Während andere Arzneidrogen erhitzt werden, bleibt beim Mazerat bewusst kühl. Vor allem bei der Eibischwurzel und Leinsamen übernimmt Wasser bei Raumtemperatur die Arbeit. Doch nicht nur Schleimstoffe bestimmten die Wahl des Verfahrens, Kondurangorinde zeigt, dass es komplexer ist.
Das Mazerat unterscheidet sich schon durch einen Punkt von vielen anderen Arzneizubereitungen: Die Extraktion erfolgt mit Gereinigtem Wasser bei Zimmertemperatur. Die zerkleinerte Droge wird zunächst mit Wasser gründlich durchnässt und fünf Minuten stehen gelassen. Anschließend wird sie mit der erforderlichen Wassermenge in einem bedeckten Gefäß eine Stunde unter wiederholtem Umrühren extrahiert. Danach wird durch Mull mit einer dünnen Watteschicht abgeseiht, leicht abgepresst und auf das vorgesehene Gewicht ergänzt. Gerade bei Schleimdrogen kann eine Extraktion bei Raumtemperatur gezielt genutzt werden, um die stark wasserbindenden Polysaccharide in den Auszug zu überführen.
Wenn Schleimstoffe quellen
Die Eibischwurzel (Althaea officinalis radix), enthält einen hohen Anteil an Schleimstoffen, die bei Kontakt mit Wasser aufquellen und einen viskosen Auszug bilden können. Diese Polysaccaride legen sich beispielsweise auf gereizte Schleimhäute und werden bei Reizungen im Mund- und Rachenraum sowie bei damit verbundenem trockenem Husten eingesetzt. Auch die Bewertung des Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur. Im Assessment Report zu Althaea officinalis radix wird der Cold Macerate ausdrücklich als Zubereitung aufgeführt. Genannt werden dabei unter anderem zwei bis fünf Gramm Droge auf 150 ml kaltes Wasser.
Ausnahmen: Eibischwurzel und Leinsamen
Für Eibischwurzel und Leinsamen gilt bei der Herstellung noch eine Besonderheit. Anders als beim üblichen Mazerat werden sie nicht zuvor in der Reibschale mit Wasser vorbereitet. Stattdessen werden 5 Teile Droge mit 100 Teilen Gereinigtem Wasser übergossen und anschließend 30 Minuten lang unter wiederholtem Umrühren in einem bedeckten Gefäß extrahiert.
Bei Leinsamen (Lini semen) ist der Kontakt mit Wasser selbst der entscheidende Vorgang. Die Samenschale enthält Schleimstoffe, die Wasseraufnehmen und eine gelartige Schicht bilden. Das HMPC beschreibt diesen Effekt ebenfalls: Leinsamen quellen in Verbindung mit Wasser auf und bilden eine dickflüssige schleimartige Masse. Diese Eigenschaft spielt sowohl bei der Anwendung bei leichten gastrointestinalen Beschwerden als auch bei der Anwendung als Quellmittel eine Rolle. Hier wird deutlich: Nicht mechanisches Durcharbeiten oder zusätzliche Wärme stehen im Vordergrund, sondern ausreichend Kontakt zwischen Droge und Wasser. Auch der Zerkleinerungsgrad ist beim Mazerat auf die jeweilige Arzneidroge abgestimmt. Der Leinsame wird „in toto“, also unzerkleinert, eingesetzt
Für Blätter, Blüten, Kräuter und Eibischwurzel ist dagegen Sieb I vorgesehen, während Kondurangorinde entsprechend Sieb II zerkleinert wird.
Kondurangorinde: Warum auch eine Rinde mazeriert wird
Bei Kondurangorinde gelten andere Vorgehensweisen als bei den klassischen Schleimdrogen. Bei einer Rinde würde man aufgrund ihrer festen Pflanzenstruktur zunächst eher an eine intensive Extraktion denken. Dennoch gehört Kondurangorinde zu jenen Drogen, die auch als Mazerat verarbeitet werden können. Sie enthält unter anderem Bitterstoffe und Steroidsaponine.
Alkaloidhaltige Drogen
Während Kondurangorinde trotz ihrer festen Struktur mazeriert werden kann, bilden alkaloidhaltige Drogen eine klare Besonderheit: Für sie ist das klassische Mazerat nicht das geeignete Verfahren. Stattdessen soll die Zubereitung hier als Aufguss (Infus) erfolgen. Zahlreiche Vertreter dieser stickstoffhaltigen Naturstoffe sind als freie Basen in Wasser nur begrenzt löslich. Ihre Extraktion kann durch Ansäuern verbessert werden, weil dabei besser wasserlösliche protonierte Formen beziehungsweise Salze entstehen.
10 zu 100 und Ausnahmen
Für nicht stark wirkende Drogen gilt grundsätzlich ein Ansatz von zehn Teilen entsprechend zerkleinerter Droge auf 100 Teile Gereinigtes Wasser. Eibischwurzel und Leinsamen fallen erneut aus diesem Schema: Bei ihren speziellen Mazeraten werden fünf Teile Droge mit 100 Teilen Wasser angesetzt. Damit unterscheidet sich nicht nur die Extraktionsdauer, sondern bereits die eingesetzte Drogenmenge.
Bei stark wirkenden Drogen (ehemals Separanda) muss das Verhältnis zwischen Arzneidroge und fertigem Auszug gesondert festgelegt sein.
Mazerate müssen frisch sein
Mazerate müssen stets frisch hergestellt werden. Gerade bei einer wässrigen Extraktion bei Raumtemperatur ist dieser Punkt besonders wichtig: Es findet keine längere Erhitzung statt, die gleichzeitig die mikrobielle Belastung des Ausgangsmaterials reduzieren könnte. Stark trübe Mazerate werden außerdem vor Gebrauch geschüttelt. Haben sich während des Stehens Bestandteile abgesetzt, werden sie dadurch wieder gleichmäßiger im Auszug verteilt.
