Blüten und Kräuter entsprechen Sieb I, Hölzer, Rinden und Wurzeln sowie Isländische Flechte und Irländische Alge Sieb II. Früchte und Samen werden zerstoßen. Für alkaloidhaltige Drogen und Bärentraubenblätter ist Sieb IV vorgesehen, für saponinhaltige Drogen und Drogen mit herzwirksamen Glykoside Sieb V.
Der pH-Wert bei der Herstellung
Besonders deutlich zeigt sich die Präzision bei alkaloidhaltigen Drogen. Zu ihnen gehören chemisch und pharmakologisch sehr unterschiedliche Substanzen wie Chinin oder Coffein. Bei der Herstellung eines entsprechenden Infus wird der Droge während der Vorbehandlung so viel Zitronensäure zugesetzt, wie sie Alkaloid enthält. Durch die Ansäuerung wird das Alkaloid protoniert und kann so wasserlösliche Salze bilden. Damit wird gezielt beeinflusst, wie gut sie aus dem Pflanzenmaterial in die wässrige Phase übergehen.
Heißeres Wasser oder eine längere Extraktionszeit wären nicht zwangsläufig die besserer Lösung. Bei Alkaloiden kann die Veränderung des chemischen Milieus entscheidender sein als zusätzliche Minuten unter Hitze.
Chinarinde fällt aus dem Schema
Einen Sonderfall bildet Chinarinde. Sie enthält Chinolin-Alkaloide, darunter Chinin. Hier kommt statt Zitronensäure verdünnte Salzsäure zum Einsatz. Hierfür werden 0,5 ml Salzsäure pro g Droge eingewogen. Durch die Ansäuerung werden die Bedingungen für die Extraktion der Alkaloide verbessert. Der Unterschied liegt in der dafür eingesetzten Säure und der festgelegten Menge. Chinarinde macht damit sichtbar, was beim Infus leicht übersehen wird. Nicht jede Arzneidroge lässt sich allein über ein Standardverhältnis aus Pflanze, Wasser und Zeit erfassen. Bestimmte Inhaltsstoffe verlangen zusätzliche Schritte, damit der wässrige Auszug reproduzierbar hergestellt werden kann.
Schleimdrogen, bitte nicht
Während bei Alkaloiden die Bedingungen des Infus angepasst werden, gibt es auch Drogen, für die das klassische Verfahren nicht vorgesehen ist. Dazu gehören schleimhaltige Drogen, sie werden besser mittels Mazerat verarbeitet. Ausgenommen sind Isländische Flechte und Irländische Alge. Schleimstoffe bestehen überwiegend aus komplexen Polysacchariden, die Wasser aufnehmen und stark quellen können. Bei ihnen steht daher eine möglichst intensive Extraktion unter Wärme nicht im Vordergrund. Hier zeigt sich eine Wichtiger Grundsatz der Arzneiteezubereitung: Mehr Hitze oder längere Extraktion bedeuten nicht automatisch, dass der gewünschte Auszug besser wird.
10 zu 100
Für nicht stark wirkende Drogen gilt grundsätzlich ein Ansatz von zehn Teilen entsprechend zerkleinerter Droge mit 100 Teilen Gereinigtem Wasser. Bei stark wirkenden Drogen, ehemals Separanda, muss dagegen festgelegt sein, in welchem Verhältnis Drogenmenge und Auszug stehen. Dass nach dem Abseihen auf das vorgesehene Gewicht ergänzt wird, ist deshalb sehr wichtig: Verdunstet während der Herstellung Wasser, würde der verbleibende Auszug sonst konzentrierter ausfallen.
Frische Herstellung
Infusa werden frisch hergestellt. Das passt auch zum grundsätzlichen Charakter von Arzneitees: Die European Medicines Agency beschreibt Aufgüsse als wässrige Zubereitungen, die unmittelbar vor der Anwendung hergestellt werden. Siedendes Wasser hat dabei noch einen weiteren Nutzen, es trägt dazu bei, die mikrobielle Belastung der pflanzlichen Ausgangsstoffe zu reduzieren.
Ist ein Infus stark getrübt, wird er mit einem Klebeetikett „vor Gebrauch schütteln versehen“. Der Hinweis hat einen praktischen Zweck: Haben sich suspendierte Bestandteile während des Stehens abgesetzt, sollen sie vor der Anwendung wieder möglichst gleichmäßig verteilt werden.
